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DER ZWECK HEILIGT DIE MITTELMÄSSIGEN


The university has lost its identity. A plea for another university — against efficiency, competition and haste




   | Lothar Gelfort (DRESDEN). Einer der grundlegenden Motoren für die sich immer stärker abzeichnenden Veränderungen an den Universitäten ist die stetig anwachsende Zahl der Studenten. 1970 studierten in Deutschland 410.000 Personen, im Jahr 2006 sind es 1,4 Millionen. Gleichzeitig gibt es einen Trend von sinkender personeller Ausstattung, dessen chaotische Auswirkungen in diesem Wintersemester etwa die Erstsemester in der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften in Dresden zu spüren bekamen, als überfüllte Lehrveranstaltungen ein sinnvolles Studium unmöglich machten. Auf diese Problematik wurde mit dem sogenannten Bologna-Prozess reagiert, in dessen Mittelpunkt die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen steht — und die bedeutet engmaschigere Kontrolle der Lernleistungen, Verschulung, kürzere Studienzeiten und Studiengebühren.
   Das Bedürfnis nach übersichtlich verschulten, weltweit vergleichbaren Studiengängen und zügigen Abschlüssen ist im Zeitalter der globalisierten Ökonomie zweifellos vorhanden, was auch am fehlenden Protest gegen die eingeleiteten Umstrukturierungen zu erkennen ist. Vom Studenten wird keine Selbstständigkeit mehr erwartet. Im zunehmenden Maße entwickeln sich Studenten zu Kunden und Universitäten zu Dienstleistungsbetrieben. Ein Regiment des knappen Geldes hat die Hochschulen erfaßt, sie konkurrieren um die Söhne und Töchter aus reichen Elternhäusern, um Drittmittel, um Aufnahme in Exzellenzprogramme, um Focus-Rankinglistenplätze, um Medienaufmerksamkeit oder um Sponsoren und Mäzene. Die Wörter, mit denen der Geist und der Zweck der Universität in Zukunft verhandelt werden, lauten Nützlichkeit, Effizienz, Pragmatismus und Funktionalismus. Für anspruchvollere Geister, die ihr Leben nicht auf die beiden Fragen „Was habe ich davon?“ und „Was kriege ich dafür?“ reduzieren möchten, obschon ihnen das die Tagesschausprecher jeden Abend vorlesen, verliert die Universität damit spürbar an Attraktivität.



Die Universität wäre ein günstiger Ort, um über Alternativen nachzudenken, um Alternativen zu entwickeln, auszuprobieren...


   Auch für Professoren wird die Veranstaltung immer uninteressanter. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Gott habe sie selig, mußte ein Professor sechs Stunden pro Woche unterrichten, heute sind es mindestens neun; er hatte deutlich weniger Gremien- und Prüfungsverpflichtungen, und Drittmittelakquise ist ihm ein Fremdwort gewesen. Zulagen zum Grundgehalt gibt es heute nur noch, wenn Gelder für Forschungsvorhaben etwa bei der DFG, bei der VW-, Siemens-, oder Thyssenstiftung eingeworben werden. Bei traditionsreichen Kriterien wie Lehrerfolg, nicht selbst subventionierte Publikationen, Vortragseinladungen usw. wird der Nutzen nicht mehr anerkannt.
   Ebenso wie die Studenten werden die Professoren nicht mehr in Ruhe gelassen. Mit Zeit, Muße, finanzieller Grundausstattung und Gelassenheit zu forschen oder zu studieren, zu sammeln, zu editieren, zu lesen, zu schreiben — diese Zeiten sind vorbei. Existierte noch vor fünfzig Jahren im akademischen Betrieb eine strikte Tabuisierung von Effizienzfragen, galt noch jeder als Barbar, der leise Zweifel an der Nützlichkeit bestimmter Forschungsfragen zu äußern wagte, als amusischer Trottel, als Kulturbanause und mußte sich den Hinweis auf geistige Werte gefallen lassen, die für und aus sich selber sprächen — heute sprechen die geistigen Werte gar nicht mehr, weder für sich noch für andere, sie sind weg, sie existieren nicht mehr.
   Umlagert und angeschrien von übernützlichen Fremdinstitutionen, die alle etwas anderes von der Universität erwarten, verlor sie selbst ihre Identität. Schon Arthur Schopenhauer bedauerte: „Jene Alma Mater, die gute..., welche mit hundert Absichten und tausend Rücksichten belastet, behutsam ihres Weges daherlaviert kommt, indem sie allezeit die Furcht des Herrn, den Willen des Ministeriums, die Satzungen der Landeskirche, die Wünsche des Verlegers, den Zuspruch des Studenten, die gute Freundschaft der Kollegen, den Gang der Tagespolitik, die momentane Richtung des Publikums und was noch alles vor Augen hat?“
   Die Universität ist unsicher geworden. Mit wackeligen Füßen geht der Professor zur Etatverhandlung ins Ministerium, denn auch intern ist die Solidarität abhanden gekommen, die Fakultäten konkurrieren gegeneinander, innerhalb der Fakultät wird konkurriert usw..
   Warum und für was muß sich die Universität aber rechtfertigen? In einer Gesellschaft, in der derzeit jeder Bereich nach den Kriterien und Denkmustern der Ökonomie auf Vordermann gebracht wird, wäre es von großer Wichtigkeit, wenn eine Institution wie die Universität eben nicht von ökonomischen Kriterien und Vorstellungen geleitet wird, sondern sich um die Annäherung an selbst gesetzte Ideale bemüht. Die Gier und das Verlangen nach Unnützlichkeit, nach Zweckfreiheit wird in den kommenden Jahren sowieso spürbar steigen. Die Universität wäre ein günstiger Ort, um über Alternativen nachzudenken, um Alternativen zu entwickeln, auszuprobieren, für Dinge, mit denen man kein Geld verdienen kann, nichts anzufangen weiß, für Lebensweisen, für die man sich nicht zu rechtfertigen braucht.
   Bei der jetzigen Art zu reformieren, zeichnet sich für die Zukunft folgendes Bild ab: Für jeden zehnten Professor, für drei bis vier Prozent eines Jahrgangs werden sich wieder traditionelle Universitätsstrukturen herausbilden, d. h. Geld im Überfluß, exzellente Studienbedingungen, die Freiheit zu forschen, worüber man will. Der Zugang erfolgt über Studiengebühren von amerikanischen Ausmaßen. Der Rest landet auf Fach- und Hochschulen, ebenfalls mit Studiengebühren belastet, wo etwas bessere Gymnasiallehrer die Schulstunden leiten, kombiniert mit einer dünnlichen Wissensvermittlung. Doch, wie gesagt, es werden immer mehr Studenten. Und mit ihnen wächst der Teil einer neuen halbgebildeten Gesellschaft der Hast, des Neides und der Unzufriedenheit.

| Lothar Gelfort ist verantwortlicher Redakteur der Dresdner Zeitschrift „Der Knüller“