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FIVE MILLION DOLLAR BABY

The German media in a pre-war exercise: 5 Million $ for a hostage in Iraq wasn’t even worth a title story? A debate between the editor and Harald Neuber, journalist of “junge Welt”.




> BRÖMME: Der Fall Susanne Osthoff hat die Gemüter erhitzt. Sie haben sich doch für einen Beitrag in der Zeitschrift „Der Journalist“ eingehend mit der Medienberichterstattung dazu befaßt. Als die deutsche Archäologin am 25. November vor Bagdad entführt wurde, war das natürlich Thema Nr. 1. Finden Sie es nicht merkwürdig, daß Ihre Arbeit für den deutschen Geheimdienst anfangs nirgends erwähnt wurde?

> NEUBER: Diese Verbindung ist bislang tatsächlich völlig unterbelichtet. Und es ist schon merkwürdig, daß auf der Internetseite der „FAZ“ schon am 23. Dezember Hinweise auf BND-Kontakte von Frau Osthoff erschienen, nur in der Printausgabe des Schirrmacher-Blattes eben nicht. In anderen Berichten wurde quasi in Nebensätzen erwähnt, daß Frau Osthoff in der Privatwohnung eines BND-Manns gewohnt habe...

> BRÖMME: ...und eine Lösegeldzahlung erschien in der „Süddeutschen“ schon Tage vor der „BILD“-Schlagzeile lediglich als unbedeutende Randbemerkung...

> NEUBER: Ja, spätestens an diesem Punkt hätte man sich fragen müssen, ob denn die Leser und — schlimmer noch — die Journalisten blind sind. Immerhin wird derzeit der Einsatz des BND im Irak diskutiert.
   Trotz all dieser Indizien sollt man sich bei der Betrachtung des Falles aber nicht allzusehr auf die Person Susanne Osthoff versteifen. Personen sind austauschbar. In meinem Beitrag für „Der Journalist“ habe ich vor allem die Art der Berichterstattung thematisiert, weil dabei viel verschleiert wurde. Und das ist das eigentlich Beunruhigende.

> BRÖMME: Wieso das?

> NEUBER: Weil fast nur die persönlichen Aspekte eine Rolle gespielt haben. Fragen wie: Warum war die Frau nach der Rückkehr nicht bei ihrer Mutter? Ist ihr Bruder verrückt? oder: Warum hat sie Weihnachten nicht mit ihrer Familie verbracht? standen im Vordergrund. Die interessanten politischen Aspekte wurden in allen Interviews vollständig außen vor gelassen.

> BRÖMME: „Interessante politische Aspekte“" ist eine himmelschreiende Untertreibung! Es wurden 5 Millionen Dollar Lösegeld für eine Geisel gezahlt - die keine Zivilistin war. Das ist eine Staatsangelegenheit. Wieso hat es keinen Aufschrei gegeben, nachdem unsere Regierungschefin vorher noch getönt hat: „Wir lassen uns nicht erpressen“?
   Daß Italien (nach arabischen Pressemeldungen) für die entführte Journalistin Giuliana Sgrena 1 Million Dollar bezahlt hat, war ein großer Skandal für die Italiener und wichtig zur öffentlichen Selbstverständigung über die mehrheitliche Ablehnung der Kriegsbeteiligung ihres Landes. Und dort opferte ein Agent sein Leben bei ihrem Rettungsversuch. Bei uns das genaue Gegenteil: Entgegen der damaligen Regierungsbeteuerungen kommt jetzt ans Licht, daß Deutschland doch am Irakkrieg teilgenommen hat und zwar genau mit dem Einsatz von Geheimdienstlern wie der Osthoff — und 5 Mio. $ sind nur der „BILD“ eine Titelstory wert?!
   Der nächste Krieg steht bevor, und unsere Presse ziert sich. Ist es nicht beschämend, daß sogar linke Zeitungen wie die „junge Welt“ mitmachen in diesem artigen Reigen?

> NEUBER: Zeitungen wie die „junge Welt“ haben eine kritische Position eingenommen. Am 3. Januar wies der Kollege Jürgen Elsässer in dem Beitrag „Indiana Jones und Ali Baba“ auf diese Zusammenhänge hin.
   Ich bestreite auch, daß der BILD-Beitrag politisches Gewicht hat. Das Springer-Blatt hat in der öffentlichen Debatte schon immer eine Ventilfunktion erfüllt. Offene, drängende Fragen werden auf die Ebene des Boulevards gezogen und dort trotz vorgeblicher Dramatisierung tatsächlich entpolitisiert. Andernfalls hätte die BND-Story am nächsten Tag von allen seriösen Tageszeitungen aufgegriffen werden müssen. Ein Stück weit ist diese Aufgabe Mitte Januar das ARD-Magazin „Panorama“ mit seinem Bericht über BND-Aktivitäten in Irak erfüllt worden. Doch auch in den öffentlich-rechtlichen Anstalten werden die Fonds für Recherche immer weiter zurückgefahren. Das wäre ein Thema für ein eigenes Gespräch.
   Tatsache ist und bleibt: In der ganzen Osthoff-Affäre wurden zentrale politische Fragen nicht beantwortet. Nach wie vor wird dadurch verschleiert, daß Deutschland schon unter der SPD und den Grünen in den Krieg eingetreten ist. Und während Susanne Osthoff zum Medienstar stilisiert und für den Adolf-Grimme-Medienpreis nominiert wird, vertuscht die Regierung weiter die deutsche Hilfestellung für die das Besatzungsregime in Irak. Ich befürchte, daß die Medien und die Öffentlichkeit erst dann umdenken wird, wenn in deutschen U- und S-Bahnen die ersten Bomben explodieren.