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“DESENGAGIERT”





Claude Simon (1913-2005) denounced art as an instrument of entertainment or of politics. An obituary.

   | Ansgar Lyssy (BERLIN). Daß Claude Simon 1985 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war für viele ein Zeichen dafür, daß der traditionelle Roman nun doch endlich tot und aufgegeben sei. Simons Romane galten manchen als unlesbar, langweilig und “künstlich”: kein Wunder, er hat manche Sätze geschrieben mit weit mehr als tausend Wörtern und Dutzenden von Klammern.
   Er hat sich das Künstliche bewußt auf die Fahne geschrieben. Er war stolzer Vertreter des l’art pour l’art und wurde dafür von Sartre, dem Vertreter der litt&eaqcute;rature engagée, angegriffen — er sei ein “desengagierter” Autor. Doch Simons Kunst hat eine präzise definierte Funktion, zumal sie sich der Unterhaltung oder Erbauung gezielt verweigert, sie hat eine Kompensierungsfunktion in Anbetracht einer elenden Welt, die von Zufall und Sinnlosigkeit geformt ist. Diese Sinnlosigkeit wird künstlerisch aufgegriffen, die Protagonisten sind einem indifferenten Geschehenszusammenhang untergeordnet, sie werden vom Geschehen überrollt, übergreifende Erklärungszusammenhänge verschwinden und die Struktur der Texte ist durch innere Kausalität bestimmt, durch die Brüche und Assoziationen der Erinnerung. Mit dieser extrem verinnerlichenden, reflektierenden und brechenden Erzählweise hat sich Simon mehrfach an das unmögliche Projekt eines Romans über den Krieg gewagt. Seine eigenen Kriegserlebnisse aufgreifend verschwindet die Grenze zwischen Erinnerung, Imagination und Tatsachen, und die (von Siegern geschriebene) Geschichte verliert ihre Größe und ihre Schicksalshaftigkeit. Das Weltgeschehen wird nicht durch externe, realistisch-physikalische “Fakten” begriffen, sondern durch das alineare und assoziative Erleben des Individuums.
   Und Geschichte ist letztlich das, was uns geschieht: So wird Simon, der am 6. Juli in Paris seinen letzten Tag erlebte, auch zum Advokaten der unoffiziellen, ungeschriebenen Seite der Geschichte. Das Vergangene wird sinnlich und emotional greifbar, und mit der Sprache sind Bilder gemalt, die unvergeßlich bleiben.

| In Deutschland ist Claude Simon verlegt beim DuMont-Verlag

| write to the author: alyssy@gmx.net