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KRIEGSLÜGEN

Don't you ever believe what you read — if it detracts you from opposing a war (and its “humanitarian” business)

| Maurizio Strappazzini (Roma). Ganz Italien atmete auf, als am 28. September die zuvor im Irak entführten und schon totgesagten Volontärinnen der humanitären Organisation „Un Ponte per...“, Simona Pari und Simona Torretta, wohlbehalten auf dem römischen Flughafen Ciampino landeten. Die Befürchtung, daß es den beiden jungen Frauen ebenso ergehen könnte wie dem von irakischen Guerillas verschleppten und hingerichteten Leibwächter Fabrizio Quattrocchi und dem Journalisten Enzo Baldoni, waren begründet, wenngleich „ganz Italien“ sich sicher schlecht von Berlusconis Medienmonopol und der in trautem Nationalgefühl mitschunkelnden Opposition vertreten fühlt, und auch wenn von einer umfassenden Mobilisierung der Öffentlichkeit wie in Frankreich zur Rettung der beiden noch immer im Irak festgehaltenen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot — Topthema jeder Nachrichtensendung, im Schulunterricht, Ursache von Ministergebeten und der Expedition mehrerer islamischer Delegationen in das Zweistromland — nicht die Rede sein kann. Das Leben der beiden jungen Frauen hing an demselben dünnen Faden wie die mühevoll zusammengehaltene italienische Regierungskoalition, deren Ministerpräsident den Drahtseilakt zwischen ununterbrochenen Querelen politischer Freunde und Feinde und seinem launischen, nur mit frenetischer Unterhaltung über die schwersten Konsumeinbußen der Geschichte hinwegzutröstenden Fernsehvolk täglich vollbringt. Und so war die von Berlusconi vor der Presse und im Parlament erklärte Dankbarkeit für den Erfolg der „in sechzehn verschiedene Richtungen aufgenommenen Verhandlungen unserer Geheimdienste“ und die Vermittlung des Königs von Jordanien (zuzüglich des, laut Meldungen der arabischen Presse, bezahlten Lösegelds von einer Million US-Dollar) auch Ausdruck seiner Genugtuung nach den ausgestandenen Ängsten vor dem Unwillen der mehrheitlich gegen die italienische Kriegbeteiligung eingestellten Bevölkerung.



   „Die beiden Simonas“, wie die Medien sie liebevoll tauften, die beiden unschuldigen Samariterinnen in den Fängen religiöser Fanatiker, Lieblinge und Maskottchen der Nation, sind drei Tage nach ihrer Heimkehr schon fast wieder von den Bildschirmen und Titelseiten verschwunden. Der Schleier der Ignoranz hüllt die Italiener, das lesefaulste Volk Europas, wieder ein, und die sachgemäß durchgeführte Desinformationskampagne des mit 3500 Mann und Frau im Irak stehenden italienischen Staates kann weitergehen. Die Kriegsberichterstattung ist hier, anders als in Deutschland, täglich mit Kampfszenen und Frontreports präsent, wobei das Pflichtprogramm inzwischen niemanden mehr so richtig interessiert.
   Kritische Berichterstattung, die den Krieg ablehnt und beendet sehen möchte, erreicht die breite italienische Öffentlichkeit nicht. Eine kurz aufgeflammte Debatte über den Sinn und Widersinn des Volontariats auf Feindesland wies in die richtige Richtung, doch sie verebbte, bevor die Verstrickungen der Aktivitäten von NGOs und den militärischen und wirtschaftlichen Akteuren berührt wurden. Nur die Äußerungen der gerade Befreiten, „der irakische Widerstand ist gerechtfertigt“, rief noch eine polemische Kampagne rechter Zeitungen hervor, in der sich „enttäuschte Bürger“ über die „Undankbarkeit“, sprich das ungenügende Nationalgefühl der beiden ereiferten.
   Dabei sind schon seit September dank der in Neapel herausgegebenen Zeitung „La Voce della Campania“ Informationen über die Hintergründe zugänglich: die Entführung der „beiden Simonas“ hängt eng mit der der vier italienischen Leibwächter Fabrizio Quattrocchi, Salvatore Stefio, Maurizio Agliana und Umberto Cuperrtino in diesem April zusammen. Geheimdienst- und Militärquellen hatten nach Zeugenaussagen ermittelt, daß die beiden Volontärinnen gezielt von einem Einsatzkommando gesucht worden waren. Dies wird verständlicher mit einem Blick zurück ins Jahr 2003, als eine gewisse Valeria Castellani im Irak eintrifft, um in Zusammenarbeit mit „Un Ponte per...“ in Bassora der für ihre hohe Qualität berühmte Dattelsorte Al Bakhri wieder auf den Weltmarkt zu helfen. Dieselbe für ihre Idee und ihren Unternehmergeist in der katholischen Presse gelobte Castellani taucht wenige Monate später im Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft von Genua zur Ermordung Quattrocchis auf. Sie ist nämlich zugleich Chefmanagerin von DTS ltc. Security, einer Firma für Personenschutz, gegründet in Nevada, um den amerikanischen Auftragprotektionismus zu umgehen. Gemeinsam mit ihrem Mann, Paolo Simeoni, war sie auch für die NGO „Intersos“ tätig, letzterer, ein ehemaliger Legionär in Afrika, im Kosovo und im Irak, ist sehr gefragt als Minenräumspezialist. Junge Mitglieder des Vereins „Ya Basta“ bringen das Problem auf den Punkt: „Es gibt keine Zweideutigkeit, um im Irak operieren zu können, ist eine ,Einberufung‘ in die verschiedenen (offiziellen und inoffiziellen) Ebenen der Besatzerarmee unumgänglich.“ Sie heben hervor, daß die Angehörigen von privaten und staatlichen Heeren, die z.B. Minen legen, dieselben von NGOs gefragten „Experten“ sind und damit Teil des Business, ob humanitär oder nicht, um den Krieg herum. Der Preis dieses Business sind Menschenleben, die beiden vielleicht unwissentlich in diesen Morast geratenen Simonas, die am liebsten sofort wieder in den Irak zurückgekehrt wären, sind Teil der naiven Manövriermasse größerer, dunkler Interessen hinter dem „öffentlichen“ Krieg, die sich in den geschwächten Gesellschaften einnisten und sie aussaugen. Unsere Aufgabe im Westen ist zum zivilen Widerstand reizende Aufklärung, die sich gegen jeden illegitimen Krieg (eine Tautologie?) stellt und Kriegstreiber und Profiteure mit schwersten Strafen zur Rechenschaft zieht.

| Der Hintergrundartikel der „Voce della Campania“: La chiave del rapimento delle pacifiste italiane

| unser italienischer Beitrag zum Thema: prisoners of war
und die franzöische Antwort darauf: replique