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| WOFÜR KUNST DA IST To the 50th anniversary of Bertolt Brechts death: How artistic alienation works as a revolutionary means of art. By Herbert Marcuse ![]() Quelle: marxists.org | Was heute geschieht, ist nicht die Herabsetzung der höheren Kultur zur Massenkultur, sondern die Widerlegung dieser Kultur durch die Wirklichkeit. Diese übertrifft ihre Kultur. Der Mensch vermag heute mehr als die Helden der Kultur und die Halbgötter; er hat viele unlösbare Probleme gelöst. Aber er hat auch die Hoffnung verraten und die Wahrheit zerstört, die in den Sublimationen der höheren Kultur aufgehoben waren. Als neues Merkmal kommt hinzu, daß der Antagonismus zwischen Kultur und gesellschaftlicher Wirklichkeit dadurch eingeebnet wird, daß die oppositionellen, fremden und transzendenten Elemente der höheren Kultur getilgt werden, kraft deren sie eine andere Dimension der Wirklichkeit bildete. Die Anleichung des Ideals an die Realität bezeugt, wie sehr das Ideal überboten worden ist. Es wird dem sublimierten Bereich der Seele oder des Geistes oder des inneren Menschen entzogen und in operationelle Begriffe und Probleme übersetzt. Hierin bestehen die fortschrittlichen Elemente der Massenkultur. Im Gegensatz zu dem Marxschen Begriff, der das Verhältnis des Menschen zu sich und seiner Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft bezeichnet, ist die künstlerische Entfremdung das bewußte Transzendieren der entfremdeten Existenz ein höheres Niveau oder vermittelte Entfremdung. Die traditionellen Bilder künstlerischer Entfremdung sind in der Tat insofern romantisch, als sie mit der sich entwickelnden Gesellschaft ästhetisch unvereinbar sind. Diese Unvereinbarkeit ist das Zeichen ihrer Wahrheit. Woran sie erinnern und was sie um Gedächtnis aufbewahren, erstreckt sich auf die Zukunft: Bilder einer Erfüllung, welche die Gesellschaft auflösen würde, die sie unterdrückt. Die große surrealistische Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre hat sie in ihrer subversiven und befreienden Funktion noch einmal eingefangen. Was sich in der gegenwärtigen Periode geändert hat, ist die Differenz zwischen den beiden Ordnungen und ihren Wahrheiten. Die absorbierende Macht der Gesellschaft höhlt die künstlerische Dimension aus, indem sie sich ihre antagonistischen Inhalte angleicht. Vor dieser kulturellen Versöhnung waren Literatur und Kunst wesentlich Entfremdung, in der die tatsächlichen Umstände in eine andere Dimension versetzt wurden, worin die gegebene Wirklichkeit sich als das erweist, was sie ist. Sie berichtet also die Wahrheit über sich; ihre Sprache hört auf, die von Täuschungen, Unwissenheit und Unterwerfung zu sein. Der Roman nennt die Tatsachen beim Namen, und ihre Herrschaft bricht zusammen; er untergräbt die Alltagserfahrung und zeigt, daß sie verstümmelt und falsch ist. Kunst hat jedoch diese magische Kraft nur als die Kraft der Negation. Sie kann ihre eigene Sprache nur so lange sprechen, wie die Bilder lebendig sind, welche die etablierte Ordnung ablehnen und widerlegen. Die neokonservativen Kritiker der linken Kritik an der Massenkultur bespötteln, daß gegen Bach als Hintergrundmusik in der Küche protestiert wird, gegen Platon und Hegel, Shelley und Baudelaire, Marx und Freud im Kaufhaus. Stattdessen bestehen sie auf der Anerkennung der Tatsache, daß die Klassiker das Mausoleum verlassen haben und wieder lebendig wurden, daß die Menschen eben sehr viel gebildeter sind. Das stimmt, aber indem die Klassiker lebendig werden, werden sie als etwas anderes lebendig als sie waren; sie werden ihrer antagonistischen Kraft beraubt, der Entfremdung, worin gerade die Substanz ihrer Wahrheit bestand. Absicht und Funktion dieser Werke haben sich daher grundlegend geändert. Wenn sie einmal zum Status quo im Widerspruch standen, so wird dieser Widerspruch jetzt eingeebnet. Ihr Wahrheitswert hing weitgehend von einer unbegriffenen und unbewältigten Dimension von Mensch und Natur ab, von den engen Grenzen, die der Organisation und Manipulation gesteckt waren, von dem unauflöslichen Kern, der sich der Integration widersetzte. In der voll entwickelten Industriegesellschaft wird dieser unauflösliche Kern immer mehr geschmälert. Wenn Städte, Autobahnen und Naturschutzgebiete die Dörfer, Täler und Wälder ersetzen, wenn Motorboote über die Seen rasen und Flugzeuge den Himmel durchstoßen dann verlieren diese Bereiche offenkundig ihren Charakter als eine qualitativ andere Wirklichkeit, als Gebiete des Widerspruchs. Und da Widerspruch das Werk des Logos ist die rationale Konfrontation dessen, was nicht ist, mit dem, was ist , muß er ein Medium haben, worin er sich mitteilt. Der Kampf um dieses Medium oder vielmehr der Kampf dagegen, daß es von der herrschenden Eindimensionalität aufgesogen wird, tritt hervor in den avantgardistischen Versuchen, eine Verfremdung zu schaffen, welche die künstlerische Wahrheit wieder kommunizierbar machen soll. Betrolt Brecht hat die theoretischen Grundlagen für diese Anstrengungen skizziert. Der totale Charakter der bestehenden Gesellschaft stellt den Dramatiker vor die Frage, ob die heutige Welt durch Theater überhaupt noch wiedergegeben werden kann das heißt so, daß der Zuschauer die Wahrheit anerkennt, die das Stück übermitteln soll. Brecht antwortet, daß die heutige Welt nur dann in dieser Weise wiedergegeben werden kann, wenn sie als veränderbar wiedergegeben wird als der Zustand negierender Negativität. Das ist die Lehre, die gelernt, begriffen und nach der gehandelt werden muß; aber das Theater ist Unterhaltung, Vergnügen, und das sollte es sein. Unterhaltung und Lernen sind jedoch keine Gegensätze; Unterhaltung kann die wirksamste Art des Lernens sein. Um zu lehren, was die heutige Welt hinter dem ideologischen und materiellen Schleier wirklich ist und wie sie geändert werden kann, muß das Theater die Identifikation des Zuschauers mit den Ereignissen auf der Bühne durchbrechen. Nicht Einfühlung und Empfindung, sondern Distanz und Reflexion sind erforderlich. Der Verfremdungseffekt soll diese Dissoziation bewirken, in der die Welt als das erkannt werden kann, was sie ist. Alltägliche Dinge werden ... aus dem Bereich des Selbstverständlichen gehoben. Das ,Natürliche muß das Moment des Auffälligen bekommen. Nur so können die Gesetze von Ursache und Wirkung zu Tage treten. (Zitate aus Brechts Schriften zum Theater) Der Verfremdungseffekt wird der Literatur nicht von außen aufgenötigt. Er ist vielmehr die Antwort der Literatur selbst auf ihre Bedrohung durch den totalen Behaviourismus der Versuch, die Rationalität des Negativen zu retten. Das Werk von Betrolt Brecht bewahrt die in Romanze und Kitsch (Mondschein und das blaue Meer; Melodie und süße Heimat; Treue und Liebe) enthaltene promesse de bonheur, indem er sie in ein politisches Ferment überführt. Seine Gestalten singen von verlorenen Paradiesen und unvergeßlicher Hoffnung (Siehst du den Mond über Soho, Geliebter?, Jedoch eines Tages, und der Tag war blau, Und ein Schiff mit acht Segeln, Alter Bilbao Mond, Da wo noch Liebe lohnt) und das Lied ist eines von Grausamkeit und Gier, Ausbeutung, Betrug und Lüge. Die Getäuschten singen von ihrer Täuschung, aber sie erfahren deren Ursachen (oder haben sie erfahren), und nur, indem sie die Ursachen erfahren (und wie sie zu bewältigen sind), gelangen sie wieder zur Wahrheit ihres Traums. Die Anstrengungen, die Große Weigerung in der Sprache der Literatur wiederzugewinnen, erleiden das Schicksal, von dem absorbiert zu werden, was sie widerlegen. Als moderne Klassiker haben die Avantgardisten und Beatniks an der Funktion teil zu unterhalten, ohne das gute Gewissen der Menschen guten Willens zu gefährden. Diese Absorption wird durch den technischen Fortschritt gerechtfertigt und die Weigerung widerlegt durch die Linderung des Elends in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Ihre Einverleibung in die Küche, das Büro und den Laden, ihre kommerzielle Freigabe an Geschäft und Vergnügen ist in gewissem Sinne eine Entsublimierung vermittelter Genuß wird durch unmittelbaren ersetzt. Aber es ist eine Entsublimierung, die von einer Position der Stärke seitens der Gesellschaft ausgeübt wird, die es sich leisten kann, mehr als früher zu gewähren, weil ihre Interessen zu den innersten Trieben ihrer Bürger geworden sind und weil die von ihr gewährten Freuden sozialen Zusammenhalt und Zufriedenheit befördern. | aus: Herbert Marcuse, Der Eindimensionale Mensch. Deutsch 1967 (gekürzt ohne Kennzeichnung der Auslassungen) | Herbert Marcuse Archive |