contents
 
inside
europa
international
specials
wahl 2005
literaturfestival
kultur &
   kapitalismus
cultur
 


 
special
language school (en)
tribute to susan sontag (dt)
diagnose: melancholie (dt)
weerstand bieden (nl/dt)
marktgläubig (dt)
literaturlinks
literaturfestivals
münchen 1972: interview mit ulrike draesner (dt)
      
internationales literaturfestival berlin

MÜNCHEN 1972


Ein Interview mit Ulrike Draesner über ihr neues Buch „Spiele“. Von Hendrik Jackson (Aug. 2005, Berlin)



   Attentäter auf der Olympiade in München 1972


Frau Draesner, wie kam es zu dem Thema Ihres neuen Buches — die olympischen Spiele in München 1972 mit den damaligen Attentaten?

DRAESNER: Ja, das ist zum ersten Mal, daß ich einen historischen Kern in einem meiner Romane habe, und, das war jetzt nicht geplant, daß ich um einen historischen Kern einen Roman schreibe. Der Hintergrund liegt in einer ganz merkwürdigen Geschichte, die ich erzählen möchte, weil sie, denke ich, viel sagt darüber, wie einem manche Themen auf den Weg gelegt sind.
   Ich hatte etwas für die FAZ geschrieben über Dinge, die verschwinden. Und während ich das suchte, fielen mir dauernd Dinge ein, die erscheinen. Und vor allem erschien mir auch meine Großmutter, die zur Qual aller Familienmitglieder ungefähr einmal in der Woche erzählte, wie in ihrer Kindheit das private Telefon in ihrer Wohnung erschien. Und wie großartig das war. Und so tauchte diese Großmutter wieder auf und ich dachte mir, was wäre das in meinem Leben gewesen? Eine technische Erfindung in meiner Kindheit, die mein Leben positiv beeinflußt hat? Radio, Fernsehen waren alle schon da, der PC kam, da war ich schon 18, und da wurde mir klar, natürlich, das waren die S-Bahn und die U-Bahn. Ich bin in München aufgewachsen, und zwar in einem Vorort, der hatte überhaupt keinen Bahnhof, und um die Großeltern in der Stadt zu besuchen, war man eineinhalb Stunden unterwegs, es war zudem kompliziert und das ging als Kind auf keinen Fall allein. Dann aber kamen die S- und U-Bahn, man erreichte die Großeltern innerhalb von 45 Minuten, mit einem Mal Umsteigen, der Vorort bekam einen Bahnhof, und ich durfte bald auch alleine in die große Stadt fahren. <

Wann ist sie gebaut worden?

DRAESNER: Die U-Bahn? Die ist für die olympischen Spiele gebaut worden. Das wußte ich auch noch. Und dann, noch ohne an einen Text zu denken, kam mir der Gedanke. Gut, ich war damals zehn, ich hab das [Attentat] mitbekommen, aber natürlich ich die politischen Zusammenhänge überhaupt nicht verstanden, erinnere mich ganz gut an die Emotionen, die das ganze begleitet haben. Und dachte mir dann, das war so im Sommer 2002/2003, es interessiert mich aufgrund meiner persönlichen Geschichte, und was ist denn tatsächlich passiert? Wie wurde das abgewickelt, und warum sind die Geiseln am Ende alle tot? Und ich habe geschaut, was gibt es, in neuere Monographien, habe einiges bei amerikanischen Historikern gefunden und ... da kam ich aus dem Wundern und dem Kopfschütteln eigentlich gar nicht mehr raus. Was für ein unglaublicher Stoff das ist. Wie in einem Brennglas bündeln sich darin nicht nur die Stimmung des Jahres 72, sondern ganz viele Fragen, die in unserer Gesellschaft heute so aktuell sind, daß einem geradezu schaudert. Aktuell auch deswegen, weil sich natürlich die Frage stellt, wie geht man mit Terrorismus um, was bedeutet Terrorismus überhaupt, was bedeutet diese Bedrohung? Wo kommt das ganze her? Welche Lösungsmöglichkeiten könnten sich da abzeichnen. Wie hat die Polizei gehandelt, was erwarten wir von Politikern, wo haben sie Verantwortung, wo nehmen sie sie wahr, wo nicht, warum haben sie Angst? All das. <

Haben Dich eher die politischen Aspekte interessiert, oder auch das journalistische, kriminalistische Gespür an dem, was wirklich passiert ist?




DRAESNER: Beides, das ist so eng miteinander verflochten. In dem Buch kommen all diese Stränge vor. Natürlich erzähle ich jetzt erstmal weiter die Stoffgeschichte: Und dann dachte ich mir, das ist eigentlich der klassische Stoff für eine Novelle. Ein unerhörtes Ereignis, das hat mich von vorneherein interessiert, wie wirkt so etwas im Alltag, von Leuten, die mit dieser Frage primär gar nichts zu tun haben. Die eben so ganz normale Bürger sind. Eine Münchener Familie. Und in dem Moment war auch Katja als Hauptfigur da. Sie ist etwas älter als ich damals war, mit ihrer Familie, leben in München, erleben diese Olympischen Spiele, freuen sich auch daran und stürzen mit in diesen Schrecken dieses Anschlages und die Folgen, die so ein Ereignis für so ein ganz normales Leben haben kann. Das ist eigentlich eines der Hauptthemen dieses Buches.
   Wo berühren sich die kleine und die große Geschichte? Und was bedeutet es — ja, nicht nur so Zeuge, sondern im Abstrahlfeld eines solchen Ereignisses zu stehen? Das kann man sich nicht aussuchen, das passiert einfach. Was bedeutet das für dein Leben? Dann habe ich angefangen zu schreiben, und es wurde auch sehr bald deutlich, daß dieser Stoff einfach aufgrund seiner Komplexität, seiner Vielfältigkeit, was die politischen Aspekte, die sozialen Aspekte, die gesellschaftlichen Aspekte, die religiösen, die kulturellen und kulturpolitischen Aspekte angeht, daß er doch kein Stoff für eine Novelle ist. Daraufhin schloß sich noch mal eine zweite Stufe der Recherche an.
   Der Roman besteht im Wesentlichen aus dieser Gelenkstelle der Frage danach, was ist das eigentlich, oder was macht es mit uns. Wir leben alle in Gesellschaften, jeder Mensch, wir leben nur so, wie wir leben, weil wir mit anderen Menschen zusammenleben. Jeder Mensch ist auch davon abhängig mit anderen Menschen zusammenzuleben. Das bedeutet, daß es ein Kollektiv gibt. Und das dieses Kollektiv natürlich auch Taten produziert, mit sich heranzieht, daß Entscheidungen getroffen werden. Vielleicht entscheidet irgendwo irgendein Politiker irgendetwas, 10 Jahre später wird deswegen neben mir eine Bombe gezündet, und zum Beispiel: wie ist das miteinander verflochten? Wir fassen das normalerweise in Begriffe wie Zufall oder Schicksal, aber kann man das weiter aufbröseln, um es besser zu verstehen, einfach auch um damit zurechtzukommen? Denn auch meine Figur verstrickt sich ja in diese Ereignisse. <

Die Verstrickung hat ja auch sicherlich damit zu tun, daß die Ereignisse bis heute undurchschaubar sind auf ihre Art — oder bist Du da irgendwie auf Dinge gestoßen? Wo Du dachtest Du, hättest den Durchblick oder hättest irgendwas aufgedeckt?

DRAESNER: Ja, natürlich denke ich, ich habe mir möglichst viel Durchblick erarbeitet, aber was heißt das eigentlich, eben Durchblick, Möglichkeiten sich etwas anzugucken, aber es bedeutet nicht, ich habe jetzt die Wahrheit herausgefunden darüber, wie das genau abgelaufen ist. Denn das ist sozusagen auch einer der Prozesse, die man beim Lesen des Buches auch noch mal erfahren kann, wie die historische Wahrheit, je näher man hinschaut, umso weiter sich aufteilt und auch sichtbar wird. <

Die Hauptperson recherchiert selbst?

DRAESNER: Die Hauptperson recherchiert, und das wird sichtbar auch in dem, was sie eben erfährt bei dieser Recherche. Als sähe sie all die Informationen, die sie erhält, zum einen von Interessen eingefärbt von denen die sie geben, aber auch von ihren eigenen Interessen und wie sie sie sie aufnimmt — so daß man eigentlich eine ganze Vielfalt von Erzählungen aneinander legen kann und versuchen kann Kohärenzen herzustellen.
   Am Schluß stellen sich für meine Figur zwei Erkenntnisse ein: Das eine ist ein ganz entscheidender Satz aus dem Text. Sie sagt: „Heimat ist der Ort, an dem dir auch die Katastrophen gehören.“ Denn das ist auch ein durchgehendes Thema, die Suche nach Heimat, wo gehöre ich hin, wo kann ich bleiben, wo möchte ich bleiben. Man könnte dies auch schnell schön verbrämt sehen — Heimat, das Heile und Gute — und so ist es natürlich gar nicht.
   Katja hat ja gerade eine gegenteilige Geschichte, sie fühlt sich eigentlich nie wirklich verwurzelt, sie ist eine typisch globalisierte Nomadin, so lebt sie, das ist auch ihr Beruf. Und sie spürt dann, daß sie überflüssig ist, daß ihr auch etwas fehlt, und fragt sich nach diesen Wurzeln, hat Schwierigkeiten sie zu finden, weil sie auf eine mögliche Heimat stößt, eben München, die ihr im Endeffekt in einem Punkt nicht gefällt. Als sie diesen Satz dann erkennt „Heimat ist, wo dir auch die Katastrophen gehören“, da sind eigentlich zwei Dinge darin, gehören bedeutet ja auch: wo Du aufgefordert bist, dich damit auseinanderzusetzen und dich auch einzumischen. Also das ist der Ort, wo du ein soziales Wesen bist, ein Bürgerwesen, wenn man so möchte. Du kannst dich in die ganze Welt einmischen, das ist auch gut, aber hier wird es erst wichtig, es wird von dir verlangt, da wartet eine Aufgabe auf dich und Verantwortung, die man übernehmen sollte. Zugleich ist Heimat eben erst möglich, wenn man diese Katastrophen und, wie alles passierte, auch akzeptiert. <





Und welche Rolle spielt München im Ganzen, als Stadt, weil ein ursprünglicher Titel ja mal „München“ war?

DRAESNER: München ist auch Protagonist, das ist gar keine Frage, ich bin in München groß geworden. Ich erinnere mich auch gar nicht so schlecht an diese olympischen Spiele, an diesen Sommer. Das war für mich der Sommer, da hat die Volksschule aufgehört und ich bin ins Gymnasium gekommen. Ich erinnere mich, daß irgendwie die ganze Stadt sich damals so verändert hat.
   Die Stadt war unglaublich bunt, ganz international, und man hat all die Sprachen gehört, die man nie hören konnte, die ersten Menschen aus Asien, Chinesen und Japaner, die habe ich damals gesehen. Auch diese ganze Freude. Die ganze Stadt hat vorher monatelang darüber gesprochen, alles wurde vorbereitet, die U-Bahn wurde gebaut, das Olympiagelände wurde gebaut, mein Großvater ist da mit mir hingegangen, wir haben die Baugrube angeschaut, sind zum Olympiaturm gefahren. In Bayern mußte man zwei Tests machen, um von der Volksschule weiter in irgendwelche andere Schulen übernommen zu werden. In Deutsch mußte man da auch einen Aufsatz schreiben. Ich weiß es noch, im Dezember ’71 schon mußten wir zu dem Aufsatzthema schreiben „Meine erste Fahrt mit der U-Bahn“. Ich fand das ein unmögliches Thema, weil ich die erste U-Bahn Fahrt so enttäuschend fand. Auf jeden Fall hat die ganze Stadt davon gelebt und darüber gesprochen. Es hat auch etwas in sich, dieses Motto: die Spiele. Man muß sich das vorstellen: 1972, die ganze Pop- und Flower-Power-Bewegung, und die vielen jungen Leute in der Stadt, alles sehr schön. Und dann ganz plötzlich dieser unglaubliche Schlag. Alles an einem Tag vorbei. Die Erwachsenen in meiner Umgebung natürlich mit vollkommen langen Gesichtern, frustriert, ängstlich, wütend. Die Stadt, alles, die Flaggen auf Halbmast, alles in schwarz. <

Du warst ja damals ein Kind, die Hauptfigur ist ja auch dreizehn Jahre alt. Trotzdem kann man vielleicht sagen, was für Unterschiede es gibt in der Wahrnehmung von Terrorismus oder in der Reaktion der Gesellschaft darauf bis eben zu den normalen Leuten? Heute und damals? Siehst Du darin einen Unterschied? Das [der 11. September 2001] ist ja ein ähnliches Phänomen. Das palästinensische Problem gibt es immer noch, es gibt immer noch Anschläge, man ist nicht so nah dran, wie damals mit den ganzen Flugzeugentführungen, aber im Grunde spielt es ja noch immer eine große Rolle...

DRAESNER: Nein, das war eines der erstaunlichsten Erlebnisse für mich während der Recherche. Ich hab ja dann auch viele Zeitungsartikel direkt vom 6. September 1972 gelesen, Fernsehnachrichten angesehen, Features, und ich dachte mir, das darf doch nicht wahr sein, ich höre hier Sätze zum Teil wörtlich, die mir noch vom 11. September 2001 in meinem Ohr widerhallen. Bezeichnungen für die Terroristen als Wahnsinnige, als Mörder usw. usw. Ich will das gar nicht wiederholen. Und zwar wortwörtlich, auch dieses Moment des großen Erschreckens, des nicht damit umgehen Könnens, ein Abweisen des Ereignisses. Ich hatte dann den Eindruck, daß eigentlich bereits das Ereignis im September ’72 in Deutschland — ohne daß wir das bislang bewußt gesehen haben — die Schablone, wie wir auf Terrorismus reagieren, vorgeformt hat. Das war das erste Erstaunen.
   Das zweite, was mir klar wurde während der Recherche, war, daß dieses Terrorereignis der Beginn des globalisierten Terrorismus war. Das konnte man ’72 so nicht sehen, das Wort Globalisierung gab es ja noch gar nicht, aber wenn man es aus heutiger Perspektive ansieht, ist das ganz klar. Da war der Konflikt zwischen Palästina und Israel, an dem Deutschland über die Nazizeit sozusagen mitverantwortlich ist. Doch das wurde als Geschichte wahrgenommen und recht fern. Auf deutschem Staatsgebiet kannten wir solche Attentate nicht, und sie fanden nur aus einem einzigen Grund hier statt, weil olympischen Spiele waren.
   Warum interessieren die olympischen Spiele die Terroristen? Auch ganz klar — wir sind in der heutigen Welt angekommen — weil es ein Mediengroßereignis ist. Weil sie damit rechnen können, maximale Aufmerksamkeit einzufahren. Und genau das ist ihnen auch gelungen. Es gibt ja Statements, wonach das Ereignis, obwohl die Befreiung der palästinensischen Kämpfer aus den israelischen Gefängnissen nicht gelungen war, als großer Erfolg angesehen wurde. Es sei so, als habe man den Namen Palästina auf einen Berg geschrieben, den man von allen Seiten, von allen Ecken der Welt sehen kann. So war es. Dieses Ereignis ist heute der am besten dokumentierte Terrorakt, den es überhaupt gibt. Die ganze Weltpresse war da und hat, so lang es ging, das ganze aufgenommen und gefilmt.
   Es gibt noch einen Unterschied. In der Bezeichnung Terroristen, wenn man 1972 und 2001 vergleicht, und auch anguckt, wie die Ängste aussahen, die das auslöste. Da fällt auf, daß es alle Wörter gibt es, nur eines gibt es ’72 noch nicht, und das wird für 2001 ganz wichtig. Es ist die Bezeichnung Ungeziefer. Die Terroristen sind Ungeziefer. Sie sind also so eine Art Insekten, sie sind etwas, was schmutzig ist, was Krankheiten bringt. Wenn wir daran denken, 2001 gab es ja direkt nach den Anschlägen diese große Angst vor Antrax. Sie dockt sich daran an, die westliche Angst vor Bioterrorismus. Die schlimmste Vorstellung ist ein Terrorist, der infiziert irgendwo durch eine Einkaufsmall läuft und tausende von Menschen sofort ansteckt — und die ganze Welt damit ansteckt.
   Das ist sozusagen die spezifische Angstform, die heute dazu gekommen ist. Und jetzt sind wir auf einen ganz interessanten Punkt gestoßen. Schon ’72 ist der Terrorismus „global“ in den Strukturen und dem Denken der Sicherheitsorgane einen ganzen Schritt voraus. Diese Angst sieht man heute wieder bestätigt, mit der lebt man auch. Und wenn man sieht, wie die Polizei und die Politik damals eigentlich überfordert waren mit der Aufgabe fragt man sich, ob man heute besser vorbereitet ist, ob man besser vorbereitet sein könnte, und welchen Preis man dafür auch wieder zahlen müßte. Man fängt auch an, sich zu fragen, wo kommt meine Angst her, und lernt, genauer hinzuschauen.

Vor allen Dingen, dieser Bioterrorismus wird natürlich immer wahrscheinlicher. Weil es die letzte Domäne ist, wo vollkommen unbehelligt der größte Schaden angerichtet werden kann...

DRAESNER: Zum Glück ist das nicht ganz so einfach, solche Viren und Bakterien zu produzieren.
   Ich finde das auch interessant in der Rezeptionsgeschichte. Wie kommt es eigentlich, daß ich mit einem Roman, der 2005 erscheint, zum ersten Mal etwas literarisch zu diesem Ereignis schreibe? Und da? das insgesamt im kollektiven Gedächtnis der alten Bundesrepublik keine so große Rolle gespielt hat?
   Man könnte geradezu sagen, daß die Kräfte, die wollten, daß das vergessen wird, sich in 30 Jahren doch recht erfolgreich durchgesetzt haben. Damals war dies — und das ist jetzt nicht so zynisch gemeint, wie es klingen könnte — ein innerdeutsches Thema. Der RAF Terrorismus blühte damals auf, Terrorismus der ganz alten Form, und das hat man erst mal zugedeckt. Es gab massive politische und gesellschaftliche Interessen, über ’72 nicht mehr zu sprechen. Zum einen weil es zunächst einen immensen Imageschaden für die Bundesrepublik bedeutete. Die Wirtschaftsbosse haben sich am 6. September zusammengesetzt und darüber beraten, was sie mit diesem Imageschaden jetzt machen sollten. Und auch die politische Lösung dieses Ereignisses ist äußerst dubios und umstritten bis heute. Auf jeden Fall gab es einige Aktionen, die nicht ganz sauber waren, sowie das Interesse, das möglichst klein zu halten. Kurz, die Bundesrepublik hat alles im Sommer ’73 zum ersten Besuch eines Bundeskanzlers in Israel das Thema ad acta gelegt. Das Schweigen war wirksam — mindestens bis durch eine Klage der Angehörigen der erschossenen Geiseln Ende der 90er Jahre, Anfang der 00er Jahre die bayrische Regierung gezwungen wurde, ihre Archive zu öffnen und Akten freizugeben, deren Existenz sie bis dahin geleugnet hatte. So wird jetzt allmählich überhaupt erst sichtbar, wie das alles abgelaufen sein könnte. Und natürlich wird das Thema virulent, weil die Terrorismusbedrohung für uns plötzlich wieder so nah gerückt ist, auf eine andere bedrohlichere Weise nachgerückt ist. Siehe Madrid, siehe London. <

Noch mal zurück zu den einzelnen Figuren, über die Politik hinaus oder noch vor der Politik, zu der Person. Mir scheint, es geht in Deinem Buch nicht nur darum, Zeitgeschichte aufzuarbeiten, sondern auch darum, was Du schon angesprochen hast: dieses Gefühl, wie hängt mein eigenes Leben, unser Leben überhaupt damit zusammen? Bzw. — ich sehe das schon fast als eine Metapher — wie können wir hinter die Ereignisse kommen und das Fehlende als eine Art Leerstellen in unserem eigenen Leben entdecken?

DRAESNER: So ist es. Die Zeit, das heißt ja immer, daß die Rätsel erforscht seien und daß es keine weißen Flecken mehr auf der Karte gibt. Das mag so stimmen für die Oberfläche der Erdkugel. Aber in dem Moment der Bewußtwerdung, daß diese Kugel ein Innenleben hat, gibt es viele weiße Flecken und ganz viele Dinge, die wir überhaupt nicht verstehen. Von einem kommen wir zu vielen weißen Flecken, das Weltall und mehr und mehr. Und wenn man das Ganze kippt und als Metapher für das Innenleben nimmt, dann ist es natürlich genauso. Für Katja gibt es in ihrer eigenen Psyche auch so etwas, weiße Flecken, die mit ihrer eigenen Geschichte zu tun haben.
   Das ist der Schmerz um den Verlust ihrer Mutter, eine Geschichte, die sich durch das Buch hindurchzieht. Wie geht man damit um, daß das einfach passiert ist, daß die Mutter weg war, als Katja 5 wurde? Sie findet dann ein bißchen heraus, was eigentlich passiert ist, aber das ändert nichts an dem Schmerz, nichts an dieser Tatsache. Sie muß also lernen, es zu akzeptieren, muß damit leben. Ein großer schwarzer Fleck ist dieses Schuldgefühl gegenüber Max, sozusagen die erste große Liebe, ihr erster Freund, der ist älter als sie. Er geht zur Polizei, wird im Dienst angeschossen, Katja ist daran Schuld, daß er die Schule hinwirft und zur Polizei geht. Da gibt es eine ganz demütigende Szene für Max auf einer Party, die Katja sich ausgedacht hat, und das begleitet sie als untergründiges Schuldgefühl ein ganzes Leben lang.
   Ihr wird dann auch klar, daß, wenn sie wirklich nach München zurückgehen möchte und Heimat sucht, dort eben nicht nur eine äußere Heimat ist, sondern auch eine innere, mentale Heimat. Sie erkennt, daß sie diese Geschichte mit Max noch einmal aufarbeiten muß, so unangenehm es auch ist, sich bei Max entschuldigen muß. Die Voraussetzung für diese Entschuldigung ist aber, daß sie klar trennen kann, was ihre und was seine Verantwortung ist. Und das ist der innere Motor, weswegen sie recherchiert; sie möchte herausfinden, was ist mit Max da passiert. Soe findet es natürlich genausowenig, wie man sonst die Wahrheit zu diesem Ereignis finden kann. Am Ende entschuldigt sie sich bei ihm, um auch diese persönliche Geschichte sozusagen ad acta zu legen. Sie findet die feinen Grenzen zwischen dem, was man noch verantwortet und dem, was der andere verantwortet... <

Das ist eigentlich nicht zu trennen...

DRAESNER: Nein, das ist nicht zu trennen. Wo fängt denn die Freiheit, die damit auch zusammenhängt, an?
   Max sagt ja auch ganz klar, Katja, ich will gar nicht, hör auf mit diesen verdammten Schuldgefühlen. Du willst immer noch bestimmen, was ich tue. Du hast Dir diese Razzia damals ausgedacht, diese demütigende Situation, aber die Entscheidung, dann zur Polizei zu gehen, habe ich getroffen. Und dann wird auch klar, wenn Max seine Version der Geschichte erzählt, daß noch ganz andere Leute Entscheidungen getroffen haben. Nämlich z.B. seine Vorgesetzten. Das ist ja auch eine ganz dubiose Entscheidung.
   Dann gibt es noch so was wie Zufall, ganz dummen Zufall. Als Max nämlich ausgerechnet in dem Moment da steht und plötzlich den Anschluß an die anderen verliert und tatsächlich getroffen wird. Hinzu kommt Maxens Unerfahrenheit, auch er macht Fehler. All diese Dinge kommen zusammen. Das ist das Gewebe. Das begleitet alle Figuren. Denn wie stellt sich eigentlich das Muster eines Lebens her? Es ist ja eine ganz merkwürdige Mischung aus eigenen Entscheidungen, ganz fremden, ganz anderen Entscheidungen, es fängt bei der eigenen Zeugung an, vorher noch, als die Eltern sich sum ersten Mal begegnen... Und dann entwickelt sich das eigene Leben weiter und wird immer wieder davon beeinflußt, was andere für dich entscheiden. Solange das die Eltern sind, die Familie, die ja noch greifbar sind, das ist eine Sache. Aber vielfach haben ja auch irgendwelche Politiker vor 20 Jahren über diesen Punkt entschieden und über das feste System. Heute entscheiden sie wieder etwas, und das wird uns alle in 30 Jahren betreffen, wie etwa die Gesundheitsreform?
   Und dieses interessante Geflecht — von wo kann ich mich bewegen? wo ist der Rahmen gesteckt? — das ist ja etwas, was die Menschheit umtreibt, worüber sie nachdenkt, deswegen haben wir ja solche Ausdrücke wie „Das ist Zufall. Das ist Schicksal.“ Das sind Begriffe, die wir immer dann eigentlich aufkommen, wenn wir nicht mehr weiterwissen mit unseren Erklärungen. Dem Zufall muß man aber auch begegnen. Ich meine, ist es Zufall, wenn ich gerade unter einem Balkon durchlaufe in dem Moment, wenn ein Blumentopf herunter fällt? Ja, ein verdammter Zufall. Es gibt immer eine Vorgeschichte, warum ich gerade zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort entlang laufe. Wenn man alles zurückverfolgt, muß man sich fragen: wo fängt der Zufall an, und wo hört er auf? <<


www.draesner.de