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FALSCHE ABKÜRZUNG The German Bachelor degree is a half-baked solution: it creates just a new and disoriented upper underclass | Jörg Rostek (MÜNSTER). Keine Zeit für nichts mehr. So geht es den Studierenden der Gegenwart. Einen Studenten, der zusätzlich noch arbeiten muß, erwischt es besonders hart. Ein schlechtes Gewissen haben sie schon, die Professoren, die mithalfen, die Richtlinien des Bologna-Prozesses der Europäischen Union umzusetzen. Mobiler sollte der so genannte Bologna-Prozeß die Studierenden machen. Studiengänge sollten international vergleichbar strukturiert werden. Teilweise ist das auch gelungen, aber zu welchem Preis? Schaffen es doch, unter dem enormen Zeitdruck, nur noch 15 Prozent der Bachelor-Studierenden ins Ausland. Es hat sich bestätigt, was vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber auch zahlreiche Studentenvertreter befürchtet haben: die seit 1999 wirkende Bologna-Reform ist ein Verrat an dem Humboldtschen Bildungsideal. Humboldt lag zwar schon immer durch die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen am Boden, mit der Einführung des Bachelor/Master-Systems aber wird er völlig zertreten. Daß es so gekommen ist, ist die Schuld derjenigen, die glaubten, die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge sein ein rein bürokratischer Akt. Denn so war der Bologna-Prozess nie geplant. Wo seine Befürworter eine Chance für die Lehre sahen, die freier und unkomplizierter werden sollte, war es vor allem der Sparzwang der Hochschulen, der dafür sorgte, daß bestimmte Modelle ohne genauere Betrachtung einfach übernommen wurden. Obwohl Bologna auch einen Bachelor in acht Semester erlaubt, hat man sich beinahe flächendeckend für die sechs Semester entschieden, damit der Nachwuchs schneller in den Arbeitsmarkt fließt. Die Absolventen und Absolventinnen werden nun zwar wesentlich jünger sein, aber auch weit weniger Grundlagenwissen mitbringen, auf das sie aufbauen können. Wer liest schon zusätzlich Klassiker der Wissenschaft, wenn er genug mit der zeitgenössischen Literatur zu kämpfen hat? Die Studierenden müssen ihre Lebenszeit an den Bachelor anzupassen, Bretter vor ihren Köpfen errichten, dürfen sich nicht ablenken lassen. Ein selbstbestimmtes Studium ist unter diesen Voraussetzungen unmöglich. Stattdessen geraten immer mehr Studierende auf die schiefe Bahn. Die Anzahl derjenigen, die Aufputschmittel beim Lernen verwenden, steigt genauso, wie die Menge der Studis, die bei Sozialberatungen finanziellen oder psychischen Beistand suchen. Und wehe, man erwischt einen Studiengang, der nicht zur eigenen Persönlichkeit paßt. Die Fachschaften an den Hochschulen kommen mit der Beratung und der Informationsverarbeitung kaum noch hinterher, weil eine Studienordnung die nächste jagt. In der Wochenzeitung Die Zeit vom 25. Oktober 2007 finden wir ein Beispiel: Die Zeit drängte bereits: ein knapper Monat noch bis zum Studienbeginn. Als endlich eine Wohnung gefunden war, durch die teure Hilfe eines Maklers, kam plötzlich die Zusage aus Siegen. Dann aus Münster. Dann die aus Bochum. Zuletzt die aus Bonn. Sonja wird weder hier noch dort nachrücken, obwohl sie gerne würde. Ihr Vater ist arbeitslos, ihre Mutter ist Pelznäherin für einen erneuten Umzug fehlt das Geld. Die 700 Euro müßte Sonja dann auch noch mitbringen, aber die sind schon für den Makler draufgegangen. Also bleibt sie; in der falschen Stadt, im falschen Studiengang. Störts keinen? Die Intellektuellen schauen weg und die meisten Studierenden nehmen die Zustände in kauf, in der Hoffnung auf einen guten Job mit guter Bezahlung. Betrogen werden sie auf jeden Fall um die schönste Zeit ihres Lebens und eine qualifizierte Hochschulbildung. Zeit für Politiker und Hochschulexperten zu erkennen, daß der kürzeste Weg nicht immer der beste ist. | Ältere Beiträge von Jörg Rostek: Der Rest ist Unterschicht W|O 36 Push and Pull W|O 39 |