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SPRACHBRÜCKE

The exciting experience of attending a language course

   | Ramona Koval (Australia). 30 Jahre ist es her, daß ich in einer Fremdsprachenklasse wie dieser darauf wartete, daß der Lehrer mit dem Unterricht beginnt. Schüchtern suchen wir uns Plätze, wir kommen aus der ganzen Welt, und die einzige Lingua franca ist für uns eine Sprache, die noch niemand beherrscht: Deutsch!
   Die kleine Japanerin hat ein Porzellangesicht und die piepsige Stimme der Asiatinnen aus gutem Hause. Der junge Mann aus Korea ist sehr förmlich und undurchschaubar. Die Usbekin ist ruhig und hat einen warmen Blick. Der Kroate ist ernst, der Schwede scheu, der Israeli locker, der Amerikaner kaut Kaugummi.
   Nach der ersten Woche sind wir erleichtert, in den Pausen auf dem Hof stehend ein paar Brocken Englisch mit denen sprechen können, die es verstehen. Welch Genuß, eine vetraute Sprache zu sprechen — und welche Qual, ein so wichtiges Instrument der Selbstdarstellung zu verlieren! Wieder in der Klasse, stellt Herr P aus Korea gerade seine Vielseitigkeit unter Beweis: wir bewundern seine ausgefeilte Zeichensprache, bei der er seinen gesamten Körper einsetzt. Frau O aus Japan sagt kaum etwas, aber in ihren täglichen Hausaufgaben ist selten eine Korrektur notwendig, während meine eigenen mit Rotstift übersät sind, weil ich versuche, das, was ich sagen will, in einer Mischung aus ungrammatischem Deutsch und dem Yiddisch auszudrücken, das in meinem Elternhaus gesprochen wurde. Herr M aus Kroatien ist selbst Lehrer und hat interessante Methoden entwickelt, sich Dinge zu merken, indem er z. B. alle grammatischen Formen ausprobiert, sobald er sie hört. Jeden Tag verstehe ich etwas mehr von dem, worüber die Leute in der U-Bahn reden. Reklame und Informationstafeln bekommen auf wunderbare Weise einen Sinn.
   Herr P aus Korea ist ein Spaßvogel, und er beginnt viele seiner Beiträge mit der Formulierung “in Korea”, und wir gewöhnen uns daran, auf diese Formulierung zu warten und mit ihm zu lachen. Irgendwie überreden wir Frau O aus Japan, uns etwas vorzusingen — und die zarte Person überrascht uns alle mit ihrem deutschen Lieblingslied — der “Forelle” und einer wunderbaren, klaren und kräftigen Stimme.
   Mr. USA ist nach Berlin gekommen, um hier zu malen, und er zögert bei jeder Frage des Lehrers.
   Wir fangen an, uns außerhalb des Unterrichts zu treffen. Herr P ist Experte im Ergattern von billigen Konzertkarten, und wir gehen abends zusammen aus. Während der Pause bleiben wir in der Klasse oder holen zusammen Käsebrötchen und sprechen auf der Straße Deutsch.
   Gegen Ende der 8 Wochen sind wir überrascht, als Herr USA einen Vortrag über eine deutsche Techno-Band hält. Er spricht fließend mit vielen neuen Wörtern. Wir äußern den Verdacht, daß er sich eine deutsche Freundin zugelegt hat, aber er besteht darauf, ganz einfach seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Die Besonderheiten und Begabungen jeder einzelnen Person, ihr Charakter, ihre Geschichte und Erfahrungen offenbaren sich durch die Sprache in dem Maße, indem die Fremdheit verschwindet. Unsere neue gemeinsame Sprache erlaubt es uns, uns über die koreanische Sitte zu wundern, an den leidenschaftlichen Ansichten der Isrealis über das Jüdische Museum teilzuhaben, einen aufschlußreichen Einblick in das schwedische Sozialversicherungssystem zu gewinnen... und in meinem Vortrag über Australien ertappe ich mich dabei, daß ich es als ein großes Land mit drei Zeitzonen und vielen merkwürdigen Tieren beschreibe.
   Nach acht Wochen sind wir traurig, daß wir auseinander gehen müssen, tauschen Adressen aus und versprechen, uns in Taschkent oder Kyoto oder an irgendeiner abgelegenen Grenze zu treffen. Unser Sprachabenteuer war eine Lektion in Demut, in Toleranz und darin, welches Vergnügen es bereiten kann, sich eine neue Denkweise anzueignen. Dann begeben wir uns in den Berliner Tag, um zu sehen, was er für uns bereithält.

| Die Autorin ist eine australische Journalistin und Schriftstellerin, die einen Sprachkurs am Goethe-Institut Berlin besuchte. Übersetzung Judith Maiworm.