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LYRIK FÜRS VOLK


„Wat los, Parzen?“ — Ein Lesebuch. Aphaia Verlag 2006

   | Byeong-Yoel Jun (BERLIN). In der heutigen Literaturlandschaft scheint anspruchsvolle Gegenwartslyrik kaum auffindbar. Lyrik abseits von Gedichten pubertärer Mädchen, deren hormonelle Probleme sich in Versen vermehren, die kaum über den Herz-Schmerz-Paarreim hinauskommen. Das liegt nicht daran, daß es keine jungen und talentierten Autoren mehr gibt, sondern allein an der Tatsache, daß man sie einfach noch nicht kennt. Tom Bresemann, Student der Literaturwissenschaft in Berlin, will dies ändern, und gründete zu diesem Zweck das Symposium S³ für junge Schreibende.



Auch der Haufen Hundescheiße
ist Poesie.



   Wenn Lyrik in solch einem Maße bewegen kann, daß wahre Leidenschaft erwächst, dann muß sie emotional, energisch und jung sein. Das sieht auch Tom Bresemann so — ein großgewachsener Bursche mit langem, braunem Haar, dessen Stimme das Bierflaschenklirren der Punker in der Friedrichshainer Pfarrstraße übertönt. Stift und Papier hat er nur einen kurzen Augenblick zur Seite gelegt. Mit einem verschmitzten Lächeln stellt er sich vor: „Ich heiße Tom, und ich träume davon, Lyrik in einer Millionenau. age unters Volk zu bringen!“ Und er hält Wort.
   Mit Philip Maroldt, einem Leidensgenossen von der TU, organisiert er Lesungen und bietet den Goethes und Schillers von morgen mit dem von ihnen gegründeten Symposium S³ eine Plattform. Seit 2004 ziehen sie mit der Veranstaltung beinahe monatlich durch Berlins Lyrikcafés und entstauben das ewig jugendliche Gesicht der zeitgenössischen Lyrik. Seit diesem Sommer hat das S³ nun endlich in einer alten Kreuzberger Stadtvilla eine Heimat gefunden: die lettrétage.
   Im März präsentierten sie „Wat los, Parzen?“ auf der Leipziger Buchmesse. Das Buch ist ein Sammelband mit 13 jungen Lyrikern (darunter auch Tom und Philip selbst) von denen man wahrscheinlich vorher noch nie etwas gehört hat. Sie sind brutal, schnell und vulgär, genauso wie sie hinreißend, ängstlich und schwärmerisch sind — Lyrik passend zu Berlin. Die junge Gegenwartslyrik verarbeitet alteingesessene Themen wie Liebe genauso wie einen Gang zum Supermarkt oder die Sucht nach „idealen“ Schmerzen — alles wird zum Thema. „Denn Poesie ist nämlich der Haufen Hundescheiße auf der Straße, genauso wie der blaue Himmel über uns“, paraphrasiert Tom den Lyriker Wolf Dieter Brinkmann.


NäCHSTE LESUNG
12. 10. 2006 um 20 Uhr im lettrétage Methfesselstr. 23-25, U Platz der Luftbrücke, Berlin
Eintritt: 4 Euro inkl. Freigetränk


   Aphaia Verlag