contents
 
inside

international
europa
cultur
essay
specials
la vie est triomphante...
la grande protesta
omaggio all’obbiettività
education reform?
 


 
berlin
humanutopia
deutschland bildet
rückwärts
kommilitone stoiber
sendung mit der maus
langzeitstudentin de luxe
pack paktiert
schreib das auf, kisch!
      
HUMANUTOPIA


Ich schreibe das heute nur, damit in acht Jahren keiner sagen kann, das haben wir damals noch nicht gewußt!   Kurt Tucholsky

   | Gabriel Pol (BERLIN). Waren es nicht utopisch anmutende Zeiten, als noch die Namen Schillers, Goethes oder Humboldts die klassischen Bildungsideale des europäischen Humanismus mit einem letzten Hauch gelebter Wirklichkeit beseelten? Ein Deutschland, genesend vom Fieber der inneren Spaltung, von solidarischen Aufbruchsstimmungen und (sozial-)demokratischem Reformeifer getragen, weltoffen, friedlich und liberal, ein Hort der modernen Wissenskultur. Doch die schönen Projektionen der neoklassischen Apollo-Bilder zerrinnen vor dem ernüchternden Anprall der jüngsten Wirklichkeit. Die wenigen Jahre des vereinigten deutschen Bildungs- und Kulturglücks entschwinden nun wie ein blasser Morgennebel in die Fernen, und das grelle wie monotone Licht der neoliberalen Politagenda überflutet allseits die holde Erinnerung. — Quo vadis „Bildungsstaat“ Deutschland?
   Die in den letzten Jahren diskutierten Vorhaben der bundesweiten Hochschulreform, die schrittweise Einführung allgemeiner Studiengebühren, Rationalisierung, Verlagerung und Abbau von Bildungsmitteln, Schließung öffentlicher Fakultäten und die Etablierung eines computerisierten Kontroll- und Überwachungssystems namens Campus Management stehen gegenwärtig auf der politischen Tagesordnung. Ihre Umsetzung bedeutet einen historischen Einschnitt in die demokratischen und sozialen Grundrechte nicht nur der Studierenden, sondern aller Bürger.
   Mit der Aufspaltung des (deutschen) Bildungssystems in BA/MA-Studiengänge verabschiedet sich der Staat endgültig vom alten Bildungsideal einer offenen und breit gefächerten wissenschaftlichen Lehre und verfällt insgleichen dem Marktkonformismus im utilitaristischen Dämmerzustand von Spezialisten- und Fachidiotie. Denn wenn das künftige Studium unter dem wachsamen Auge digitaler Überwachungs- und Kontrollsysteme gemeistert werden soll, dann bleibt den Bildung konsumierenden „Kunden“ der neuen „Bildungsvertriebsgesellschaft“ Hochschule demnächst nur ein schmaler Tunnelgang im vereinheitlichten Wirrwarr der Studien-Module und exakt portionierter Wissenshäppchen, aus welchen das zukunftskonforme Humankapital seine Chancen für den globalen Arbeitsmarkt zusammenlesen soll. Junge Menschen werden auf systemkonforme Handlungsräume eingeschränkt, in denen kein Platz mehr bleibt für ein selbstbestimmtes und mitgestaltetes Studentenleben.
   In den Augen der Gleichschaltungsideologie, welche die strukturierten Abläufe der künftigen Massenproduktion von Intellekt steuern soll, werden individuelle Abweichungen, Initiativen, kreatives Anderssein, ja: wird Subjektivität selbst zu einer zu vermeidenden Bedrohung. Überwachung, Kontrolle und die Steuerung der Menschen per RFID-Chips, Biometrik und Credit-Points sind die Antwort der neuen Bildungskonzepte, sie bestimmen demnächst den Uni-Alltag, regeln Teilnahme, Zugang und Status der Studierenden an der Hochschule.
   Die Zukunftsblindheit der politischen Agitatoren auf der Bühne des sog. Bildungssektors besteht dabei hauptsächlich in dem an naive Narrheit grenzenden Glauben, durch ökonomische Instrumentalisierung und Selektion der „Bildungsempfänger“ eine bessere Zukunft für die Wissenschaft und Kultur der (deutschen) Allgemeinheit zu erreichen. Der Abschied vom 1973 ratifizierten internationalen Pakt über soziale, ökonomische und kulturelle Rechte, in welchem die Bundesregierung sich zur Umsetzung der Unentgeltlichkeit von Hochschulbildung verpflichtet hat (vgl. auch Art. 26 der Menschenrechtsdeklaration der UNO, 1948), steht unmittelbar bevor. Und dies ist kein Abschied von einem nicht mehr finanzierbaren sozialen Luxus einer privilegierten Minderheit, wie es die Verantwortlichen gerne sehen, sondern ein Abschied von der Freiheit des Geistes selbst. — Wenn Bildung kein öffentliches Gut mehr darstellt, an deren Lorbeeren alle Menschen sich zu laben die Chance und das freie Recht haben, dann verhärtet dies über kurz oder lang nicht nur die oft kritisierte Struktur der Klassengesellschaft, sondern mehr noch: es führt zu allgemeiner Entsolidarisierung und der Privatisierung sozialer Belange in einem antisozialen und egozentrierten Gesellschaftssystem. Jede Verbindung von Bildungschancen mit der — stets unausgewogenen — Einkommens- und Vermögensverteilung aber bedeutet einen Angriff auf das Gedeihen der Gesellschaft als ganzer; sie reproduziert die materielle Ungleichheit auf geistiger Ebene und zementiert einen neuen, intellektuellen Klassengegensatz durch gezielte Elitenbildung. Elitäre Bildungspropaganda à la USA und die jüngste Flut von Subventionen, welche in die sinistren Kassen neuer, privater Elitehochschulen fließen, sind dabei nur ein Aspekt kapitalistischer Verwertungs- und Wertschöpfungslogik. In letzterem Sinne betrifft die sog. „Hochschulreform“ durchaus kein partikulares Interessengebiet, welches vom reaktionären Eifer privilegierter „Bildungsnutznießer“ verteidigt würde, sondern sie ist integraler Bestandteil der globalen neoliberalen Agenda, ein nächster Schritt auf der großen Landkarte der Privatisierungen öffentlich-rechtlicher Organe, Institutionen, Güter und Ressourcen, die dem internationalen Kapital und den Gesetzen des Marktes inkorporiert und untergeordnet werden. — Doch wenngleich die sozialen Auswirkungen der neoliberalen Agenda im Bereich der Bildung noch wenig bedacht sind, ist es unschwer abzusehen, wohin die Reise geht. Jeder Tag von dieser Sekunde an, den man dagegen anzugehen versäumt, ist Mittäterschaft an dieser Zerstörung der Gesellschaft.

| write to the author: maluni.circle@web.de