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wahl 2005

NEUJAHRSANSPRACHE, 1. ENTWURF


Liebe Mitbürger,
werte Wähler,

nachdem wir wieder gemeinsam ein Jahr überstanden haben, kann ich nicht umhin, euch zu sagen: Ihr kotzt mich alle an. Alle. Ich bin überzeugt, daß ich damit kaum einem von euch etwas Neues sage.

Denkt ihr vielleicht, es ist einfach, euch Sackgesichter zu regieren? Glaubt ihr, das macht Spaß, sich täglich mit euren Scheißproblemen rumzuschlagen? Ihr habt's leicht. Ihr braucht ja nur die Glotze auszuschalten, wenn ihr mich nicht mehr ertragen könnt. Na los. Der rote Knopf da oben auf der Fernbedienung. Das ist nicht schwer, das könnt sogar ihr schwanzlosen Primaten.

Aber ihr seid immer noch da. Das ist so typisch für euch. Was wollt ihr eigentlich hier? Ich meine: hier auf diesem Planeten. Irgendwas erwartet ihr doch, oder? Ihr habt Wünsche, Forderungen, Empfindlichkeiten. Aber das mein' ich nicht. Wo wollt ihr hin mit eurem dauernden Geracker, Gerede, Genörgel?

Hier drin ist es schön. Nur der Kameramann und ein Beleuchter, das hält man aus. Das Schlimmste sind diese Ortstermine, verschwitzte Hände schütteln, in die Kameras grienen, noch mehr Hände, Schulterklopfen, angeglotzt werden. Danach brauch ich immer Magentropfen und Sagrotan.

Vielen Dank übrigens für mein Gehalt, das ist nicht schlecht. Allerdings nenne ich es Schmerzensgeld. Ich weiß nicht, was ich dafür genau tun soll. Vielleicht die Arbeitslosigkeit senken? War nur Spaß. Wollt ihr irgendwie unterhalten werden? Soll ich einen Witz erzählen? Kennt ihr den mit dem kleinen grünen schwulen Zwerg?

Wißt ihr, was mich an euch am meisten ankotzt? Ihr seid alle gleich. Man könnte alles mit euch machen, schlimmstenfalls motzt ihr ein bißchen lauter oder wählt jemand anderen. Ihr denkt, ihr seid schlau, einzigartig, Individuen. Eure läppischen Neuröschen machen euch zu nichts Besonderem, noch lange nicht. Glaubt mir: Es gibt niemanden, der nicht auf euch verzichten könnte.

Der einzige Trost ist, daß mich viele von euch genauso wenig ausstehen können wie umgekehrt. Nehmt's mir nicht übel, aber ich hör jetzt auf. Mir kommt schon wieder alles hoch. Laßt mich doch in Ruhe, ihr Nieten.

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Herbert Braun