contents
 
inside

international
europa
special 2010
cultur
 


 
cultur
welt im wandel
was zählt, ist der mensch (dt)
klassik unter stalin (dt)
   living literature
extinct species
minerva bebop (it)
senza vento (it)
bianco winkelmann (it)
passagen I (dt)
passagen II (dt)
impressioni berlinesi I (it)
impressioni berlinesi II (it)
poets on the mic (en)
   bookshells
gomorra (dt/it)
erschwingliche ethik (dt)
lyrik fürs volk (dt)
   b-sides
one-man freakshow (dt)
prohibido (it)
the ultimate wax (it)
   35mm
flachskopf (dt)
thank you for smoking (dt)
   da capo
kleingeld (dt)
disco fever (dt)
 
      
FLACHSKOPF

by Robbe De Hert
on DVD, New Star Film , 1980



   | Ní Gudix (BERLIN). Es gibt Filme, die vergißt man nie. Dieser belgische Klassiker ist so ein Film. „De Witte van Sichem“ ist ein flämischer Jugendbuchklassiker, so was wie Tom Sawyer auf Belgisch. Es geht um Lewie Verheyden, der wegen seiner strohblonden Haare „Wittekop“ (Flachskopf) genannt wird und auf einem Bauernhof lebt. Das Buch von Ernest Claes erchien 1920. Die erste Verfilmung folgte 1934 — ein drolliger Kinderfilm, mehr aber nicht.
   Robbe De Hert, das belgische enfant terrible und mit Fugitive Cinema einer der ultralinken Alt-68er des flämischen Kinos, entkitschte den „Witte“ 1980 in seiner Leinwandversion und schaffte ein echtes Jugendrebellionsdrama. Witte, grandios gespielt von Eric Clerckx, ist nunmehr fast 13 und fest integriert in das Räderwerk von Schule, Landarbeit und Kirche. Dennoch läßt er sich nicht unterkriegen und schafft sich seine Freiräume selbst. Vielleicht ist es das, was an dem Film so beispielhaft ist, gerade für uns neumodische Großstädter hundert Jahre später: die Botschaft LASS DICH NICHT UNTERKRIEGEN, die Notwendigkeit kleiner Fluchten und der Phantasie und des offenen Geistes. Rimbaud sprach damals vom dérèglement des tous les sens, also Sinneszellen auf und durch.



„Verdammt noch mal, es ist hier doch immer dasselbe, ich krieg ja mehr Schläge als Essen!“


   Nein, „harmlos“ ist der Film nicht, und „komisch“ auch nicht. „Verdammt noch mal“, brüllt Lewie am Ende, „es ist hier doch immer dasselbe, ich krieg ja mehr Schläge als Essen!“ Ja, die Jugenderziehung war damals nicht pingelig. Blindwütig dreschen Vater, Lehrer und Hein auf Witte ein, egal, was der gemacht oder nicht gemacht hat. Es ist kein Film zum lauten Herauslachen, es sind keine „Lausbubengeschichten“. Sicher, der Film lebt von Wittes kleinen Finten, aber die werden nicht als Mittelpunkt inszeniert. Daß Ernest Claes, der Erfinder des „Flachskopf“, mit der ersten Verfilmung nicht zufrieden war, erfahren wir aus dem auf der DVD entaltenen Archivmaterial. Zu weichgespült sei sie ihm gewesen; obwohl sein Buch ein „schelmenstrekenboek“ ist, glaube er doch, daß er mehr Reflexion, mehr Tiefe hineingesteckt habe. Robbe de Hert hat das ohne Frage erkannt und mit großartigen Darstellern und einem guten Schuß schwarzen Humors umgesetzt.

| www.filmarchief.be