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RABENSCHWARZE ZÄRTLICHKEIT


In the bookshops today: a re-edition of Jakob van Hoddis’ life — who was he?



Jakob van Hoddis (um 1910) | Foto: Dt. Hist. Museum


   | Alexander Heinrich (BERLIN). Der vormalige Dichter des Variete-Zykluses Jakob van Hoddis, eigentlich Hans Davidsohn, wird einmal wieder aufgelegt! Vom kuriosen „Erfinder“ des Expressionismus, den er durch sein erstes und wahrscheinlich einziges heutigentags noch immer etwas beachtetes Gedicht „Weltende“ gleichsam wie ein Blitzschlag geprägt hatte, wissen wir wenig.
   Bis zu seinem siebenundzwanstigsten Lebensjahr war er eine der bunten Gestalten in der Berliner Bohêmeszene der sogenannt goldenen Zwanziger Jahre; er trug vor im neuen Klub und den anderen Kabaretts, in denen auch Heym, Jentzsch und die vielen anderen auftraten; im Café des Westens verliebte er sich wohl in dieselben Frauen, die auch von den anderen begehrt wurden, und ähnlich litten jene auch allesamt aneinander, wenn sie schrieben.
   Das tat van Hoddis spärlich genug — alle seine Gedichte soll er stets bei sich getragen haben. Schritt um Schritt näherte er sich Rinnstein und Gosse, und beinahe abgerissen war er schon, als man ihn schließlich in eine Nervenheilanstalt einwies. Mit seiner Mutter überwarf er sich; sein Vater, der ein derb-gefühlvoller Sonderling gewesen sein muß, ist recht früh verstorben. Aus der Nervenheilanstalt entfernte ihn schließlich die enthemmte Grausamkeit der Zeit nach der Weimarer Republik, danach ist nichts mehr von ihm bekannt, auch nicht die Umstände seiner wahrscheinlichen Ermordung!
   Was uns von ihm aber vermacht ist, das ist höchste Kunst aus jener verzweifelt-verteufelt „goldigen“ Zeit. In seinem Variete-Zyklus, dieser possierlich witzigen, chuzpe-spitzigen kleinen Sammlung von Szenen aus den dazumal flitternden und paukenden Varietetheatern, da spürt man das Beben der Zeit, dieses stille Wissen um ihre eigene Überlebtheit. Man nimmt wenig von dem heute so unausweichlichem Politischen wahr in diesen Zeilen und vor allem: es gibt ein Dazwischen! Da purzelt es und hopst munter schwipsüber und es ringsherumt kunterbunt — immer auf den Beinen landend — mit Bravour und mit einem Humor, den es nicht mehr gibt, nicht nur nicht in Deutschland! „Jedermann als Karikatur seines Ideals“ — also in etwa sprach Nietzsche, und in den Berliner Zwanzigern glühten die Geister alle vor lauter Gespanntheit, was vor ihnen gedacht wurde, und vor der Ungewißheit, was aus solcher Spannung einmal entspringen könnte.
   Der kleine, rabenschwarze van Hoddis, mit dem großen Gefühl für die feinen Zwischentöne, wie sie im Stillen unter einer ehrlichen Haut wie der seinen krabbelten, ist ein Großvater von so vielem, was wir heute in der Unterhaltung, dem Entertainment, nicht man mehr als europäisch erkennen wollen: das Flirren der bunten Leuchtreklame durch die Schatten einsamer Seelen auf den großstädtischen Straßen, die Unterhaltungsspelunken, diese Wracks von vergangenen Tagen, wie wir sie später aus den amerikanischen Großstädten wiederkennen, den Charme von gleich lebensversonnenen wie lebenshungrigen Männern, die ihre Façon wahren, ohne mit der Wimper zu zucken, oder die Ironie des Herzens mit seiner ganzen Kindheit im Geiste, die nur ahnen will, nur rät, wenn sie spricht. — All das ist damals wohl wie ein Regenbogen über den Trümmern einer verwunschenen Stadt zersprungen und in alle Richtungen niedergerieselt.
   Hätten wir die Bildung dazu, wir würden die Trümmerchen aufspüren, sind sie doch noch überall zu merken, wenn man es nur will! Wer weiß schon, was van Hoddis’ Zeit der Welt tatsächlich vermacht hat? Was ich in ihr entdecken konnte, das ist ein Stil, der wahrlich fein ist und so viel Zärtlichkeit hat, daß man ihm verfällt, wie es keine Frau für möglich halten würde!


| Fritz Bremer: In allen Lüften hallt es wie Geschrei — Jakob van Hoddis, Fragmente einer Biographie. Paranus Verlag, 2007
Neuauflage mit einem aktuellen Nachwort von Irene Stratenwerth. ISBN 3-926200-46-4