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| VOM VERGESSEN UND DER SICHERHEIT ![]() Surfers and terrorists in Sharm El Sheik | Damian Ghamlouche (BERLIN/DAHAB). Mr. Good ist eine angenehme und gelassene Erscheinung. Mit der gleichen Gelassenheit blickt der erfahrene Hotelier auf die Anschläge in Sharm El-Sheik vom Juli 2005, die unweit einer seiner Ressorts mehrere Menschen, vorwiegend Ägypter, ihr Leben kostete. Sharm El-Sheik liegt an der Südspitze des Sinai und gilt als eines der attraktivsten touristischen Ziele Ägyptens. Neben den biblischen Mythen findet der weltgewandte Massentourist herrliche Sandstrände, Taucherparadiese und die perfekte Welle für den richtigen Kick. Und periodisch auftretende terroristische Anschläge. Mr. Good erkennt diese Periodität: Nach den Anschlägen vom Sommer 1997 in Luxor war das Land komplett leer. Die Touristen flüchteten vor den Bildern des Massakers. Die mediale Inszenierung verstärkte eine spezifische Wahrnehmung; marodierende Horden islamistisch-fundamentalistischer Terrorgruppen mit Kalaschnikows halten das Land im Bann. Doch mittlerweile erholt sich die Tourismusindustrie und die Verbraucher zeigen sich desensibilisiert. Umfragen zeigen, dass insbesondere deutsche Touristen einen Pragmatismus an den Tag legen, der erschreckend rational und doch irgendwie charmant anmutet. Meine bevorzugte Aussage und dies im Einstein-Jahr beweist das mathematische Talent der Deutschen: Wenn jetzt gerade in Sharm ein Anschlag war, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass dort ein weiterer Anschlag statt findet. Das hat Logik. Der Hotelier und Präsident der Swiss Inn Group kalkuliert und erklärt: Während nach den Anschlägen von Luxor (1997) das Hotel leer blieb, [...] sind wir nach den neueren Anschlägen (2005) nur 10 Punkte unter der Soll-Auslastung. Neben Projekten in Lybien, Kuwait und Dubai führt die Swiss Inn Group auch das Swiss Inn Golden Beach nahe Sharm El-Sheik. Das angenehme und gepflegte Hotel der gehobenen Kategorie empfängt viele Stammgäste, die sich nicht durch Anschläge abschrecken lassen und die bereits erwähnte Wahrscheinlichkeit bemühen. Mein Gespräch mit dem Schweizer Hotelier in der Hotellobby wird durch schrille Töne des Metalldetektors am Eingang gestört. Mir gefällt das Geräusch auch nicht, kommentiert der Schweizer ehrlicherweise, aber es ist notwendig und vorgeschrieben. Das Sicherheitskonzept des Tourismus-Ministeriums setzt auf Präsenz. Auch deutsche Experten vom BND arbeiteten nach Luxor am Konzept, das in der Praxis wie folgt aussieht: Ägyptische James Dean Verschnitte mit Zigarette im Mundwinkel besetzen Check-Points, die an Straßenkreuzungen Fahrzeuge und Pässe kontrollieren. Die Hotels werden gezwungen, umfangreiche Sicherheitstechnik zu erwerben. Kameras, Metalldetektoren und die Officer der staatlichen Tourist Police observieren die Hotelanlagen. Die Idee ist der richtige Weg, und es wird gearbeitet. Doch trotz des Optimismus Goods ist es darüber hinaus immer auch die Frage nach dem human factor. Die Swiss Inn Group ergänzte das Sicherheitskonzept durch einen privaten Sicherheitsdienst, der rundum die Uhr patrouilliert. Das inhumane Phänomen des (trans-)nationalen islamistischen Terrorismus ist ein irrationales Phänomen. Es entspringt der irrationalen Kategorie der Religiosität einer politisierten Religion und erwirkt irrationales Handeln der Opfer, die in ihrer emotionalisierten Verzerrung der Wahrnehmung ein subjektives Bedrohungsmoment erfahren. Wer hat nun gewonnen? Die kollektive Identifizierung der Bürger der westlichen Welt mit den Opfern islamistischer Terrorakte bis zur vollkommenen Identität scheint gebrochen. Das Nicht-Opfer, das zum Opfer wurde, hat vergessen. Und somit ist die primäre Funktion des Terrorismus, eine politische Botschaft der Erinnerung durch Gewalt zu transportieren, zerbrochen. Neben Herfried Münklers Paradigma der Asymmetrie, charakterisiert den transnationalen Terrorismus u. a. die Raum- und Zeitlosigkeit, die primär unserer Informationsgesellschaft zu verdanken ist. Die Kommunikationswissenschaft kennt den Begriff der Reaktanz für das Phänomen, das der ägyptischen Tourismusindustrie erneuten Auftrieb gibt und den Deutschen die Wahrscheinlichkeitsrechnung näher bringt. Wahrscheinlich ist es aber gerade das Vergessen des Vergessenen, das den Vergessenen zu existenzverbürgenden Handlungen zur Anerkennung zwingt. Surfing USA wie ein Surfer an der Küste des Sinai mir anvertraute, sei seine einzige Furcht, die nächste Welle zu verpassen. Terroristen surfen nicht. Außer im Internet. | write to the author: ghamlouche@genion.de |