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ERSCHWINGLICHE ETHIK


Leo Hickman: „Fast nackt“, Pendo Verlag 2006




   | Denise Schütte, Sebastian Kauer (BERLIN). Kann ich dazu beitragen, etwas Positives zu bewirken? Seit Leo Hickmann Vater geworden ist, beschäftigt er sich immer öfter mit dieser Frage. Zusammen mit seiner Frau Jane und Tochter Esme führt Hickman er ein ziemlich konventionelles Leben in einem Reihenhaus in London.
   Vor allem stört ihn, daß er zwar weiß, wie sehr „unser westlicher Lebensstil“ uns, der Umwelt, unsern Nachbarn oder willkürlich Menschen am anderen Ende der Welt schadet, den Gedanken daran aber meist verdrängt. Das Phänomen, daß längst nicht jeder Kritiker von Konsumwahn und Globalisierung gern aufs Shopping bei H&M verzichtet, ist bekannt.
   Hickman beschließt, ein folgenreiches Experiment an sich selbst durchzuführen: Er will versuchen, für ein Jahr „ethischer“ zu handeln, seinen Konsum einzuschränken und möglichst umweltbewußt zu leben – und vielleicht endlich das schlechte Gewissen beruhigen, das ihn angesichts seiner Untätigkeit immer wieder überfällt. Er sucht sich drei Experten, die ihm in den „schwachen, unethischen Hintern“ treten und ihn in den Bereichen Ernährung, Umweltschäden und Konsum beraten sollen.
   Mit viel Charme und einer guten Portion Selbstironie schildert er in seinem kürzlich erschienenen Buch die Schwierigkeiten, mit denen er bei der Umsetzung ihrer Tips zu kämpfen hatte. Während die Abo-Kiste mit Gemüse aus der Region Hickman und seine Frau gleichermaßen überzeugt, sorgt nicht nur die Umstellung auf Stoffwindeln für Tochter Esme, die nachts nicht dicht halten, für Streß in der Familie. So begeistert sich Hickman für den neuen Wurmkomposter, während sich seine Frau Jane vor den daraus aufsteigenden Wolken von Fruchtfliegen ekelt. Hickman, der sich selbst für viel zu zynisch für esoterisches Althippiegehabe gehalten hatte, findet sich bald erstaunt als Mitglied der Online-Wurmkultur-Diskussionsgruppe wieder.
   Doch die Hickmans werden im Zuge des Experiments auch mit weitaus dramatischeren Problemen konfrontiert: Als das Baby krank wird und ins Krankenhaus muß, behalten sie dort die von den ethischen Beratern aufgeworfenen Fragen nach medizinischen Tierversuchen und dem Verhalten bestimmter Pharmakonzerne lieber für sich. Auch der Vorschlag der Berater, die Bank zu wechseln, hat es in sich: Die Hypothekenzinsen für das Reihenhaus könnte die Familie bei der empfohlenen Bank kaum noch bezahlen. Hickmans leicht resigniertes Fazit: „Ethisch zu leben ist in Ordnung, solange man es sich leisten kann“.


| Originaltitel: „My Life Stripped Bare. My Year Trying To Live Ethically“.
Leo Hickmans Kolumne im Guardian: http://money.guardian.co.uk/ethicalliving