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DIE UNIVERSITÄT UND DIE KINDER DES GENITIVS

Do we have a democracy which guarantees the same chances for everyone? — Not at all! The sociologist Michael Hartmann has analysed the subtle mechanisms of class selection in higher education in Europe. His diagnosis is devastating. An interview by Karl-Heinz Kloppisch and Franziska Gerhardt


           >>> versione in Italiano <<<



> Mit Ihrer Studie „Der Mythos von den Leistungseliten“ belegen Sie empirisch, daß in Deutschland beim Zugang zu höherer Bildung und zu wirtschaftlichen Spitzenpositionen die vielbeschworene Chancengleichheit nicht existiert. Damit entlarven Sie den totalen Integrationsanspruch des deutschen Gesellschaftssystems als illusorisch. Worauf gründen Sie Ihre Thesen?

> HARTMANN: Daß das Bildungssystem hierzulande nicht allen die gleichen Chancen bietet, ist keine Neuigkeit. Es ist vor allem durch die Dreigliedrigkeit der schulischen Bildung, aber auch beim Zugang zu den Hochschulen sozial ausgesprochen selektiv. Was überrascht, ist, daß auch nach dem Abschluß noch massive soziale Barrieren existieren. Um ein Beispiel zu geben: Das Kind eines leitenden Angestellten, das in einem Fach wie Ingenieur-, Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften promoviert hat, besitzt eine zehnmal so große Chance, in die erste Führungsebene eines Unternehmens zu kommen, wie ein Absolvent mit den gleichen Voraussetzungen, von der gleichen Uni, mit der gleichen Studiendauer, mit der gleichen Anzahl von Auslandssemestern usw., dessen Eltern Arbeiter sind. Ist der Vater Geschäftsführer oder Vorstandsmitglied, steigt die Chance sogar auf das Siebzehnfache. Nach dem Erwerb der höchsten Bildungstitel und der sozialen Selektion, die bis dahin schon erfolgt ist, existiert also noch eine zweite, sehr hohe Selektionsstufe. <



Studiengebühren werden, das zeigt vor allem das Beispiel der USA, eine massive soziale Selektionswirkung entfalten:
Je besser die Uni, umso teurer ist sie, und umso weniger Kinder aus der breiten Bevölkerung können sie besuchen.



> Verblassen denn die familiären Hintergründe der Bewerber nicht hinter der internationalen Mobilität der heutigen Studierenden?

> HARTMANN: Unsere aktuellen Untersuchungen zeigen, daß sich die Internationalisierung gerade in Spitzenpositionen bisher in einem sehr engen Rahmen hält, auch wenn es länderspezifische Unterschiede gibt. Wenn man die hundert größten Unternehmen in Frankreich und den USA betrachtet, gibt es praktisch überhaupt keine Internationalisierung. Daran hat sich auch in den letzten zehn Jahren so gut wie nichts geändert. Das ist in Deutschland und Großbritannien etwas anders, da gibt es schon so etwas wie Internationalisierung, aber in einem beschränkten Rahmen. Ich will es am Beispiel Deutschlands deutlich machen. Hier gibt es inzwischen neun von hundert Vorstandschefs, die nicht aus Deutschland stammen. Allerdings ist unter diesen neun nur ein „wirklicher“ Ausländer, ein Italiener, die anderen acht kommen aus kulturell ähnlichen Ländern, vor allem der Schweiz und Österreich, ansonsten den Niederlanden und Schweden, und haben zu einem erheblichen Teil schon ihre gesamte Studienzeit in Deutschland verbracht. Ähnlich verhält es sich in Großbritannien. Dort kommen sehr viele der ausländischen Spitzenmanager aus dem früheren Commonwealth. Zumindest in absehbarer Zeit dürfte die Dominanz nationaler Bildungsinstitutionen und Karrierewege nicht in Frage gestellt werden. <

> Ist Exklusion als sozialstrukturelles Phänomen immanent in jeder menschlichen Organisation, also auch in der Gesellschaft? Inwieweit kann man da überhaupt oligarchische Machtkonzentrationen oder Elitenbildung vermeiden?

> HARTMANN: Man wird sie nicht generell vermeiden können, zumindest nicht unter kapitalistischen Verhältnissen, und das werden die vorherrschenden Verhältnisse der nächsten Jahrzehnte sein. Ich werde jedenfalls keine anderen mehr zu meinen Lebzeiten kennenlernen. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich gravierende und für den einzelnen auch für seine jeweilige Lebensentwicklung sehr wichtige Differenzen zwischen den einzelnen Ländern. Es macht schon einen großen Unterschied, ob Sie, wie in Frankreich, ohne eine der Grandes Écoles besucht zu haben, kaum eine Chance haben, in Führungspositionen zu kommen, oder ob der Zugang, wie in den skandinavischen Ländern, vergleichsweise offen ist. Das hat Auswirkungen nicht nur auf die soziale Zusammensetzung der Eliten oder den Anteil von Kindern aus den unteren Bevölkerungsteilen in qualifizierten Berufen, es hat auch Konsequenzen für die Sozial- und Bildungspolitik dieser Länder. Auch wenn man an Schweden und Dänemark sicher einiges kritisieren kann und sich dort die Verhältnisse in den letzten Jahren verschlechtert haben, so muß man doch feststellen, daß, verglichen mit den Verhältnissen in Deutschland, Großbritannien oder den USA, die Lage für die breite Bevölkerung dort doch deutlich besser sind. Es macht schon einen erheblichen Unterschied, ob ein Bildungssystem wie in Skandinavien der großen Masse der Bevölkerung bis zu einem Alter von 14, 15 eine einheitliche Schullaufbahn garantiert, oder ob es, wie in Deutschland oder Österreich, im Alter von zehn Jahren schon zwei Drittel eines Jahrgangs de facto aussteuert. <

> Also liegt das grundlegende Problem bereits in der Kindergarten- bzw. der Schulbildung?

> HARTMANN: Dort liegt tatsächlich ein grundlegendes Problem. Wir reden hier über Hochschulbildung, viel wichtiger wäre es, über die vorschulische Bildung zu diskutieren, aber das tut ja niemand. Verglichen mit der vorschulischen Bildung stehen die Hochschulen finanziell immer noch gut da. Je höher es in den Bildungsetagen geht, desto mehr Geld wird aufgewandt, obwohl es immer noch zu wenig ist. Das heißt, man müßte die Defizite, die ein Teil einer Generation familiär aufweist, möglichst frühzeitig durch staatliche Institutionen zu beheben versuchen. Das erfolgt in Deutschland aber eben nicht, im Unterschied zu skandinavischen Ländern, wo es zumindest ernsthaft versucht wird. Das gelingt auch dort nicht vollkommen, aber wenigstens doch zu einem nicht unerheblichen Teil. In Deutschland ist aber überhaupt nicht zu beobachten, daß man auch nur die geringsten Ansätze in diese Richtung unternimmt. Entscheidend ist auch, wie ein Lehramtsstudium strukturiert ist und was für eine Bedeutung Lehrer in einer Gesellschaft haben. Ich war kürzlich auf einer Tagung, auf der jemand aus Finnland berichtete. Dort ist der gesellschaftliche Status von Lehrern ein ganz anderer als hierzulande. Das hat nichts mit der Bezahlung zu tun, es hat aber etwas mit der Bedeutung von Bildung, und gerade auch von Bildung der jüngeren Jahrgänge zu tun. <

> Welche Möglichkeiten sehen Sie in der derzeitigen Entwicklung im Rahmen der Schulreform?

> HARTMANN: Es bestand kurzzeitig die Hoffnung, daß die Untersuchungen von PISA, die sehr deutlich gemacht haben, daß das dreigliedrige Schulsystem zu einer extrem starken Verbindung zwischen sozialer Herkunft und schulischem Abschluß führt und auch zu einer sehr ungerechten Beurteilung der Schüler, vielleicht zur Konsequenz haben würde, daß man ernsthaft über diese Dreigliedrigkeit nachdenkt. Das ist nicht eingetreten. Es ist vielmehr genau im Gegenteil eine Verschärfung der Selektionsmechanismen im Schulsystem zu beobachten: die Abschaffung der Orientierungsstufe in Hessen und Niedersachsen, die Verbindlichkeit der Entscheidungen über die Gymnasialstufe seitens der Lehrer und ähnliche Mechanismen. <

> Halten Sie denn eine Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems überhaupt für realistisch?

> HARTMANN: Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Man muß aber sagen, daß zum ersten Mal seit den siebziger Jahren in der breiten Öffentlichkeit überhaupt wieder ernsthaft über die Abschaffung der Dreigliedrigkeit diskutiert wird. Auch in der GEW, wo das lange kein Thema war, wird es jetzt wieder ernsthaft diskutiert. Bis in die politischen Spitzenetagen ist dies allerdings nicht vorgedrungen. Insofern kann man nicht völlig ausschließen, daß es vielleicht doch mal zu einer Änderung kommt, kurzfristig wird es auf jeden Fall nicht dazu kommen. <



Letztlich wird alles darauf hinauslaufen,
daß man versucht, die große Masse der Studierenden
nach sechs bzw. sieben Semestern von den Hochschulen wegzuhaben.



> Wo sehen Sie in diesen starren Zugangsstrukturen überhaupt eine Möglichkeit, den als „Studentenschwemme“ bezeichneten Ansturm von zukünftig fast 30 Prozent mehr Studierenden zu bewältigen? Wird es überhaupt noch eine Möglichkeit geben, das Studium noch als Studium zu bezeichnen?

> HARTMANN: Das wird nur noch für eine Minderheit der Fall sein. Die Ziele sind ganz eindeutig: Man hofft, auch wenn das so nicht funktionieren wird, durch die Umstrukturierung der Hochschullandschaft und der Studiengänge diesen Ansturm bewältigen zu können, ohne mehr Geld auszugeben. Die Vorstellung liegt darin, einen Anteil von sechzig bis achtzig Prozent nach dem Bachelor das Studium beenden zu lassen, was Kapazitäten freisetzen würde. Diese Massenausbildung im Bachelorbereich wird an den Hochschulen stattfinden, die ich als Verlierer der Entwicklung bezeichne, während sich die Master- und Promotionsstudiengänge zunehmend an den Elite- und Forschungsuniversitäten konzentrieren werden. Das ist nicht ganz unproblematisch, und man wird versuchen, verschiedene Mechanismen zu institutionalisieren, z. B. Studiengebühren. Das ist das hessische Modell, wo man bis zu 1500 Euro für jeden Master- und Promotionsstudiengang nimmt, was natürlich bedeutet, daß ein nicht geringer Teil schlicht und einfach aufgrund der Kosten kapitulieren muß. Letztlich wird alles darauf hinauslaufen, daß man versucht, die große Masse der Studierenden nach sechs bzw. sieben Semestern von den Hochschulen wegzuhaben. Das würde rein rechnerisch erlauben, diese Massen zu bewältigen, wenn man außer Acht läßt, daß allen Versprechungen zufolge die BA/MA-Studiengänge eine bessere Betreuungsrelation haben sollten. Aber was von solchen Versprechungen zu halten ist, sehen Sie momentan in Berlin. Der Vizepräsident der FU hat erst kürzlich wieder verkündet, die Universitäten könnten sich nur über die Masterstudiengänge profilieren, also müßten Kapazitäten aus dem Bachelorbereich abgezogen werden. Mit einer zeitlichen Verzögerung tritt das ein, was ich immer prognostiziert habe: Man verspricht, wenn man den Bachelor einführt, die Betreuung werde dadurch besser, und dann stellt man fest, daß von dem vorhandenen Personal fast 90 Prozent im Bachelorbereich gebunden wären, wollte man die Versprechungen einhalten. Das kann und will man natürlich nicht. Also wird nach einer gewissen Phase der Bachelorbereich auf das zurückgeführt, was meines Erachtens ursprünglich auch angedacht war: die Studierenden mit einem relativ geringen Personalaufwand durchzuschleusen. Auf Dauer wird man vermutlich an den Forschungs- und Eliteuniversitäten eine deutliche Reduzierung der gesamten Studierendenanzahl ins Auge fassen. Die Universitäten, die besonders forschungsstark sind, wollen keine Massenuniversitäten mehr sein, und beginnen dementsprechend, Studienplätze abzubauen. <

> Sie sprechen sich gegen Studiengebühren und die Förderung dieser sogenannten Eliteuniversitäten aus. Warum?

> HARTMANN: Gegen Studiengebühren spreche ich mich aus, weil die Erhebung von Studiengebühren derzeit nur einen Zweck hat: die weitere Senkung staatlicher Zuschüsse für den Hochschulbereich oder zum Beispiel auch den Rückzug des Bundes aus dem Hochschulbau zu kaschieren. Statt zusätzlichem Geld vom Staat, setzt man auf eine Umverteilung der Belastungen hin zur privaten Seite, das heißt zu den Studierenden oder ihren Familien. Dazu kommt, daß die Studiengebühren auf Dauer nicht in der jetzigen Höhe bleiben werden, das zeigt schon das Beispiel Hessen, wo sie bereits jetzt bis 1500 Euro gehen können. Studiengebühren werden, das zeigt vor allem das Beispiel der USA, eine massive soziale Selektionswirkung entfalten: Je besser die Uni, umso teurer ist sie, und umso weniger Kinder aus der breiten Bevölkerung können sie besuchen. Studiengebühren und Eliteuniversitäten sind Teil einer Gesamtentwicklung, die darauf hinauslaufen wird, daß wir in zehn bis fünfzehn Jahren eine kleine Gruppe von ca. 25 Elite- und Forschungsuniversitäten haben. Die restlichen 70- 80 Hochschulen werden im Grunde reine Ausbildungshochschulen sein. Die Elite- und Forschungsuniversitäten bieten einem kleinen Teil der Studierenden, vor allem aus Bürger- oder Akademikerfamilien, ein relativ gutes Studium. An den anderen Universitäten wird der Rest der Studierenden, der überwiegend nicht aus diesen Kreisen stammt, in schnellen Bachelor-Studiengängen durchgeschleust, ohne jegliche Verbindung zur Forschung und auch ohne den Anspruch, eine im klassischen Sinne noch universitäre Ausbildung zu bekommen. Die Eliteuniversitäten werden dann auf Dauer vor allem eine Funktion haben: Sie reproduzieren bestehende Unterschiede in der Gesellschaft, in der gesellschaftlichen Klassenstruktur. Das ist die Hauptfunktion aller Elitehochschulen, sei es in den USA, in Frankreich, Japan oder Großbritannien. <

> Einer der zentralen Punkte Ihrer Erklärung dieser sozialen Reproduktion liegt in der Betonung des sprachlichen Habitus’. Was hat man sich darunter vorzustellen?

> HARTMANN: Bourdieu hat das an vielen Beispielen in Bezug auf Frankreich gezeigt: Die Beherrschung eines bestimmten Sprachduktus’ stellt ein Erkennungsmerkmal dar. Wenn Sie mit Personen reden, ob das in Prüfungssituationen ist, in Assessment Centern, in welchen Situationen auch immer, dann werden Sie feststellen, daß die Art und Weise, wie man sich sprachlich ausdrückt, ein ganz wesentliches Merkmal sozialer Herkunft ist: die Vielfalt der Sprache, die Verwendung bestimmter Begriffskombinationen, Satzbaukonstruktionen u.ä. Dazu kommt noch die Art und Weise, wie man spricht. Das Sprachverhalten ist Teil des Gesamthabitus und somit ein entscheidendes Merkmal bei der Auswahl sowohl auf Universitätsebene als auch im weiteren beruflichen Werdegang. Mein Lieblingsbeispiel ist der Genitiv. Man wird sich in Zukunft erkennen an der Verwendung des Genitivs. Es ist bis in die Tagesschau und die großen Zeitung hinein zu beobachten, daß der Genitiv zunehmend verschwindet. Es gibt aber eben jenen Teil der Bevölkerung, der in gutbürgerlichen Verhältnissen groß geworden und mit dem Genitiv aufgewachsen ist. Der spricht ihn automatisch, also nicht „aufgrund dem“ und „wegen dem“, sondern eben „aufgrund des“ und „wegen des“ und „trotz des“ und so weiter. Wer den Genitiv so verwendet, wird mit einer über neunzigprozentigen Wahrscheinlichkeit im gutbürgerlichen Bildungsmilieu aufgewachsen sein. Alle die, die so sprechen, hören sofort, wenn der Dativ an Stelle des Genitivs verwendet wird. Das ist nur eines der Beispiele, wo eine bestimmte Art des Sprechens in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Genauso verhält es sich mit den Hinweisen auf irgendwelche klassischen Bildungsgüter, die in Zukunft noch selektiveren Charakter haben werden, als das bisher schon der Fall war. <<


   Michael Hartmann ist Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Eliteforschung, Managementsoziologie, Industrie- und Organisationssoziologie an der TU Darmstadt. Er legte 2004 das Buch „Elitesoziologie“ vor, 2002 die viel beachtete Studie „Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft“.
Seine Website: www.ifs.tu-darmstadt.de/89