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DISCO FEVER


„Ein Sommernachtstraum“ frei nach William Shakespeare an der Berliner Schaubühne



Postkarte: Film-Foto-Verlag, Berlin-Tempelhof


   | Violeta Berisha (BERLIN). Den ersten Auftritt hat das Publikum beim Eintritt. Es gelangt nicht wie gewohnt von der Seite in den Zuschauerraum, sondern wird an einer großen Schwingtür von den Ensemblemitgliedern in Empfang genommen. Begrüßung mit Küßchen und Bowle, und das Publikum befindet sich inmitten des Geschehens.Kein Wald, keine märchenhafte Bäume zieren die Bühne: Ort der Handlung ist eine Party und die ersten Gäste sind die Zuschauer. Und dann geht die Party auch schon los: Laute Musik, Diskoatmosphäre. Und es wird viel getanzt auf der von Jan Pappelbaum entworfenen Bühne, auf der Kuschelsofas und Glitzergirlanden und vor allem viel Raum zum Tanzen und Toben das Ambiente vorgeben.


„Wir kommen mit Schmerzen,
den Spaß euch auszumerzen!“



    Und so tanzt sich — frei nach Shakespeares Sommernachtstraum — das Stück an den Motiven des Originals entlang. Stets in Bewegung, hin und her gerissen zwischen Realem und Wahnhaftem, zwischen Tier und Mensch, Identität und Identitätsverlust. Shakespeare selbst fungiert nur als Stichwortgeber in dieser stark gekürzten und modernisierten Fassung von Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier und der argentinischen Choreografin Constanza Macras. Schon die Eröffnung zeigt eine Konzentration auf die sexuellen Motive des Stücks. Gleich zu Beginn hat einer der Schauspieler einen lasziven Strip, während er die Worte des Eröffnungsmonologs spricht: „Wir kommen mit Schmerzen, den Spaß euch auszumerzen“. Die Themen Liebe und Erotik, Geschlechterkampf, Sexualität und Verlust von Identität ziehen sich tänzerisch und spielerisch mit masochistischem Körpereinsatz und viel nackter Haut durch den Abend. Zwölf Ensemblemitglieder aus beiden Lagern spielen und tanzen sich in Ekstase. Der Abend folgt keinen Regeln, es gibt keine festen Rollen, immer balancierend zwischen Trash und Kunst, zwischen Banalem und Ernsthaftem. Am Ende haben Angst und Einsamkeit das letzte Wort, wenn mit zittriger Stimme im leeren Dunkel „das ist jetzt aber nicht mehr lustig“ geflüstert wird. Ein Vergnügen für alle Sinne. Das Verwirrspiel um Liebe und Identität findet im Tanz und Spiel, im Bühnenbild und Musik seine Entsprechung.
   Dem Pas de deux aus Regie und Choreographie gelingt mit dieser Arbeit, was die Schaubühne schon seit Jahren anstrebt: eine bemerkenswerte symbiotische Verschmelzung von Tanz und Schauspiel. Macras’ Mix aus Poptheater und temporeichem Tanzgeschehen trifft hier auf Ostermeiers modernen neorealistischen Schaubühnenstil.

| www.schaubuehne.de