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| PALESTINE BLUES A special report on Palestinian students life and study ![]() | Mohammed Haj Mohammed (Berlin). Blues ist, nach einer wenig bekannten Definition, wenn gute Menschen in schlechten Verhältnissen leben. Der palästinensischen Bevölkerung stünde mit 15 Universitäten und Fachhochschulen eine solide Infrastruktur zur Verfügung. Doch von einem funktionierenden akademischen Leben kann dort spätestens seit der Zweiten Intifada keine Rede mehr sein. Die massive Absperrungs- und Blockadepolitik sowie die Zerstörung von Schulen und universitären Einrichtungen durch die israelische Besatzungsmacht hat das Bildungssystem nahezu lahmgelegt. Allein der Weg zur Universität ist für Studenten und Studentinnen in Palästina täglich eine Herausforderung. Ein zehnminütiger Fußweg kann wegen der israelischen Kontrollposten etliche Stunden dauern. Ausgangssperren verhindern den Zugang zur Universität auf unabsehbare Zeit. Die Mauer, ein weiterer Anschlag auf die Infrastruktur der palästinensischen Gebiete, hat dramatische Auswirkungen auf das Bildungssystem. Ländliche Gemeinden werden voneinander und von den städtischen Zentren isoliert. Lehrern, Schülern und Studenten bleiben durch den Mauerbau nicht einmal mehr die riskanten Schleichwege, auf denen sie bisher versuchten, zur Schule zu gelangen. Viele Studenten müssen von zu Hause ausziehen und sich ein Zimmer in der Umgebung der Universität mieten. Öffentliche Verkehrsmittel kosten mehr, weil die Kontrollposten auf Feldwegen und Bergstrassen umfahren werden müssen. Wegen der Abriegelung der Orte voneinander kann sich die junge palästinensische Wirtschaft nicht entwickeln. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 40 Prozent. Alles ist teurer geworden. Die Bir-Zeit-Universität bei Ramallah reagiert auf die finanziellen Nöte ihrer Studenten mit einem speziellen Stipendienprogramm. Darüber hinaus bezahlen alle Studenten selbst nur etwa ein Drittel der Studiengebühren von bis zu 1.500 US-Dollar, je nach Studiengang. Der Rest kommt von reichen Palästinensern im Ausland oder ausländischen Organisationen. Aber diese Zuwendungen reichen schon lange nicht mehr aus. Die Bir-Zeit-Universität, entstanden aus einer 1924 gegründeten Schule, existiert seit 2002 mit einem Nothaushalt, denn die Autonomiebehörde ist faktisch bankrott. 2001 versuchte man, es den Abgängern leichter zu machen, deren Eltern wegen der Abriegelung ihrer Städte nicht nach Bir Zeit zur großen Abschlußfeier kommen konnten. Besonders die Studenten aus Gaza waren seinerzeit davon betroffen. So wurde eine große Videowand aufgebaut, und in Gaza-Stadt versammelten sich die Eltern und gratulierten ihren Töchtern und Söhnen winkend und weinend über Videotelefon. Seit 2002 bleibt der Campus leer, es gibt keine Leinwand mehr, es gibt nicht einmal genügend Geld für eine Feier zum Abschied. Dennoch studieren im Jahr 2003/2004 in Bir-Zeit 6317 Studenten, davon 3211 Frauen. Die Universität ist berühmt für ihre geistige Unabhängigkeit auch gegenüber der Autonomiebehörde und Yassir Arafat. Der israelischen Armee ist es nie gelungen, die Anstalt zu disziplinieren. Als sie auf Befehl der Militärbesatzung mehr als zehn Jahre lang offiziell geschlossen war, ist hier nie auch nur ein einziges Semester ausgefallen. Während der ersten Intifada haben Professoren verhafteten Studenten in den Besucherzellen israelischer Gefängnisse noch Examina abgenommen. Selbst wenn der Terror der israelischen Besatzung in Palästina inzwischen zum Dauerzustand geworden ist, hat ein Studium in der palästinensischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Der Rektor der Nadschah-Universität in Nablus, Professor Rami Hamdallah, meint sogar: Trotzdem war ein Studium für Palästinenser noch nie so wichtig wie heute. Er erzählt von palästinensischen Eltern, die ihre gesamten Ersparnisse in die Ausbildung des Nachwuchses stecken. Ich kenne eine Familie, deren fünf Kinder alle hier studieren. (...) Hunderttausenden von uns wurde Land und Eigentum geraubt. Unsere kollektive Angst ist nun, daß es jederzeit wieder passieren kann. Aber was man im Kopf hat, das kann einem keiner mehr wegnehmen. ![]() |