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NICHT SCHWEIGEN Chechen war reporter Mainat Abdujajewa about her work under the Russian regime. An interview by Schirin Khalik (BERLIN). ![]() Mainat Abdulajewa in Berlin > Was hat Sie dazu gebracht, einen lebensgefährlichen Beruf wie den der Kriegsreporterin auszuüben? > ABDULAJEWA: Ich lebte in Grozny, als die Bombardierungen begannen. Viele Leute sind damals geflüchtet, aber ich habe mich entschieden zu bleiben und über die Geschehnisse dort zu berichten. Ich hatte nur eine unprofessionelle Videokamera und begann, damit zu filmen. Als Grozny von den Russen blockiert wurde, habe ich viele europäische Journalisten kennengelernt, die als Auslandskorrespondenten arbeiteten. Damals habe ich mir gedacht, wenn ausländische Journalisten hier in Grozny sind und über mein Land berichten, dann muß ich erst recht über die Situation reden und veröffentlichen. Es war eine Gewissensfrage. < > Wie hält man dem psychischen Druck und dem Leid stand? > ABDULAJEWA: Durch meine Berichterstattung aus Tschetschenien habe ich auch eine Möglichkeit gefunden, die Geschehnisse zu verarbeiten. Ich denke, daß auch wenn man physisch nichts dafür tun kann, um eine Situation zu verändern, kann man sie dennoch erzählen. Man kann darüber berichten. Und ich finde, das ist ziemlich viel: Nicht zu schweigen. < > Konnten Sie denn Ihre Berichte so veröffentlichen, trotz der totalen Zensur in Tschetschenien? > ABDULAJEWA: Es war sehr schwierig, meine Berichte aus Tschetschenien nach Moskau zu bringen. Denn es gab weder Festnetz- noch Mobiltelefon, natürlich auch kein Internet. Also mußte ich in die Nachbarregion Inguschetien fahren, um meine Berichte zu schicken. Das durfte natürlich nur versteckt geschehen, denn es gab viele russische Kontrollposten. < > Wurden Sie damals auch kontrolliert? > ABDULAJEWA: Einmal ist mir das passiert. Das war am Anfang des Krieges in Grozny. Ich wußte noch nicht, daß man bestimmte Dinge, die einen belasten könnten, nicht aufschreiben darf. Ich hatte ein Notizbuch mit den Adressen von Massengräbern bei mir, die von den Soldaten als Aufzeichnungen von Standorten russischer Kontrollposten gedeutet wurden. Ich wurde der Spionage für tschetschenische Rebellen bezichtigt. Es war absurd. Aber es gab den russischen Soldaten einen Grund, mich festzunehmen. < > Wie sind Sie wieder frei gekommen? > ABDULAJEWA: Ich wurde an vielen Orten von verschiedenen Menschen verhört. Sie drohten mir an, mich zu erschießen. Und schließlich mußte ich für mich selber ein Grab schaufeln. Die russischen Soldaten wollten psychischen Druck auf mich ausüben. Ich weiß es nicht, aber vielleicht war es mein Glück, daß etwa drei Wochen zuvor ein sehr bekannter russischer Journalist, Andrej Babitzki von Radio Liberty, ebenfalls von russischen Soldaten festgenommen worden war. Seine Geschichte ging weltweit durch die Medien und erregte so viel Aufsehen, daß ihn die Russen unter dem Druck der Öffentlichkeit freiließen. Sie haben dann noch einige Fingerabdrücke von mir genommen und mich fotografiert. Am Abend wurde ich freigelassen, mußte Grozny aber sofort verlassen. < > Wie ist die Situation heute? > ABDULAJEWA: Heute untersteht Tschetschenien der russischen Regierung, alles ist unter deren Kontrolle. Journalisten, die für unabhängige Medien arbeiten, können nicht mehr einfach einreisen oder dort leben und aus dem Land berichten. Es ist einfach viel zu gefährlich. Und das ist auch der Grund, warum der Krieg in Tschetschenien in Vergessenheit gerät. Niemand will oder kann von dort berichten und dafür sein Leben riskieren. < > Welche Einflüsse wirken auf Journalisten in Rußland generell ein? > ABDULAJEWA: Es gibt verschiedene Seiten, die auf Journalisten Druck ausüben hauptsächlich aus der derzeitigen Regierung. Putin ist ebenso wie der Rest der Obrigkeit ein ehemaliger KGB-Beamter. Er will keine Demokratie und keine freien Medien. < > Was müßte sich in Rußland ändern, damit eine freie Berichterstattung möglich wird? > ABDULAJEWA: Rußland selber wird das in den nächsten Jahren nicht schaffen. Aber es gibt durch den Westen Möglichkeiten. Wenn Rußland ein Teil des Europäischen Rates sein will, dann kann Europa vor den Zuständen in Tschetschenien nicht mehr die Augen verschließen. Denn das liegt auf europäischem Territorium. Die Europäer sollten nicht so viel Angst davor haben, daß Rußland seinen Gashahn zudreht. Das wird Rußland nicht machen, denn Rußland braucht Europa mehr als umgekehrt. < > Was erwarten Sie konkret von den europäischen Staaten? > ABDULAJEWA: Ich erwarte, daß die europäischen Länderregierungen Stellung beziehen. Ich bin mir sicher, sie alle wissen, wer Putin wirklich ist, daß Putins Armee allein in Tschetschenien mehr als 200.000 Menschen getötet hat. Darunter waren über 40.000 Kinder. Die Hälfte des tschetschenischen Volkes ist zu Flüchtlingen geworden. All das wissen die europäischen Politiker, aber sie verschließen ihre Augen davor. Und das hilft Putins Regierung, weiterhin mein Volk zu töten. << | Die tschetschenische Journalistin, die unter dem Pseudonym Mainat Abdulajewa veröffentlichte, hat über Jahre als Kriegsreporterin aus ihrer Heimatstadt Grozny berichtet. Ihre Arbeit bedeutete gleichzeitig eine große Gefahr für sie selbst und ihre Familie. Als der Druck der russischen Regierung zu groß wurde, konnte sie mit Hilfe des P.E.N.-Zentrums Deutschland aus dem Krisengebiet gerettet werden. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Berlin. |