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| WAS ZÄHLT, IST DER MENSCH Remembering Hannah Arendt on her 100th birthday ![]() Foto: Uni Oldenburg, Hannah-Arnedt-Zentrum | Ansgar Lyssy (BERLIN). Die ganze Stadt scheint kaum noch über etwas anderes zu reden. So heißt es, als 1963 die ersten Artikel über den Eichmann-Prozeß erscheinen. Hannah Arendt (1906-1975), damals im amerikanischen Exil, gibt diese Artikel später als Buch heraus und wird damit weltberühmt. Viele Juden sind empört. Es wird behauptet, daß ihr Begriff der Banalität des Bösen die Untaten der Nazis verharmlose, ebenso wie ihre Kritik am Fehlen eines organisierten jüdischen Widerstandes. Sie nimmt zu den Vorwürfen keine Stellung, ist überzeugt, daß eine Kampagne gegen sie geführt werde. Auch heute ist Hannah Arendt nicht überall beliebt. Sie hat es sich mit den Linken verscherzt, als sie sich vom Marxismus distanzierte und von den 68ern, sie hat den Elitarismus der Dozenten an den Elite-Universitäten abgelehnt, den jüdischen Nationalismus und das noch vom Geiste des Faschismus durchdrungene Nachkriegsdeutschland. Ihr radikales Eintreten für einen Pluralismus, der den Blick auf das Individuum richtet statt auf eine Gruppenzugehörigkeit, hat sie zu allen Bewegungen auf Distanz gehalten. Sie trat für eine Trennung zwischen Privatem und Politischem ein und war selbst im Privaten versöhnlich. In der Öffentlichkeit provozierte sie und wurde als arrogant wahrgenommen. Sie aber sah den Diskurs um ihre Themen als die einzig angemessene Reaktion auf den Schock der totalitären Verbrechen an: Nicht das Mit-Leid, sondern die Mit-Teilung haben in einer pluralistischen Welt Bedeutung. Denn jede öffentliche Stellungnahme, ja jedes Handeln im öffentlichen Raum impliziert Pluralität und garantiert Individualität. Nur so und dort ist der Einzelne nie mit anderen identisch, während im Privaten Routine und Rituale herrschen. Ihre Provokationen sind zugleich als theoretische und demokratisch humanistische Akte zu verstehen. Hannah Arendt, die am 14. Oktober hundert Jahre alt geworden wäre, hat noch weit mehr brillante, nie unkontroverse Analysen geliefert: zu den Ursprüngen des Totalitarismus, zum Wesen der Revolutionen, über Rahel Varnhagen und jüdische Traditionen, Walter Benjamin und Kant. Mit ihrem Eichmann-Buch wandte sie sich gegen die bequeme Lebenslüge, alle Nazis pauschal als psychopathische Monster abzutun. Die größte Provokation bestand aber wohl darin, stets auf den einzelnen Menschen zu sehen. Es gab für sie nicht den Menschen, sondern nur einzelne, konkrete Individuen. |