|
| HOCHSCHULE @ ZUKUNFT 2030 The green Heinrich-Böll-Foundation dares a look into the future: what will our universities be like in 25 years? On October 30, 2006, the results of the study HOCHSCHULE@ZUKUNFT 2030 will be discussed on a conference in Leipzig... Von den Unsicherheiten der Zukunft hängt ab, wer nicht versteht, in der Gegenwart für die Zukunft zu sorgen Seneca | Stephan Ertner (BERLIN). Wie sehen die Hochschulen im Jahr 2030 aus? Auf den ersten Blick scheint diese Frage weit weg, wenn nicht gar überflüssig zu sein. Sind nicht die Probleme, mit denen sich die Hochschulen heute herumschlagen, groß genug? Die sich seit Jahrzehnten verschärfende Unterfinanzierung, die Verunsicherung durch die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse, die Einführung von Studiengebühren. Die Liste läßt sich endlos fortsetzen. Und sie offenbart eine große Gefahr: in den Baugruben der vielen Reformbaustellen den Überblick zu verlieren. VON DER ZUKUNFT HER DENKEN Hier hilft ein Perspektivenwechsel. Fragt man von der Zukunft her, was heute getan werden kann, damit die Hochschulen den großen Herausforderungen der Zukunft gewachsen sind, dann weitet sich der Blick. Sogar scheinbare Selbstverständlichkeiten, die wir alltäglich einfach voraussetzen, werden so in Frage gestellt. Ist der jüngste Streit zwischen Bund und Ländern um die Kompetenzen in Sachen Hochschule in naher Zukunft schon obsolet, weil Hochschulpolitik dann bereits eine europäische Angelegenheit sein wird? Werden sich die Hochschulen ändern müssen, schon alleine weil sich der demographische Aufbau der Gesellschaft ändert und absehbar mehr Ältere Hochschulbildung nachfragen? Internationalisierung und demographischer Wandel, aber auch neue Forschungsfragen und veränderte Ansprüche an die Lehre stellen Herausforderungen dar, auf die die Hochschulen antworten müssen. Wie diese Herausforderungen genau aussehen werden, das wollte die Heinrich-Böll-Stiftung genauer wissen und gab die Studie hochschule@zukunft 2030 in Auftrag. Rund dreihundert Expertinnen und Experten aus Hochschulen, Hochschuladministration und Politik, Hochschul- und Zukunftsforscher, Verbände und Studierende wurden im Rahmen einer so genannten Delphistudie nach ihren Erwartungen und Wünschen gefragt. Die Studie ist nicht das erste Delphi, das sich mit der Bildung in Deutschland befaßt. Bereits Ende der 1990er Jahre fragte das Bundesministeriums für Bildung und Forschung im so genannten Wissens- und Bildungsdelphi nach den Potentialen und Dimensionen der Wissensgesellschaft und den Auswirkungen auf Bildungsprozesse und Bildungsstrukturen. Mit der Studie hochschule@zukunft 2030 wird die Delphimethode aber erstmals speziell auf die Hochschulen angewendet. Sie kommt zu zahlreichen interessanten Resultaten. HOCHSCHULE: GEEIGNET VON 18 BIS 88 JAHREN Am einfachsten heute schon absehbar ist die demographische Entwicklung. Die Studierenden des Jahres 2030 sind teilweise schon geboren. Die Experten erwarten, daß die Hochschulen auf die Änderung der Alterspyramide reagieren werden. Das heute schon viel beschworene lebenslange Lernen dürfte Realität werden, weil durch die Flexibilisierung und Verlängerung der Erwerbsphasen, ein Bedarf an Weiterbildung auch in höherem Alter entsteht. Hochschulbildung wird nicht mehr ausschließlich eine begrenzte Phase im Anschluß an die Schule bleiben. Damit wird sich die Zusammensetzung in den Hörsälen ändern: neben Anfängern werden Erfahrene sitzen. Die Hochschulen werden sich auf diese Vielfalt einstellen, unter anderem mit speziellen Angeboten für Ältere. NEUE VIELFALT Aber nicht nur das Lehrangebot wird sich nach Ansicht der Befragten differenzieren, auch die Hochschulen selbst werden sich in Zukunft stärker unterscheiden. Es kommt zur Etablierung verschiedener Hochschultypen – ein Paradigmenwechsel angesichts der Tradition des relativ homogenen deutschen Hochschulsystems mit großer Leistungsbreite. Nicht mehr alle Hochschulen werden alle Funktionen übernehmen. Neben Hochschulen, die regional verankert sind und vor allem der Ausbildung dienen, werden international orientierte Hochschulen für die Spitzenforschung entstehen. Die Exzellenzinitiative, die in diesem Monat die ersten Sieger kürt, weist heute schon in Richtung dieser Differenzierung. Fast 90% der Befragten des Delphis erwarten, daß sich die Qualität der Lehre an den Hochschulen in Zukunft signifikant unterscheidet. Besonders eklatant wird das Leistungsgefälle mit Blick auf Europa ausfallen. Nicht zuletzt deshalb wird es zu starken Wanderungsbewegungen kommen. Wird weltweite Migration heute noch vorwiegend durch Armut und Kriege bedingt, wird in Zukunft Bildung als Auslöser eine größere Rolle spielen. PROBLEMLÖSER HOCHSCHULE? Die Studienangebote der Hochschulen dürften in Zukunft weniger an den Disziplinen als an gesellschaftlichen Problemfeldern orientiert sein, und die heißen vor allem Energieversorgung, Demographie und Probleme der Arbeitsgesellschaft. Nach Ansicht der Experten wird es zu einer Stärkung der Natur- und Ingenieurswissenschaften kommen und zu einer Schwächung der Geistes- und Sozialwissenschaften. PISA GOES ACADEMIA Wie gut die Hochschulen sind, könnte in Zukunft im Rahmen europäischer Hochschul-PISA-Studien bewertet werden. Solche Tests bewerten und vergleichen die Kompetenzen, die Absolventinnen und Absolventen an ihren Hochschulen erwerben. Eine heute noch völlig undenkbare Idee, sind doch die Kenntnisse, die ein Hochschulstudium vermittelt, nur schwer vergleichbar. Aber das dachte man im Bereich der Schulen auch lange. Dennoch kam PISA. Die Expertinnen und Experten halten ein Hochschul-PISA für denkbar. Es könnte eine ähnliche Dynamik auslösen wie die Schultests und außerdem die Lehrinhalte an den Hochschulen ändern und zu einer europäischen Standardisierung führen. WER BESTIMMT IN ZUKUNFT? Trotz dieser Entwicklung erwarten die Experten im Jahr 2030 nicht, daß Hochschulpolitik auf Europaebene statt. ndet. Im Gegenteil. Hochschulpolitik wird ihrer Ansicht nach in Deutschland Ländersache bleiben. Und das, obwohl sich eine Mehrheit eine bundeseinheitliche Politik wünscht. Insgesamt wird sich der Spielraum der Politik jedoch einengen. Die Experten erwarten eine Professionalisierung des Managements der Hochschulen, die unter dieser Voraussetzung in Zukunft autonomer agieren können als heute. Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aus diesen Prognosen für die Hochschulpolitik heute? Insbesondere dort, wo zwischen erwarteter und gewünschter Entwicklung große Diskrepanzen bestehen, zeigen sich heute Ansatzpunkte für die Reform. Am 30. Oktober wird darüber auf einer Hochschulkonferenz in Leipzig diskutiert. Informationen unter www.boell.de/hochschulkonferenz Stichwort Delphistudien Delphistudien sind spezielle Instrumente der Trendforschung. Seit den 1970er Jahren werden sie überwiegend im Bereich der Technikforschung verwandt. Ihr Name verweist auf die griechische Küstenstatt Delphi, wo sich vor rund 2800 Jahren der dem Apollon geweihte Tempel zum wichtigsten Orakel des antiken Griechenlands entwickelte. Kaum ein wichtiges Vorhaben, keine politische Entscheidung wurde ohne vorherige Befragung der Priesterin des Orakels gewagt. Heutige Delphis sind weniger mythisch, kämpfen jedoch mit den gleichen Problemen wie ihr antiker Namensgeber: Die Zukunft ist ungewiß. Mit Mitteln der empirischen Sozialforschung kann man die Zukunft zwar auch nicht voraussehen, aber man kann zu belastbaren Prognosen zukünftiger Entwicklungen kommen. Delphistudien befragen zu diesem Zweck Expertinnen und Experten in zwei Stufen über ihre Einschätzungen zur Zukunft. Vor dem zweiten Mal – das ist das Wesentliche – erfahren sie die Ergebnisse der ersten Befragungswelle. Sie entscheiden dann nicht mehr alleine auf der Basis ihrer eigenen Vorstellungen, sondern in Kenntnis der Auffassung der anderen Befragten. Ihre Einschätzungen nähern sich an, die Zukunftsprognosen werden dichter. |