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EINE UNIVERSITÄT DES 21. JAHRHUNDERTS


Wider die kopflose Innovationstollerei — 10 Thesen zur Reformation der Bildungs- und Forschungspolitik. Von Wolf-Dieter Narr*


Alle in dieselbe Richtung? Aber wohin?



I. WER WOLLT’ SICH SCHON WIDER INNOVATIONEN KEHREN?
SIE SOLLTEN FREILICH BESSER AUSGEDACHT UND SOZIAL GERICHTET SEIN.


   | Jede Bundesregierung wirft sich mit einem neu altgedrechselten Rat für Innovationen in die Brust. „Chefsache Innovation!“ — so wird forschungs- und wirtschaftspolitisch mit ganzer Sohle aufgetreten. Nur, all das Innovationsgetue weist alte Macken auf. Allein solche Erneuerungen zählen, die mit Hilfe von Produkt-, Prozeß- und/oder organisatorischen Änderungen wirtschaftliches Wachstum treiben, erhöhte Kosteneffizienz zeitigen und via gesteigerter Produktivität Arbeitsplätze sparen. Die Innovationen sind monoman: ökonomisch wie technologisch wie das, was sie wissenschaftlich voraussetzen. Zwar sind sie neuerdings, der Not und nicht der eigenen Einsicht folgend, in Maßen „umweltschonender“ ausgerichtet. Den Erfordernissen hinken sie dennoch hinterher. Die „externen Effekte“ der „Natur“-Ausbeutung sind prinzipiell begriffen. Die Klimakatastrophe, die Ressourcenkatastrophen von der Energie bis zum Wasser drohen nicht mehr übersehbar. Die „soziale Inwelt“ wird jedoch unverändert ausgespart. Überall dort, wo dringlich erneuert werden müßte, angefangen von den wirtschaftlichen und politischen Institutionen, hat der herrschende Filz Bestand. Jeder sorgfältige Blick ins soziale Organisationsgefüge müßte indes offenkundig machen, daß die seit Jahrzehnten gegebenen politischen und ökonomischen „Verfassungen“ polititisches Handeln auf der Höhe der heutigen Probleme lokalnah und weltweit nicht (mehr) erlauben. Normale Katastrophen sind darum die Regel. Ebenso eine gegenwartssüchtige Zukunftsblindheit.


II. WISSENSGESELLSCHAFT LAUTET DER SLOGAN DER ZEIT.

   Informations- und Kommunikationstechnologien sind die Verkehrsformen der 3. wissenschaftlich-technologischen „Revolution“. Das Unternehmen Google und seine aufholsamen Konkurrenten verheißen allwissende Präsenz. Ein kleiner Fehler ist allein zu bemerken. Selbst die am meisten privilegierten und gemäß dem neuen humangenetischen Rassismus am besten „veranlagten“ Menschen, ersaufen ob der Knappheit ihrer Hirnkapazität und Körperzeit in der gleichzeitigen Unendlichkeit der Informationen und ihren Komplexitäten. Urteilskraft, das höchte Ziel des homo sapiens, entschwindet.
   Der Wille zum Wissen und zur Wahrheit — von der handelnden Verlängerung des verläßlich-plausibel gegründeten Wissens zu schweigen — rennen sich in der Fülle der Wissensgründe und Wissensschluchten zu Tode. Übrig bleiben Ekstatiker der Einseitigkeit und immense humane Kosten. Der übergroßen Mehrheit der Menschen bleibt wenig anderes als der Informations- und Kommunikationsmachine alter versachlichter Traum. Ihr gehören die Winzlinge an, die den zum I&K-System gewordenen Gulliver unablässig hinunter- und hinauffallend besteigen. Ohne irgendwelche Fußspuren zu hinterlassen.


III. INFORMATIONEN ÜBER EINE SCHIER UNENDLICHE FÜLLE EHER NATUR- UND GESELLSCHAFTSWÜCHSIGER PHÄNOMENE ÜBERSCHLAGEN SICH.

   Gesellschaften, müßten, so sollte man billigerweise annehmen, alles tun, um sich in ihren kollektiven Einrichtungen so auszurüsten, daß sie reflexiv und handelnd innovative Informationen und informative Innovationen für ihre besten Ziele nutzen. Kognitiv und habituell verkörpern sich diese sozialen Fähigkeiten in den Personen. Das Gegenteil ist der Fall. Gleichschaltung hallt und tritt die Devise.
   Die herrschaftsgewitzte Einseitigkeit innovativen Taumels rächt sich. Statt wenigstens dort einen Neuanfang zu wagen, wo kindlich, jugendlich, jungerwachsen alles neu anhebt, im Bildungs- und Forschungssystem, werden Bildungs- und in ihm Universitätseinrichtungen nach dem aus dem 18. Jahrhundert ererbten Muster neu getrimmt: l’homme machine. Sprich: die Zöglinge sollen so geschult, geteilt und formiert werden, daß sie optimal zu gegenwärtig erkenntlichen ökonomisch-technologischen und arbeitsmarktpolitisch globalen Erfordernissen passen. In Sachen Universitäten heißt dies: die große Masse der Studierenden wird fachidiotisch und prüfungsborniert so geschult, daß sie ohne spezifisches Gewicht überall auch arbeitslos eingesetzt werden kann. Mobil, flexibel, ein Leben lang HartzIX-geschult. Und kostengünstig dazu! Das nennt sich, dem bürograuen, allein ökonomisch gigantomanen Monstrum EU-Brüssel und ihren europäisch längst verlorenen Spitzenpolitikern gemäß: „Bologna-Prozeß“. Lehr- und Lernpaketchen, mit entsprechend abgepackter Nahrung, werden zu Leckerbissen lernender Scholastik. Eine möglichst kleine Zahl angesichts der Grenzen positionellen Wachstums wird in den Bahnen einer leistungspelzumhängten Elite kanalisiert. Ausbildungsgänge, die ihre Adepten durchschnittlich instand setzen, auf der Höhe der „großen Fragen der Zeit“ urteilsreif zu werden, sind eine Fremderscheinung. Stattdessen wird der Instrumentenkasten fülliger und fülliger ausgestattet, den letzten eigensinnigen Bildungs- und Forschungselan auszutreiben. Das geschieht zugleich wie unter dem Zwang, alle Spuren der verhaßten Studentenbewegung und ihrer späthumboldtschen Illusionen zu tilgen, nur wenige regenverhangene Sommer lang, die ihre Reformdüftchen wehten. NC entgegen dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts seit mehr als einer Generation; dreifache sich negativ kumulierende Verwaltung aus meist unfähiger Selbst-, zentraler Universitäts- und kultusministerieller Bürokratie; fächer- und bindestrichfachspezifische Parallelwissenschaften, die sich sach- und handlungswidrig — wie beispielsweise die Medizin — allenfalls bei allgemeinen Ausstattungs- und Gehaltsfragen treffen; Lehr- und Lernformen, die Lernprozesse bestenfalls mit normal blockiertem Ausgang zulassen; neuerdings eine alle Curricula durchdringende Prüferei und ihr entsprechende „Akkreditiererei“, die allem selbst nur fachinternen Lernen Hohn spricht; daraus folgt ein schlecht verschultes Überwachungs- und Strafsystem (qua Noten und Durchfallschancen), das vollends von dem, was sich „Campusmanagement“ nennt, perfekt dumm geschliffen wird. Die Forschung aber, ohnehin wenn nicht aus den Universitäten insgesamt, so doch weithin aus den Lehr-, Lernprozessen ausgelagert, drittgemittelt, in public private partnerships enteignet, rennt stramm, schnell, subdisziplinär und horizontlos dahin. Als fände sie auf fremdem Gelände statt. Eine Forschungslangerin technologisch fiskalisch reputierlich in ihr verinnerlichter Interessen. Suchbild „Innovation“.


IV. DER ALTE, ENERVIEREND BLÖDE SPRUCH TRIFFT ZU. EINE GESELLSCHAFT BESITZT DAS BILDUNGS-, UNIVERSITÄTSUND FORSCHUNGSSYSTEM, DAS SIE VERDIENT.

   Die soziale Distanz der Bildungs- und Forschungseinrichtungen zu den dominanten Interessen ist gering. Gesellschaften schaffen die Sozialisationsformen und fördern die Forschungen, die ihren Interessen dienen. Abweichungen sind die Ausnahme. Dennoch gilt: Hier ist anzusetzen. Hier besteht eine Chance der Jungen halber, der Zukunftschancen wegen. Eine Chance durch die Jungen. Darum lohnt es sich, zu überlegen, sich vorzustellen, erfahren zu phantasieren, wie ein Bildungssystem insgesamt, wie die Universität in ihr aussehen könnte und müßte — unbeschadet allen nötigen Experimentierens und der nötigen sozialen Nischen dafür.


V. NIMMT MAN DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE ERNST, DANN GIBT ES HIER UND HEUTE NUR EINE WEGRICHTUNG.

   Die Wege mögen vielbahnig ausfallen. Gehört zu unserem Anspruch an uns selbst und an andere, daß wir uns mit ihnen selbst bestimmen, müssen wir dazu in der Lage sein — und sei es noch so elementar —, unsere „Welt“ zu verstehen, dann muß allen Jugendlichen bis zum Abschluß ihres 25. Lebensjahres die Chance eröffnet werden, eine Universität zu besuchen. Nur so besteht die Chance, daß die meisten Menschen in „der“ „Wissensgesellschaft“ nicht dumm untergehen. „Wissensgesellschaften“ würden sonst zur ausweglosesten und feinsten aller Herrschaftsformen. Nur in gesellschaftlich notwendig langen Bildungsprozessen besteht die Chance, Menschen durchschnittlich nicht zu Gleit- und Störfaktoren technologischer Innovationen werden zu lassen. Letztere heben den eigenen Körper und Verstand der ihnen unterworfenen Menschen auf, indem sie von ihm zehren. Allenfalls als ungleiche Konsumenten zählen sie. Die Universitäten bieten viele Wege an. Den Ausschlag gibt: alle können kognitiv und habituell so viel lernen, daß sie sich, selbstbewußt und urteilsfähig, allen anderen gleichschultrig, zu entwickeln vermögen. Dann erst überwindet „Bildung als Menschenrecht“ die negative Koppelung an die wechselnden Status der klassenteilenden und verelendenden Arbeitsgesellschaft. Individuen zu Personen geworden können ihr selbstbestimmt mobil und flexibel umso mehr entsprechen, ohne arbeitslos an ihr zu zerbrechen.


VI. EXEMPLARISCH ENTWICKELNDES LEARNING BY DOING

   Von einer Fülle fachlicher Kerne, im gleitenden Übergang von der Schule vorbereitet, werden an Hand weniger exemplarischer Themen im intensiven Verfahren des learning by doing Probleme so methodisch auseinandergefaltet und „gelöst“ zusammengesetzt, daß urteilsfähige Fachkenntnis die Anschlußstellen anderer Fächer und Arten der Problembehandlung lernend erfahren kann.
   Es gibt nicht das Muster nachhaltiger Lehr-Lernprozesse. Überall jedoch kehren im siebenjährigen Zyklus Formen wieder, die inhaltlich breit variieren. Vom Besonderen zum Allgemeinen. Von der Fachbildung zur Kenntnis der „Logik“ anderer Fächer und der Fähigkeit eigene und fremde Methodologie problementfaltend zusammenzusehen. Probleme und methodische Fertigkeiten werden immer zugleich so gelernt, daß die experimentelle Entwicklung alles Lehrlernen kennzeichnet. Darum durchpulst lernendes Tun und tuendes Lernen den aktiven Campus. Ohne sein nahes Ausbildungsziel zu übernehmen, kann von Taddy Blecher aus Südafrika gelernt werden. Zu seinen Innovationen gehört, „daß die Studenten die Universität putzen“(„Harry Potter an der Uni“, in: FAZ 22.5.06). Durchgehend gilt: multum non multa. Gerade weil die Fülle möglicher Informationen alle (Fach-)Rahmen sprengt, heißt die Devise: Konzentration, Tiefenlotung, exemplarisches Lernen und noch einmal Konzentration. Daraus entstehen Lern-Erfahrung und Urteilsvermögen.


VII. DEN AUSSCHLAG GEBEN DIE FORMEN.

   Dazu gehören: eine Fülle kleiner, heute technologisch instrumentell mühelos koppelbarer Universitäten mit der maximalen Größe von zirka 3000 Studierenden; eine durchgehend transparente, demokratische Eigenpolitik der Universitäten. Ihr entspricht ein langfristig garantierter Pauschalhaushalt aus strikt öffentlichen Mitteln. In ihn mögen transparent und pauschal private Mittel fließen, so wie die nicht mehr vorzeitigen Studienabgänger, beruflich erfolgreich regelmäßig zur monetären Ader gelassen werden. Zuvor war selbstredend das Studium für alle kostenlos und ob seiner sechzigstündigen Wochenintensität gänzlich ohne nicht lernbezogene „Jobberei“. Auch für die durchgehend prinzipiell mit denselben Gehältern und Mitteln auszustattenden Lehrenden gilt die Hochschule als Beruf derart, daß alle anderen Beschäftigungen eigener Lizenz bedürfen. Daß die Einkommen restlos zu Tage liegen, ist angesichts des öffentlichen Berufs keine Frage. Die Größe der in ihren Fächern sich überschneidenden Universitäten, in die auch die Fachhochschulen eingemeindet werden, erlaubt kleinere Fächer, intensiveren Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden. Sie macht zugleich universitäre Kommunitäten und Kommunalpolitik zwischen den Fächern möglich.


VIII. FORSCHUNG IM LEHR-LERNZUSAMMENHANG IST EINE FACHLICH UND UNIVERSITÄR KOMMUNALPOLITISCHE SACHE.

   Damit tritt das in Kraft, was man analog zu Technology Assessment Science or Research Assessment nennen könnte. So wie die strikt transparente Universität alle zwei Jahre eigene Evaluationsberichte vorlegt, die zusätzlich in anderen öffentlichen und privaten Gremien öffentlich erörtert werden, so gilt für jedes Forschungsvorhaben — und kreise es nur um eine Person —, daß es substantiell, methodisch, materiell und in Richtung seiner „internen/externen“ Effekte zuerst fachspezifisch und danach universitär allgemein zu diskutieren ist. Mit diesen Verfahren der Universitäten sind die Arten der Forschungsfinanzierung neu zu organisieren. Hierbei ist darauf zu achten, daß gerade sperrige Vorhaben eine Chance haben, ausweisbare Standards nicht repressiver Art vorausgesetzt.


IX. DIE VIELEN WEITHIN AUTONOMEN UND AUTARKEN UNIVERSITÄTEN SIND REGIONAL, MÖGLICHERWEISE STAATLICH, EUROPÄISCH, IN MANCHEN ASPEKTEN ÜBEREUROPÄISCH ZU KOORDINIEREN.

   Angesichts der gestuften Koordination, notwendig und vertrackt wie sie ist, ist darauf zu achten, daß die Bestimmungsrichtung primär von den Universitäten ausgeht. Zu experimentellen und herrschende Paradigmata in Frage stellenden Zwecken ist an eigene universitäre Minderheitenrechte zu denken. Vonnöten ist außerdem, daß sich die politisch im allgemeinen Sinne verstandenen Universitäten ihrerseits den Instanzen repräsentativer Demokratie gegenüber ausweisen. Nicht das neue Mittel des Oktroi, „Zielvereinbarungen“ sind das geeignete Mittel konfliktoffen pauschal kontrollierenden Austauschs. Vielmehr kommt es auf zweijährlich konzentrierte, dann aber über Tage arrangierte wechselseitige Vorstellungen an. Bleibende Kontroversen können mit dem Mittel der Konkurrenz zwischen den Universitäten und einer längerfristigen Umverlagerung von Mitteln entschieden werden.


X. EINHEIT DER WISSENSCHAFT

   ... um der wachsenden Erkenntnis des neugierigen, wissensbedürftigen Menschen zu dienen, Lernen, um selbstbewußt handlungsfähige Personen zu bilden, Lehrende, die sich gleichschultrig mit dem jüngeren Lernenden austauschen und darum ihrerseits Lernende sind — das waren Humboldts humanistische Vorstellungen. Sie wurden nie, allenfalls bei raren Personen verwirklicht. Der angemessene Kontext bestand um 1810 nicht. Er hat sich von Grund auf verändert. Andere, ungleich schwierigere Aufgaben sind zu erfüllen. Und dennoch pocht in Humboldts Konzeption ein Herz humaner Vernunft, dessen Schlag zu hören und zu erhalten, jede höhere Lehr- und Forschungsanstalt angewiesen ist. Um den Preis ihres demokratisch-menschenrechtlichen Sinns. Die heutige Katastrophe besteht in der geschwätzig lärmenden Gehörlosigkeit. Der prätentiösen, innovationsblinden Taubheit.




| *Der Politologe Wolf-Dieter Narr, geb. 1937, lehrte von 1971 bis 2001 am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU Berlin und ist Mitgründer und Mitsprecher des Komitees für Grundrechte und Demokratie.