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| GELERNTER GESAMTDEUTSCHER Robert Ide, born in East Berlin, reflects on his new German identity. After the reading of his new book, in March, we had a talk with him. ![]() | Deníz Julia Güngör (BERLIN). Was wäre eigentlich aus mir geworden, wenn es die DDR weiter gegeben hätte? Diese Frage stellt sich der Journalist Robert Ide bis heute. Erich Honecker zu werden, das sei sein erster Berufswunsch gewesen, weil ihm die Brille und die hellen Anzüge so gut gefallen hätten. Gleichzeitig jedoch habe er davon geträumt, Sportreporter zu sein. Auch die Träume, die seine Mutter für Interflug verkaufte und die von Wessis ausgelesenen Magazine im sozialistischen Ausland Bulgarien seien damals verlockend gewesen, erinnert er sich. Mit der Wende verschwand jedoch Interflug, und auch die Träume vom glitzernden Fernsehwesten zerrannen. In seinem gerade erschienenen Buch Geteilte Träume schildert Robert Ide nicht nur seine zwiespältigen Gefühle gegenüber der Vergangenheit und der neuen Identität als gelernter Gesamtdeutscher. Das Buch erzählt auch von den Generationskonflikten, die die Wiedervereinigung mit sich brachte. Das sei vielleicht ein Mittel, um miteinander ins Gespräch zu kommen, hofft der heute Einundreißigjährige. Während in seinem Buch Aufarbeitung für seine Freundin Ilonka das Scheißwort des Jahrtausends ist, stellt es für ihn die beste Möglichkeit dar, sich mit Vergangenheit auseinanderzusetzen. Durch das Buch habe ich die Möglichkeit gehabt, mit meinen Eltern über die Erinnerungen zu reden. Es hat dazu beigetragen, daß ich sie besser verstehe, und vielleicht auch, daß sie mich besser verstehen. Mit der Wende zerbrachen nicht nur die Träume, sie teilten sich auch, erzählt Ide. Nicht einmal in der Nostalgie trafen wir uns, erinnert er sich. Während für jüngere Leute die Erinnerungen eher der ironischen Rückschau dienten, sei für die Älteren der Osten etwas, das man nicht angreifen dürfe, denn dann würde sofort ihre eigene Biographie in Frage gestellt werden. Viele der jungen Menschen haben bis heute nicht mit ihren Eltern darüber reden können, aus Angst sie zu verletzen oder womöglich ihre Heimat zu verraten. In dem Prozeß der Aufarbeitung fehle die Ehrlichkeit mit sich selbst, eine reflektierte Sicht auf die eigene Vergangenheit, muß er finden und fügt, den alten Kuczynski etwas abwandelnd, hinzu: Die DDR hat es schlecht gemacht, aber die Idee war gut. Doch auch Ide wird emotional, wenn er merkt, wie positiv die Menschen auf sein Buch reagieren. Es ist doch toll. Die jungen Leute kommen zu mir, um das Buch für ihre Eltern signieren zu lassen! Dann passiert vielleicht doch mal was, daß man darüber redet. Wenn er seine vielen kleinen Anekdoten erzählt, merkt man ihm die Neugier an der eigenen Vergangenheit an. Ich habe einmal Fotos in unserer Laube gemacht. Da waren auch welche von dem angrenzenden Mauerstück dabei. Als ich die Fotos vom Fotolabor zurückbekam, waren alle Fotos da außer die von der Mauer. Wer hat die rausgenommen, wer hat sich meine Fotos angesehen? Das ist doch interessant. Interessant ist auch die Kiwi-Anekdote: Einen Doppelkassettenrekorder und Kiwis habe er sich von seinen ersten Hundert Mark Begrüßungsgeld gekauft. Als er aber mit seiner Mutter beim türkischen Gemüsehändler stand und sie diesen fragte, wie man die exotische Frucht denn koche, erwiderte der Mann schmunzelnd, man müsse die Kiwi nicht kochen, sondern schälen, und gab ihnen eine zweite zum Üben. Ob der Autor damals wohl mit dem Gemüsehändler aus dem Wedding wo es dem ersten Eindruck seiner Mutter zufolge so aussieht wie bei uns mehr gemein hatte als mit den unbekannten Brüdern und Schwestern aus dem Westen, die sich über Zonen-Gabis erste Banane lustig machten? Ob Ide sich heimisch fühle im wiedervereinten Berlin oder ob ihn immer noch das Gefühl verfolge, ohne Heimat zu sein, habe ich ihn abschließend gefragt. In der Schule haben wir früher immer sagen müssen ‚unsere Heimat DDR‘. Dann war das Vaterland plötzlich weg und wir dachten, auch unsere Heimat wäre verloren gegangen. Bis wir irgendwann feststellten, daß sie immer noch da ist. Aber sie hat sich verändert. Die alten Zeiten alte Zeiten sein lassen? Nein, das möchte Ide nicht. Aber, wie die Älteren sagen, es war gut, darüber geredet zu haben. | Robert Ide: Geteilte Träume Meine Eltern, die Wende und ich. Luchterhand 2007, www.geteilte-traeume.de |