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2010 Die Universität der Zukunft. Part 2

HOMO HOMUNULUS    oder    DAS HIRN IN DER PATSCHE


Uni-Sci-Fi — A short story by Gabriel Pol




   | In den Weiten des Alls an ein fliegendes Ei gelehnt sitze ich und beobachte die Geburt einer Spiralgalaxie. Die langsame Expansion der kosmischen Urmaterie aus einem Weißen Gamma-Loch, die wie in einem Sufi-Tanz sich drehend aus ihm ergießt und zu immer neuen galaktischen Mustern und Klumpen ordnet, aus denen Sterne, Planeten, Asteroiden oder andere Himmelskörper werden, entspricht in geheimnisvoller Weise dem Prozeß der Entstehung des Menschen aus dem molekularen Basteldrang der Evolution. Äonen von Lichtjahren vergehen, bis „ich“ endlich zu Bewußtsein komme. Auweia! — Blauer Planet, 20.06.2020, 9h MEZ — Ich liege im Bett. Die graue Masse meines IQ-90-Hirns hat mich soeben geweckt.
   Ich heiße Uru Guaya, ID-Nr. 2.374.896, Genotyp: PG266XY, Status: δ-Virtual-Student. Ich lebe unter drei Milliarden Anderen, allesamt Bürger der früheren EU-A.G., die kürzlich von einem Hightech-Konzern namens GlobalNetNeurotics inkorporiert wurde. Die Jahre von Europas „langem“ Frieden, wie er noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts herrschte, sind vorbei, denn nun beherrscht GlobalNet fast alles und jeden dank einer neuartigen Technologie supramentaler Quantenteleportationssysteme namens „Introspectors“. Die über starke Gravitationskräfte verfügenden Quantenfelder, die sie erzeugen, sind in der Lage, menschliche und tierische Gehirne auf der elementaren Ebene der subatomaren Ströme zu erreichen und zu manipulieren. Sie wirken über das Unbewußte. Gegenmittel sind zwar vorhanden, doch meist sehr teuer: nur die Reichen können sich einen täglichen Hirnscan samt Neuronenkalibrierung leisten, während die meisten von Introspectors Betroffenen einfach diverse Drogen nehmen, um die Steuerung im Rausch zu boykottieren. Doch viele sind mit Introspectors auch zufrieden, weil sie nicht mehr selbst denken müssen. (Globalnet verkauft inzwischen erfolgreich Lowtech-Introspectors für den Hausgebrauch.) Arbeiten, Schlafen, Konsumieren decken sich mit der Lebensphilosophie der Neurotics-Gesellschaft. Irgendwo dümpelt noch der „Widerstand“ im Zwielicht der verhinderten Randale. Und die „Liga der Cyberyogis“ (LDC), eine im Untergrund wirkende Organisation meditierender Neuroforscher, deren Hauptziel die Sabotage der quantisierten Netzwerkbanken von GlobalNet ist, schenkt Hoffnung. Doch seit die Introspectors „unter uns“ sind, hat GlobalNet binnen weniger Monate gigantischen Einfluß im Bereich des militärisch-industriellen Komplexes, der Energie- und Pharmariesen, der internationalen Diplomatie-, Geheimdienst- und Regierungskreise, der Thinktanks, NGOs und Lobbies aller Art gewonnen, um seine Macht auf Erden zu stärken. Sie klicken sich einfach in Gehirne ein und können tun und lassen, was sie wollen.

   Der Tag beginnt. Ich sitze am Infobord meiner Workstation und durchkämme den Geschichtsserver nach alten Daten. „Same old story“, wie gesagt, ich gehöre ja zu jener minderbemittelten Schicht von δ-Virtual-Studenten (aussterbende Spezies der Geisteswissenschaftler), die keinen direkten Zugang zu den „heiligen Hallen“ der akademischen Wissenschaft mehr haben. Wir studieren am Computer, den uns Hartz XIV aus Altbeständen der Wirtschaft zur Verfügung stellt. Der direkte Kontakt mit Professoren, der Zugang zu Bibliotheken, die Nutzung der Vorlesungsräume und Laboratorien bleibt den zahlenden Studenten vorbehalten. In der elitären Massenfabrik, wo sie wie die Masthühner auf dem Produktionsband zur markt- und ideologiekonformen Ressource gedrillt werden, verbringen sie meist ihre wertvollsten Jahre. Endlich und nach vielen Mühen erringen sie den universitären Abschluß. Meist landen sie dann (vor lauter Glück) auf dem Mars (als Expertenteams interdisziplinären Terraformings) oder erobern andere waghalsige Höhen. An der Spitze unserer Gesellschaftspyramide sitzen die Herren der Wolkenkratzer, der Industrie- und Handelsbastionen, der Airlines, der intergalaktischen Kommunikationssysteme, Konzerne und Banken. Aus ihren Zigarren qualmt (seit über 300 Jahren) der Rauch, den wir „moderne“ Zivilisation nennen.



   Der Müll, den wir täglich verzapfen, stinkt bereits bis nach Alpha Centauri. Der Blaue Planet und die Atmosphäre sind schrottreif. Unser letzter Gott bleibt das Wunder der Wissenschaft, und der Fortschritt der experimentellen Forschung ist seit der so genannten „Gates-Hawking-Crick-Brain-Fusion“ der famosen Biotech-Laboratories, welche im Jahr 2012 in USA, Kalifornien stattfand, alternativlos geworden, denn die geheimen Neuronetzwerkbanken von GlobalNetNeurotics überwachen jeden Bit Information. Die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts hat die Kunst erlangt, sich langsam selbst auszurotten. „Es lebe die Elitenbildung!“ Die Menschen sind so entseelt und von allem natürlichen Sinn verlassen, die meisten kommen ohne Therapie, Drogen, synthetische Lüste und Träume gar nicht mehr klar. Der wahre Sinn ihres Lebens bleibt ihnen verborgen.
   Sang nicht einst Janis Joplin: „Freedom’s just another word for nothing left to loose“? Wer sie verstand, wurde wirklich reich. Mögen die Yuppies von heute an ihren Apartheidswohlstand glauben, früher oder später beißen auch sie ins Gras. — Das Interphone klingelt: Es ist Vina. Ihre Stimme wirkt verängstigt: „Zuerst saß Mono regungslos und mit fürchterlich entgleisten Augen am I-Pod, und dann fing er plötzlich an, alle seine Daten zu löschen und erklärte schließlich, er habe sich entschlossen, zum Rekruten der Durstigen Armee im H2O-Krieg gegen China zu werden.“ — Mono, der Hippie-Freak?! — „Bringe ihn sofort zu Doktor Fredo“, antworte ich und lege den Hörer auf. Die Uhr tickt im Rhythmus steigender Hektik. Ein wirres Intermezzo von Nervenreizen bemächtigt sich meines ins Grübeln geworfenen Hirns: Nachthemd im Ärmel, Zahnbürste im Haar, Rasierschaum im Mund verlasse ich die Wohnung. Erst im Shuttle erreicht mein Geist allmählich den Zustand neuronaler Klarheit. Wenn es Mono wirklich erwischt hat, dann erwartet uns vielleicht ein Quantenvirus. Ich steige am Görlitzer Bahnhof, der letzten Berliner Bastion der Freien aus und gehe schnellen Schrittes zu unserem alten Hirndoktor. Früher war Dr. Fredo ein bekannter Neurologe, bevor ihn das System aufgrund angeblichen Ungehorsams suspendierte. Seitdem wirkt er im Untergrund und hilft allen, die von Introspectors befallen werden. Fredos Keller, den er zu einem Laboratorium umfunktioniert hat, sieht auf den ersten Blick aus wie eine mittelalterliche Folterkammer, doch in Wahrheit ist er mit allerlei Hightechkram vollgestopft, der bei zahllosen Aktionen verseuchten Hirnen ihr Bewußtsein wiedergab.
   Als Vina und Mono endlich auftauchen, blicken wir in das vertraute Gesicht, in dessen Zügen sich nun eine dunkle Leere der Ohnmacht zeigt. Keine Zeit zu verlieren! Wir verabreichen Mono 0,2 Gramm pures THC, das als Beruhigungs- und Narkosemittel auf seine Rezeptoren einwirkt. Dr. Fredo platziert auf seinem Schädel Elektroden und schließt ihn an einen Hirnscanner an. „Ein virusartiger Wurm in den Mikrokanälen zwischen der Großhirnrinde und den subkortikalen Kernregionen des Thalamus scheint Teile seines Hirns zu lähmen. Der Hippokampus, welcher an der Pforte zu diversen Gedächtnisarealen sitzt, läßt ihn auch im Stich: „Kein Schimmer, wer er eigentlich ist“, sagt Fredo nach einer Weile. „Wir müssen zuerst seine cortikalen Assoziationsfelder stimulieren, und dann gehen wir die linke Hemisphäre Stück für Stück durch, um die Quantenfelder von Introspectors zu finden und zu deaktivieren.“ Wir beginnen zu scannen. Auf dem Computerbildschirm bewegen sich zuerst graue Landschaften wabernder Hirnmasse, zwischen denen Blut und elektrische Ströme fließen. Wir vergrößern und sehen ein wirres Geflecht aus Blutgefäßen, Bindegewebe und Milliarden von Zellen, deren Gesamteindruck einer surrealen Manscherei gleicht. Dr. Fredo beobachtet dies alles mit biblischer Aufmerksamkeit. Da wir genau die Zellen (Neuronen) unter den Milliarden anderer finden müssen, welche manipuliert worden sind, irren wir zunächst lange in zahllosen Labyrinthen umher, bevor Fredos Scanner erste Ungleichheiten und Divergenzen der Zellaktivität im inferotemporalen Cortex entdeckt. Im gesunden Ruhezustand feuern die großen Koalitionen cortikaler Neuronen synchron, die einzelnen Areale des Großhirns oszillieren in harmonischen 40-Hertz-Rhythmen, aus denen sich das uns vertraute multisensorische Bewußtsein der Umwelt und unserer Selbst zusammensetzt. Sobald ein Hirn aber fremde Inputs erhält, die mit seiner bisherigen Neurodramaturgie nicht übereinstimmen, ändern sich die neuronalen Oszillationsmuster in den betroffenen Regionen, und so können wir der Quelle des Quantenvirus auf die Spur kommen.



   Die Messung der Feldpotentiale mit Hilfe von EEG, MRT und SPECT, wie sie Fredo gerade vornimmt, verbildlicht die ständig variierende Aktivität einzelner Neuronenkoalitionen. Ihre biochemischen Aktivitätsmuster erlauben uns, Aussagen über den geistigen Zustand des Organismus zu treffen. Der spezifische Schwingungszustand von Monos Gehirn, welches sich zur Zeit in einer sehr niedrigen Frequenz befindet, bestätigt unsere Annahme, daß sein Geist hypnotisiert wurde. Wir vergrößern noch mehr und suchen nun gezielt nach jenen Neuronengruppen, in denen die Quantenwürmer von Introspectors sitzen könnten. In einer Randregion von Pyramidenzellen des inferotemporalen Cortex stoßen wir endlich auf feine Signale, deren Schwingungscharakter sich deutlich von der übrigen Feldaktivität abhebt. Wir vergrößern noch mehr und blicken nun in das Innere des Soma, sehen Gruppen einzelner Atome, die in gewundenen Molekülketten um ihre Plätze schwingen. Die Quantenfelder, die sie durchströmen, wirken auf subneuronaler Ebene über Zellorganelle (Mikrotubuli), über das Cytoskelett und die Ausgangsfasern (Axone) der Zellen in andere Gegenden des Gehirns fort. Fredo hat einen Quantendetektor entwickelt, mit dessen Hilfe er diese Felder identifizieren und so lange stören kann, bis sie sich schließlich auflösen und ihre Wirkung verlieren. Es kommt der Augenblick der Wahrheit. Macht Fredo auch nur einen einzigen Fehler, so könnte unser Freund Mono demnächst ein Zombie sein. „Sei vorsichtig, daß du ihm nicht die Lappen verbrennst“, flüstert Vina. Dr. Fredo schaltet den QuantenDT ein und fokussiert die IT-Zellen. Gebannt blicken wir auf den Bildschirm und sehen, wie die Quantenfelder unter dem Einfluß des Supraphotonenstrahls anfangen, sich langsam aufzulösen. Mono bleibt bisher still. Fredos Schädel glüht vor Anstrengung und Konzentration, seine Finger vollführen immer schnellere Bewegungen auf dem Navigationsbord des QuantenDT. Endlich sinkt er in seinen Stuhl zurück und sagt: „Geschafft. Euer Freund ist wieder er selbst. Der Virus war sehr hartnäckig, doch jetzt ist er deaktiviert.“ — Wir blicken alle auf Mono, der immer noch regungslos daliegt, als sei er nie der hyperaktive Freak gewesen, als den ihn alle kennen. Erst nach einer Stunde öffnet sich langsam ein Auge und wir hören Monos lallende Stimme: „Hey Freunde, wa...was haben wir denn da geraucht? Das Zeug ist ja Spitze!“ — Erleichterung macht sich breit. Und während Stoned-Mono noch lallend versucht, sich zu artikulieren, ringen die für Sprache zuständigen Neokortexfelder seiner linken Hemisphäre um ein Minimum an neuronaler Kohärenz. „Weißt du eigentlich noch, daß du dich heute Mittag von der Blauen Armee in China rekrutieren lassen wolltest?“ fragt ihn Vina. — „Erzähl doch keinen Mist.“
   Auf dem Heimweg schütten die Zellen der Amygdala nur noch Glückshormone aus. Mono ist geheilt und GlobalNet hat ein Opfer weniger. Vielleicht erfindet Dr. Fredo demnächst einen neuen, effizienteren Introspector, dann könnten wir die Yuppies von Neurotics wieder reintegrieren und nebenbei ein bißchen Knete machen. Ja, dann könnten WIR die Welt verändern! Was wäre es für eine schöne Welt: ohne Genfood, Überschalljets, Gasmasken, Hirnwäsche und Dauerstau. Wer weiß, vielleicht würden dann auch wieder grüne Bäume wachsen? — Zu Hause angekommen setze ich mich an die Workstation und lese die jüngsten Schlagzeilen von Fötus-Online: „Cyberyogis legen Netzwerkbanken lahm. Globalnet im Aktientief.“ Na, wer sagt’s denn, vielleicht hat die Menschheit doch noch einen wirren Funken Hoffnung? — Im Bett liegend stimuliere ich noch schnell meinen visuellen Cortex mit einer Südsee-Cyberbrille, bevor ich dorthin zurückkehre, woher ich heute Morgen gekommen bin. Farben, Töne, Bilder, Gedanken und Erinnerungen verschwimmen und im Nu wandelt sich das Wesen der gewohnten Realität. Mein Geist kehrt wieder in mein eigentliches Zuhause zurück: Wahrnehmungen kosmischer Ruhe, innere Klänge und Bilder und ein schwereloser Schwebezustand zaubern mir das Sein hervor, das die veränderte Aktivität tausender Neuronenensemles einer kosmischen Komödie gleich in Szene setzt. Die äußere Welt wird zur Illusion. Am Ende verschwindet sie ganz und läßt nur noch einen blassen Schatten von Erinnerung zurück. In den Weiten des Alls surfe ich wieder in meinem fliegenden Ei.

| Fotos: Dark Star




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