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LEBEN & LEIDEN              

    | Es ist überstanden, das Neue Jahr ist vorbei. Alle Euphorie dahin. Ein ereignisloser Monat liegt hinter uns, elf weitere werden kommen. Das Leben ist schnellebig dieser Tage.
   Der Leidensweg Leben: weltweite Viren haben längst das Ozonloch verdrängt, global agierende Terrornetzwerke machen die Bildschirme unsicher. Die Welt rückt zusammen. Das Opfer Mensch wird unterdrückt und zum Schweigen gebracht, wie die Bevölkerung im Iran oder die Studenten in Osteuropa. Oder sie dient als Testperson für Maschinerien der Identifikation und sozialen Auslese. Da ist auch Deutschland ganz vorn dabei — wir brauchen ja keine Waffen mehr, um uns zu artikulieren. Unser Land arbeitet verdeckt und aus dem Hintergrund, während wir im eigenen Land die Leute mit unserer 21st-Century-Leitkultur am Rotieren halten.
   „Zurück in die Kleinstaaterei“ titelte vor kurzem ein deutsches Faltblatt und hatte recht. Alte Stammesfehden treten wieder auf den Plan, München und Berlin als Elitestandorte auf deutschem Bildungsboden? Und dann noch die WM, auf die sich alle freuen und die keiner mehr leiden kann. Die Fans ohne Karten, die Einzelhändler mit Urlaubssperre, Preisschlacht um den besten schwarzen Kicker. Zur Not muß man halt auf die Bundeswehr zurückgreifen — nicht als Sicherheits- sondern als Rettungspersonal.
   Und was macht die Hochschule? Nach dem Resümee zum Bologna Prozeß in Bergen 2005 gedeiht die Europäische Hochschulidylle gar prächtig. Die Einführung des dualen Studiums, die Vermarktung der Bildungseinrichtungen und deren gnadenloser Wettkampf um Fördermillionen und Exzellenzprogramme — von Leblosigkeit keine Spur. Und das auf dem Rücken der Studierenden, die nun als Human Ressource, Kauf- und Arbeitskraft und als Proband für selektive, digital kontrollierte Bildungssysteme wie das digitale BA/MA-campus-management gewinnbringend versteigert werden. 60 Jahre nach Wiederinbetriebnahme hat sich das freie deutsche Bildungssystem Arterienverkalkung eingefangen: bei Debatten keinen Schneid und im außerparlamentarischen Feld keine Kampferfahrung mehr.
   Nun ist das Wintersemester vorbei, es winkt kostenlose Ausbeute, Erholung oder Einsamkeit, das Transparent landet auf dem Schrank. Es ist die Ruhe vor der Schlacht. Werden die Studenten dem hohlen Fußballjubel mit etwas wie einer kritischen Masse des Protests erwidern? Der FzS, viele ASten und die Gewerkschaften machen bereits mobil, Mitte Februar startet die GEW in den Protestsommer, WORK|OUT ist vorn mit Euch auf den Barrikaden.

Karl-Heinz Kloppisch
Redakteur Berlin