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ZIVILCOURAGE IM KOMMEN


Two girls, students in Berlin, distribute flyers to improve the quality of public transport



Foto: BVG


   | Isidor Grim (BERLIN). Zivilcourage wächst nicht auf den Bäumen. Und im Land der Wendehälse und Bücklinge ist jeder Tropfen davon Ambrosia! Wer macht sich schon noch Gedanken, was er tun kann, wer bemerkt an sich noch den Schmutz der Hoffart, Gewinnsucht, der Erfolgsgeilheit, des Kadavergehorsams... letzterer grassiert besonders.
   Doch es gibt Lichtblicke. Unter Schülern, die sich blauäugig als billige Arbeitskräfte ausbeuten lassen; unter Azubis, die stillschweigend die Schikanen ihrer Meister hinnehmen, weil sie entschlossen sind, sich ein bescheidenes und anständiges Leben aufzubauen; ja, sogar unter Studenten, die inmitten des Herdentriebs ihr Studium gewissenhaft vorantreiben und von ihren Jobs nicht Bücher, sondern Studiengebühren bezahlen.
   Aus der Meute der karrierevergifteten Bildungskundschaft sind uns zwei rare Exemplare über den Weg gelaufen: Lela und Sarah, zwei Berliner Studentinnen. Die eine studiert Frankreich an der FU, die andere Marketing an der FHTW, und beiden steht’s bis hier! — Was? — Die Misere der BVG-Kontrolleure.
   Es ist alles bereits gesagt: unfreundlich, unerbittlich, unerträglich schleichen sie in U- und Straßenbahnen, zücken ihre Plastikexistenz und zocken ab. Bei ihrem Motto „ehrlos aber nicht wehrlos“ gibt es keine Schülerin am Ersten des Monats, keinen Penner ohne heilen Fetzen am Leibe und keine schusselige Oma, die nicht zur Kasse gebeten werden. Gründe lassen sie — weiß doch jeder, daß eine Prämie zu ihren Mindestlöhnen an eine „Fangprämie“ geknüpft ist (taz, 19.10.05) — nicht gelten. Müssen sich das Berliner gefallen lassen, wo sie täglich teure Fahrkarten und mit ihren Steuern noch jährlich 300 Millionen Euro Subventionen (2006) an ihre eigenen städtischen Betriebe zahlen?!
   Kurz, Sarah und Lela haben die Nase voll. Sie wollen ein Zeichen setzen. Deshalb werden sie in diesem Juli, gleichzeitig zum Erscheinen dieser Zeitung, eine Flyeraktion starten. Genau: eine Flyer-Aktion! Klandestine Propaganda machen! (Fällt das noch unter die Meinungsfreiheit, oder ist das schon Terrorismus?) Ihre Idee ist aufklärerisch in dieser Welt des Vandalismus gegen Verbote, der entpolitisierten Kultur in einer kulturlosen Politik, des Konformismus in der Individualgesellschaft.
   Auf ihren cleveren Flugblättern wird schlicht und einfach stehen: „Liebe Leute! Zückt doch nicht so eilfertig gleich eure Karte! Akzeptiert nicht diese Alltagsgestapo! Laßt euch doch, jede/r einzelne von Euch, bitte (bitte!) lange (laaaange) Zeit, bis ihr sie findet!“ Das Bißchen Zivilcourage — ginge das?

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