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WES’ BROT ICH ESS...


The sense of perfect manners — perfectly misunderstood as a servant's attitude




Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht... Diese Erfahrung macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge zu entscheiden, wovon er nicht früher als eine Stunde vorher das erste Wort gelesen oder gehört hat (...) Diese Erfahrung ist es, durch welche der empordringende Dummkopf sich zu den ersten Stellen im Staat hinaufarbeitet, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese. Sie ist es, durch welche sich die unbrauchbarsten, schiefsten Genies, Menschen ohne Talent und Kenntnisse, Plusmacher und Windbeutel bei den Großen der Erde unentbehrlich zu machen verstehen.


   | Henning Rogge (BERLIN). Er war ein Aufklärer, der mit seiner Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) die Emanzipation des Bürgertums vorantreiben wollte. Den Ideen der französischen Revolution nahestehend, wollte er seinen Mitmenschen über die Akzeptanz ihres eigenen Standes, ihrer Persönlichkeit und ihrer moralischen Überzeugungen die Achtung vor anderen Menschen beibringen. Sein Gedanke: nur aus der Moral kann gutes Benehmen abgeleitet werden. Das Buch bekam den Namen „Der Knigge“ und wurde bald zum Mißverständnis: im heutigen Sprachgebrauch steht Knigge für Etikette, etwa, welche Gabel zum Schneckenessen benutzt werden sollte.
   So gibt es unzählige „Knigges“: vom Businessknigge über Knigges für die feine Gesellschaft bis zum Sexknigge. Ein besonders prägnantes Beispiel für schlecht gemachtes Trittbrettfahrertum ist „Der große Knigge“ — eine Mischung aus reaktionärer Spießigkeit und Abonnementenwerbung für „Readers Digest“. Warum sich dieses Machwerk mit Knigges Namen schmückt? Weil es uns aufklärt, daß ein Bewerber auf eine Führungsposition den Job nicht bekommen hat, weil er sich in einem Restaurant sträflicherweise ein Brötchen mit dem Messer aufschnitt — und dann auch noch Butter darauf schmierte!
   Nun, wenn das so ist, werde ich ihn sofort bestellen. Denn anscheinend hat gutes Benehmen heute nichts mehr mit der inneren Einstellung zu tun, sondern mit eingestellt werden. Da hatte Adolph Freiherr Knigge wohl andere Sorgen.