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ZONENDENKEN

Thinking in East and West (Germany)


   | Isaac Risco (BERLIN). Neulich fuhr ich in den Ostteil der Stadt. Seitdem ich vor einigen Wochen wieder damit begonnen habe, mit meinem Bruder langwierige Schachpartien zu spielen, dreht sich in meinem Kopf alles unaufhörlich um die nächsten Züge, um das Schachbrett, um die für den nächsten Angriff bereitstehenden Figuren. Um die schwarzweißen Schachkästen. Unabsichtlich und permanent fällt mich das Denken an die Kästen in jedem müßigen Moment über mich her. Da waren sie auf einmal wieder, als ich in der Bahn Richtung Osten saß.
   Um es vorweg zu sagen: Ich bin kein West-Kind. Genau genommen, bin ich kein Berliner, nicht mal Bundesbürger (obwohl ich manchmal dazu neige, wenn ich anderweitig vor meiner Wahlheimat schwärme, den symbolischen Schlachtruf aus anderen Zonen-Zeiten „Ich bin ein Berliner!“ meiner Kehle zu entlocken). Sogar eine nicht gerade kurze Wohnzeit im Ostteil der Stadt habe ich in meinen Wanderjahren auf preußischem Boden vorzuweisen, bevor ich in den Westteil übersiedelte. Also rede ich mir desöfteren ein, so ziemlich vorurteils- und zonenfrei durch mein Berliner Leben zu gehen. Auch jetzt, wo man so gerne über Ostalgien redet, wo die Leuten mit Begeisterung beispielsweise Handtaschen mit den Buchstaben Dora-Dora-Richard tragen oder verbittert über die Berta-Richard-Dora-Nation lästern. Derzeit, wo das Zonen-Denken die Runde macht. Ich, der distanzierte Beobachter von abroad. Denkste.
   Auch neulich ertappte ich mich beim schönen Gegenbeispiel, als ich meinen Bruder, zu Besuch in der Stadt, in derselbigen einzuweihen versuchte. Wie erklärt man dem Ahnungslosen, noch weitgehend der hiesigen Zonen befreiten Menschen, was wohl „Berlinern“ bedeute, oder warum man sich hier über die Bayern lustig macht? Und warum man unter deutschen Freunden für einen ironischen Höhepunkt sorgen kann, indem man ein rotzfreches „Was guckst du?“ raus haut, nur nicht — um Gottes Willen — auf den Straßen Kreuzbergs? Und aus welchen Gründen die hoch stilisierte Frau, die etwa auf einer Straße Madrids oder Limas für Furore sorgen würde, hier eher als Tussi zu bezeichnen sei? Und — Aua! — warum man hier als homo sudamericanus oft gut damit tut, sein vermeintliches Latino-Flair beim Tanzen, Kochen oder Spanisch-Sprechen auszuspielen? Und nicht nur zu hedonistischen Zwecken, wie dieses reumutige Ich zu seiner eigenen Schande zu berichten weiß: Nicht lange ist es her, daß ich konspirativ an der Errichtung einer LatinZone mitwirkte, um daraus einen schmackhaften Profit zu ziehen. Wenn auch nur publizistisch und keineswegs zonen-denkend und Vorurteile schürend wie die Bild-Zeitung. Schließlich müssen wir Zonen-Kinder auch leben, und das Leben ist im Endeffekt wie eine Partie Schach, wo man stets den nächsten Zug und das Betreten des angrenzenden Kasten wagen muß, will man es am Ende doch noch schaffen im gesellschaftlichen Spiel.
   Also damit sei zu meiner Entlastung Folgendes festgestellt, flüsterte ich mir zum Schluß in der Bahn Richtung Osten ein: das Schachspielen ist an allem schuld. Nun überlege ich, ob mein Bruder und ich lieber mit Monopoly anfangen sollten, um neben dem schönen Zeitvertreib-Frönen auch einen optimaleren Umgang mit dem Pekuniären zu erlernen.