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AUTONOM WERDEN! Flushing away our chlichés and stereotypes: Dietrich Kuhlbrodt in an interview about non exsisting German cultural politics ![]() > Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der aktuellen deutschen Kulturpolitik? > KUHLBRODT: Das gibt es? Die Kulturpolitik? Davon weiß ich nichts. Das Auswärtige Amt macht Repräsentationspolitik. Der Bund macht Hauptstadtpolitik. Die Kommunen machen Standortpolitik. Wer schlau ist, verkauft der Stadt seine Kunst zur Imagepflege, damit die Stadt ein unverwechselbares Gesicht bekommt. Das wäre etwa so wie vor einem halben Jahrhundert die Kunst am Bau. < > Deutschland verblödet? Es wird weniger gelesen, gestört und gefragt als je zuvor. Womit kann man heutzutage neben der Gammelglotze mit Bullshitfaktor (Kalkhofe) und dem weltweiten Nachrichtenwirrwarr die Leute noch beeinflussen? > KUHLBRODT: Deutschland wird schlauer! Es wird mehr gelesen am Monitor! Das Fernsehen hat keine Schuld. Es wird von fiesen Meinungsmachern genauso wie die Printmedien benutzt, Leute zu beeinflussen. Die Meinungsmacher haben Namen! Dieckmann (Bild)! Aust (Spiegel)! Übrigens ist Lesen nicht höherrangig, auch wenn es das Bildungsbürgertum gern so hätte. Dem Spiegel und der Bild ziehe ich 3sat vor. < > Müssen Film und Theater Ihrer Meinung nach politischer werden? > KUHLBRODT: Um Gottes willen: Nein! Film und Theater sind politisch genug. Bitte nicht noch mehr deutschnationale Indoktrination wie in Der Untergang, Napola Elite für den Führer. Und das Theater vermittelt doch schon alles von neokonservativer Gesinnung bis zur stalinistischen Nostalgie. < > David Lynch hat uns gesagt, er lehne es zukünftig ab, in Hollywood zu produzieren und würde sich stattdessen auf die Eigenproduktion von DVDs beschränken. Als Kulturkritiker und Bühnenkünstler stehen Sie da vor ganz eigenen Problemen, welche sind das? Kritischer Kommerz? Na, wissen Sie, wo leben Sie denn? Gefahren abwehren? Für die Gefahrenabwehr (§ 14 PrPVG) haben wir doch unsere Polizei! > KUHLBRODT: Lynch hat recht. Autonom werden! Was mich betrifft, ich hab kein Problem. Es ist eine Bereicherung, auf der Bühne zu stehen in einer Gemeinschaft. Als Kritiker ist man eher einsam. Klar schreib ich anders. Ich bin einer unter vielen. Also ich schreiben wie im Angelsächsischen. Das ist in Deutschland verpönt, weil man sich bitteschön etwas Höherem (Werte) verpplichtet fühlen muß (Bildungselite). Scheiß drauf. Ich habe die journalistischen Ws (wer, wie, wann, wo, warum) durch meine As ersetzt: anekdotisch, autobiografisch, assoziativ, meinetwegen auch aggressiv. < > Was halten Sie von den aktuellen Entwicklungen im Film bezüglich der Darstellung der deutschen Geschichte zwischen Das Leben der Anderen und Mein Führer? > KUHLBRODT: Auch der Film hat keine Schuld. Die Filme, beide produziert von Eichinger, sind ja nur klitzekleiner Teil einer neokonservativen Kampagne, die von Meinungsführern wie Diekmann und Aust in ihren diversen Medien (Print, TV, Film) betrieben wird. Dagegen hilft nur eine asymmetrische Strategie: You Tube, bloggen, hacken, Netzgemeinschaften bilden. Das hat meine Sympathie. Dort sind Leute aktiv und meckern nicht nur rum. Auf die gepflegtere Art bringt man eine Stadt wie Stuttgart dazu, die Wagenhallen zu dulden, in denen junge bildende Künstler frei sind und sich mit Musikgruppen und Offtheater vernetzen. Ende August ist die Premiere von Hermannschlachten, unter der Regie von Jonas Zipf. Ich spiele den Varus. Die Hermannsschlacht ist ein leuchtendes Vorbild. Die asymmetrische Strategie der Germanen (auch wenn das historisch eine Ansammlung von Warlords war) brachte den hochgerüsteten, logistisch und strukturell perfekt organisierten Römern den Tod. Die Strategie des Stücks mit anderen Worten: Sich nicht als anti verstehen, sich vernetzen, auch mal mit der Stadt reden, Schauspieler vom Berliner Ensemble und vom Staatsschauspiel dazuholen (dann kriegt man auch mal das Feuilleton ran) und im übrigen auf den Pfaden von Deleuze wandeln, von Vorstadt zu Vorstadt, nie durchs Zentrum, Rhizome bilden, Nebenwege suchen, parallel werden. < > Sehen Sie eine Verbindung zwischen der Abstumpfung der Gesellschaft und der unterhaltsamen Umsetzung historischer oder tagesaktueller Themen? > KUHLBRODT: Die Gesellschaft ist nicht abgestumpft, sondern im höchsten Maße sensibilisiert. Es gehört zum guten Ton, den Krieger Bush zu schmähen. Und: Unterhaltung mit erhobenem Zeigefinger gibt es nicht. < > Welche Gefahren sehen Sie im kritiklosen Unterhaltungsgeschäft von heute? > KUHLBRODT: Kritischer Kommerz? Na, wissen Sie, wo leben Sie denn? Gefahren abwehren? Für die Gefahrenabwehr (§ 14 PrPVG) haben wir doch unsere Polizei! Soll die kommen? Sollen wir 110 wählen? Es läuft doch anders: Wenn ich was für gefährlich halte, schreie ich doch nicht Zeter und Mordio, sondern fühle mich berufen, etwas dagegen zu unternehmen. Ich! Mit anderen! Je größer die Gefahr, desto motivierter bin ich. Danke, Gefahr! Ich bin aktiv geworden! << | Interview by Violeta Berisha (BERLIN) | Dietrich Kuhlbrodt (Jg. 32), formerly attorney at the regional court of Hamburg and concerned with crimes of national socialism, is an actor and film critc. He recently published an analysis of the way national socialism is dealt with in German movies: Deutsches Filmwunder. Nazis immer besser (Konkret Literatur Verlag 2006). | dkuhlbrodt.de.vu |