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DIE HYSTERISCHE MISSION

Germans at war — and what this has to do with universities




   | Isidor Grim (BERLIN). Deutsche Emanzipation? Sitz im UN-Sicherheitsrat? Wieder an der Weltspitze mitmischen? Die deutsche Marine im Mittelmeer? 1,4 Milliarden Euro zusätzlich für den Militärhaushalt?[1]
   Kein guter Anfang. Das klingt so reißerisch. So antifa. Irgendwie unfein. Ja, irgendwie sitzt sich’s auch unfein, hier im vollen Hörsaal H142 auf dem Boden. Doch was tut das zur Sache.
   Mal was Positives: Deutschland ist Exportweltmeister. Aufschwung, die Stimmung der Konsumenten ist wieder besser. „Bund plant Boom für Universitäten / 700000 neue Studienplätze zum Jahr 2014 / Bildungsministerin Schavan verspricht 1 Mrd. Euro für Hochschuloffensive“.[2]
   Was sind denn Zahlen? Jetzt geht erst einmal jedem ein Licht auf. Vor der Wahl war keinem so recht klar, wo der Unterschied zwischen Schröder und Merkel liegen sollte, beim „Rückbau“ unseres Sozialsystems nehmen sie sich tatsächlich nichts. Aber es gab wohl doch jemanden, dem Schröders Nein zum Irakkrieg die Geschäfte versaut hatte. Darum die Merkel.
   Jetzt langen die Herren wieder kräftig zu. Die 1,4 Mrd. für Militärgerät sind nur das Sahnehäubchen. Man muß immer darauf sehen, wer — auf Kosten der Gemeinschaft — wann an was verdient. Von der sog. Hochschuloffensive (man beachte die martialische Wortwahl!) wird „das meiste für die Forschung gebraucht. ,Darüber hinaus sind zusätzliche Mittel für die Lehre nötig‘“[3], die nur gewährt werden, wenn die Universitäten sie in derselben Höhe beisteuern. Wofür wird denn geforscht?
   „Staatliche Fördermittel werden ... künftig nicht mehr ,einseitig forschungsgetrieben‘ vergeben, das Ziel späterer Marktfähigkeit werde der reinen Wissenschaft ,vorangestellt‘. ... Die Ministerin plant, einen Wettbewerb der ,Spitzencluster‘ auszurufen.“ Es „stehen für die Umsetzung der Strategie bis 2009 insgesamt 14,6 Mrd. Euro“ (!) „zur Verfügung.
   ... So will die Regierung neuartige Anti-Terror-Technologien finanzieren. ... Dabei sind große Unternehmen bisher klar im Vorteil.“[4]
   Heute kann ich mich gar nicht konzentrieren, es ist stickig, und der Dozent ist kaum zu hören. Er ist auch müde, kein Wunder, auf einen Prof kommen im Bundesdurchschnitt 60 Studenten. 8000 Professoren fehlen laut Hochschulkonferenz, stattdessen will der Bund nur 3000 sog. Lecturer zur Hälfte finanzieren. „Der Bund“! Wer finanziert wen?


Neuartige Anti-Terror-Technologien statt Bildung

   Ein kluger Kopf der Studentenbewegung von ’68 an der FU Berlin hat einmal für das Ganze den exakten Ausdruck gefunden: Z e r s t ö r u n g  g e s e l l s c h a f t l i c h e n  R e i c h t u m s.
   Er erkannte: „Als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten, wurde die systematische Absorption und Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums das allgemein praktizierte Geheimnis der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, das nach 1945, auf Grund der neuen Machtaufteilung innerhalb des kapitalistischen Lagers, internationalarbeitsteilig praktiziert wurde. ... Rüstungsproduktion und aufgeblähte, totalitäre Verwaltungsmaschine sind die bekanntesten, keineswegs aber die einzigen oder auch nur immer die bedeutendsten Formen systematischer Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums. In den westeuropäischen Ländern dürfte nach dem Zweiten Weltkrieg die Reichtumsabsorption durch Massenmanipulation, sei es durch die publizistischen Medien oder durch Werbung und Verpackungsästhetik, die bedeutendsten unproduktiven und destruktiven Kapitalverwertungsmöglichkeiten geboten haben.“
   Und weiter unten: „Wenn heute dieser spätkapitalistische Staat daran geht, den Ausbildungssektor zu reorganisieren, so werden wir zu untersuchen haben, welcher bestimmte Widerspruch zwischen Kapitalverwertung und wissenschaftlicher Qualifizierung aufgetreten ist und in welcher Form der Staat ihn zu lösen sich anschickt.“[5]
   Das wissen wir heute. Für diesen Arbeitsmarkt (mit unendlichen Billigarbeitskräften im Ausland) hat die Massenuniversität ausgedient. Studiengebühren, Bachelor/Master und andere Selektionsmechanismen (siehe Interview p. 8/9) zeigen klar die Abkehr vom Modell einer emanzipierten Demokratie. Wir blicken verächtlich oder bedauernd auf die US-Bürger? Dazu besteht kein Anlaß mehr: Aufrüstung, zunehmende Kriegseinsätze zur Rohstoffsicherung nach außen und verschärfte Repression nach innen bezeugen die Barbarisierung auch unseres Gesellschaftsverständnisses.


Das „Deutschland“, das ich hasse...

   Alle die, die jetzt erben, alle die, deren Eltern gehobenes Einkommen ihnen der anderen Studenten Alltagslast, vielleicht in einer Eliteuni sogar ihren Anblick erspart, all die hochbegabten Stipendiaten, die die paar Soldaten in Afghanistan, im Kongo und vor dem Libanon vielleicht nicht so schlimm finden, und auch die gutbesoldeten, sicher sitzenden Hochschulprofessoren, Institutsleiter und Rektoren, die es vielleicht nicht schlecht finden, daß der Polizei bei Demonstrationen gegenüber Schülern mal die Faust auschrutscht [6], sollten vielleicht einmal ihre Rolle überdenken.
   Tucholsky schrieb in seiner humoristischen Art einmal zwei Listen nebeneinander: Was ich liebe und Was ich hasse. Zuoberst in der ersten Liste stand Deutschland, in der zweiten „Deutschland“ in Anführungszeichen. Er nahm sich 1935 im schwedischen Exil das Leben. Vielleicht, weil er wußte, daß es das Deutschland, für das er als Intellektueller gekämpft hatte, nie wieder geben würde. So etwas läßt sich auch fürs heutige Deutschland fürchten, dessen Intelligenz vor die Hunde geht, ein „Deutschland“, das sich kriegerisch an die Vorbereitungen des Kriegs gegen den Iran beteiligt, in einer wahrhaft hysterischen Mission: Rüstung statt Bildung, Elitarismus und Raub am Gemeinwesen, Muskelspiele der Propaganda statt Staatsbürgerkunde.
   Auch ich schreibe über Deutschland. Ich rechne nur auf wenige Leser und erwarte nur von einigen Zustimmung. Wenn diese Gedanken niemandem gefallen, müssen sie schlecht sein; doch würde ich sie für abscheulich halten, wenn sie jedermann gefielen.


[1] Tagesspiegel, 20. 8. 06
[2] + [3] Berliner Zeitung, 29. 7 .06
[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. 8. 06
[5] Wolfgang Lefèvre: Reichtum und Knappheit — Studienreform als Zerstörung gesellschaftlichen Reichtums. In: Bergmann, Dutschke, Lefèvre, Rabehl: Rebellion der Studenten. Reinbek 1968
Volltext unter: www.infopartisan.net
[6] Wie zum Beispiel am 3. 6. 06 in Berlin, s. Artikel „Kleiner Nachschlag“, p. 5