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EXISTENZIELLE SCHWANKUNGEN

Is it possible to enjoy an art collection assembled by the old nazi martinet Flick? A matter of conscience.




   | Isaac Risco (Berlin). Auch bei akuter Gefahr, die political correctness zu brüskieren: der Besuch der Friedrich Christian Flick Collection in den Rickhallen des Hamburger Bahnhofs in Berlin lohnt sich. Bedeutsame Werke der letzten Jahre befinden sich in der Sammlung, zum Teil aufwendige Installationen und Montagen, für deren Genuß man allein schon einige Stunden mitbringen sollte. So etwa die Arbeiten des Künstlers Bruce Nauman unter der Überschrift „Partial Truth“, die einen Blick ins tiefere Menschsein wagen, um ihn, den Menschen, mit seiner Selbsterfahrung und eigenen existenziellen Schwankungen zu konfrontieren. Oder die Werke von mehreren Künstlern in Halle 4, die den Titel „Heute und jetzt zufrieden sein“ trägt. Die Fragen-Projektion im dunklen Raum wirft beispielsweise diese Alltags-Selbsterkundungen auf, die oft aus Widersprüchen hervorzugehen scheinen: „Kann ich glücklich sein?“
   Vergessen wird hier indes nicht, daß eben diese Sammlung ein Politikum ist: In wie weit ist es vertretbar, daß ein Erbe, das teilweise mit Zwangsarbeit angehäuft wurde, nun in Form eines bedeutsamen Kunstschatzes gereinigt wird? Kann Kunst eine solch brisante Frage als Hintergrund ertragen? Ist ein solcher Widerspruch zulässig?
   Ja. Die exemplarische Auswahl der Werke in diesem Text soll den Vorschlag für eine alternative Rezeption auf den Punkt bringen: Schert euch wenig um den Sammler Flick, der nicht die Einsicht hatte, der Ausstellung seinen Namen zu ersparen. Tragt die politische Diskussion in eben diesen Raum, wo die Kunst die Fragen stellt, hinein — aus den Widersprüchen des Menschseins heraus. Die Ausstellung sollte dafür um einige hundert Meter erweitert werden, rechts die Invalidenstraße hinauf auf dem Weg zum Lehrten Stadtbahnhof, links über die Sandkrugbrücke weiter, wo auf beiden Seiten die Plakate eines Künstler-Protestes stehen, die auf die Vergangenheit des Flick-Erbes aufmerksam machen. Sie gehören auch dazu. Hier und jetzt, wo die Kunst sich selbstverständlich mit den Halbwahrheiten der Politik zu befassen hat.

| Vom 23.09.2004 bis 23.01.2005. www.hamburgerbahnhof.de.
Die Geschichte der Familie Flick in „Junge Welt“