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SING MIR, MUSE... Report of a modern competition of poets. By Sophie Diesselhorst (Berlin) | 7. Juli 2005, Bastard@Prater, mein erster poetryslam. Was Poetry ist, ist schwierig zu bestimmen. Slam heißt zuknallen, schlagen, scharf kritisieren. Ich erwarte frei improvisierende Dichter, wilde Texte und ein gnadenloses Publikum. Das Bastard, das sich im zur Berliner Volksbühne gehörigen Prater befindet, ist ein kleiner, dunkler Raum. Kronleuchter im schönsten DDR-Stil sind in unterschiedlichen Höhen zu einem Lichtkunstwerk eng aneinander gehängt und färben die verrauchte Luft mattgelb. Schwitzende Jünger der Dichtung streiten sich erbittert um die wenigen Stühle und etwas weniger erbittert um Bodenplätze. Auf der blau beleuchteten Bühne ein Mikrofon und dahinter MC Yaneq, der dazu da zu sein scheint, dem Publikum einzuheizen. Das Ganze wird untermalt von funkiger Musik. 16 vorangemeldete Poeten sollen auftreten, kündigt Yaneq an. Sie werden eingeteilt in vier Viererblöcke. Bis zu fünf Minuten darf ein jeder sich ausbreiten, und nach jedem Vortrag urteilt eine Publikumsjury, bestehend aus vier vom MC ausgewählten Zuschauern. Auch die Applauslautstärke des Kollektivs hat noch eine Stimme. Zur poetischen Einstimmung tritt als featured poet, außer Konkurrenz, der in Berliner Dichterkreisen anscheinend wohlgelittene Spider auf. Ein kräftiger Mann in Jeans und T-Shirt, mit kurzen Haaren und Brille. Brummelig tritt er ans Mikrofon und trägt in rotzigem Berlinerisch zwei absurd-witzige Kurzgeschichten vor. Er liest ab, der darstellerische Effekt beschränkt sich auf gelegentliche Lachpausen fürs Publikum. Anschließend beginnt der Wettkampf des Abends. Kolja heißt der erste Slammer, ein kleiner, rothaariger Student, offensichtlich nervös. Er trägt eine Traumgeschichte vor. Schmeißfliegen des Kapitalismus heißt sie und handelt von den Zeitungsaboverkäufern und den freundlichen vitalen Fitneßstudiopromotern und den Callcenteragenten, die einen frühmorgens anrufen, um zu fragen, ob man daran interessiert sei, seine Telephonkosten zu senken. Und davon, wie man von ihnen so lange mürbe gemacht wird, bis man selbst eine von ihnen werden muß. Das kommt gut an beim Publikum, Kolja erhält von den Publikumsjuroren zwischen sieben und neun von neun Punkten. Es stellt sich heraus, daß die nächsten beiden Wettstreiter zusammen mit Kolja in einer WG wohnen. Sebastian haut auch sogleich weiter in die In was für einer Welt leben wir denn?-Kerbe. Marc-Uwe hebt sich dadurch ab, daß er die vom Kapitalismus und der Technologisierung dräuenden Gefahren ins Lächerliche zieht. Seine Beschreibung eines verzweifelten Kampfes gegen ein Handy erntet viel Verständnis beim Publikum. Die Stimmung ist gut, wir sind uns alle einig, daß wir Kapitalismus nicht mögen, aber auch wieder nicht so verbissen dagegen sind, daß wir Marc-Uwe nicht witziger als Kolja und Sebastian fänden. Der Slammer-WG folgt der erste echte Performer. Graumelierte Mähne, Sonnenbrille, ganz in Schwarz. Flüsternd, röhrend, brüllend, obszön kreischend trägt er ein unzusammenhängendes, in altertümlicher Sprache verfaßtes Gedicht vor. Bis auf viele eindeutig sexuelle Anspielungen bleibt es unverständlich. Die Reaktionen reichen von Buhrufen über Applausverweigerung bis zu begeistertem Klatschen und Johlen. Trotzdem bekommt der Wilde die bis dahin niedrigste Punktzahl, was ihm aber offensichtlich überhaupt nichts ausmacht. Bunt durchmischt geht es weiter. Jürgen W.-K., ein feiner älterer Mann im Anzug, trägt drei schwärmerisch romantische Liebesgedichte vor und wird bejubelt. Céline ist an diesem Abend die einzige weibliche Slammerin. Sie ist auch die einzige, die es schafft, daß es im Zuschauerraum so still wird, daß man eine Stecknadel fallen hören könnte. Wie, als ob sie über einen eben erst geträumten Traum berichtete, nimmt sie das Publikum mit ihrer in perfektem Deutsch mit charmantem französischen Akzent vorgetragene Geschichte von Lieben und Verschmähtwerden gefangen. Sie ist bis auf einen weiteren Witzbold, der sich Helge, der Hinterhofdichter nennt und wortspielreiche Gedichte über die Unwörter Bikinizone und Humankapital zum Besten gibt, die einzige, die auswendig vorträgt. Ich unterhalte mich während einer längeren Pause mit meiner Begleiterin, die ebenfalls zum ersten Mal einen poetryslam besucht, darüber, was die Faszination der Veranstaltung ausmacht. An standup-comedy hätten sie viele Darbietungen erinnert, kritisiert sie zunächst. Und daß sie glaube, Dichter, die nicht schreiben, um vorzulesen, könnten eher eine allgemeingültige und -erleuchtende Ebene fassen, weil sie nicht unter der Verpflichtung stünden, möglichst effektvoll zu schreiben. Andererseits vereint der Vortrag des Kunstwerkes Künstler und Publikum, wie es sonst nur bei musikalischen Darbietungen möglich ist, entgegne ich ihr. Sie stimmt zu: Durch die Einmaligkeit eines Vortrags durch einen Interpreten der Worte werde man als Zuhörer gezwungen, nicht nur zu konsumieren, sondern gleichzeitig zu reflektieren. Seine Texte muß man in Bars lesen, zumindest dort, wo das gemeine Volk sich trifft und man den Rezipienten die Möglichkeit der unmittelbaren Reaktion gibt. So formuliert es Wolf Hogekamp, Veranstalter des Slams und Mitbegründer der Poetryslam-Szene in Deutschland. Die Bewegung, die ihren Anfang im deutschsprachigen Raum 1994/95 in Berlin genommen hat, charakterisiert er als eine moderne Antwort auf das verlotterte Leben von subventionierten Literaturhäusern, aber eigentlich gibt es Dichterwettstreit ja schon seit den Griechen. Das Publikum ist immer ein neues, man geht nicht regelmäßig zum slam, eher spontan, ist ja auch billiger wie Kino, nur eine kleine Clique kommt regelmäßig. Die Poeten, da könne man schon eher von einer possy reden, die sich über die Jahre gebildet habe. Die deutsche Poetenpossy hat etwa 80 Poeten/innen. Man sieht sich regelmäßig auf Touren oder zu spokenwordshows, die es in der ganzen Republik gibt. Das bestätigt Slammer Marc-Uwe Kling. Der 23-jährige Philosophiestudent ist vor drei Jahren aus seiner süddeutschen Heimat nach Berlin gekommen und hat sich schnell im Netz der Lesebühnen zurechtgefunden. Er schreibt vor allem witzige Prosatexte, ähnlich dem über den Krieg gegen das Mobiltelephon, den er heute vorgetragen hat. Früher habe er auch mal politische Texte geschrieben, aber das sei nicht so gut beim Publikum angekommen, und er schreibe fürs Publikum. Ich will, daß die Leute lachen! Genau davor warnt Hogekamp: Alle sollten in erster Linie ,für sich schreiben, wer es nicht tut, sondern gleich für seine Bühnenpräsenz, wird sich auf Dauer nicht wohlfühlen in der Spokenwordszene. In erster Linie geht es um Texte, um ihre Komprimierung und Rhythmisierung. Wer das nicht kann, muß witzige Texte haben oder neue Ideen oder er läßt es bleiben, zumindest auf Dauer verlieren viele schnell an Aura, Individualität und posen sich so durch. Wie langweilig! An Aura hat Marc-Uwe offensichtlich noch nicht verloren, er zählt nämlich zu den Gewinnern des Abends. Außerdem kürt das Publikum Céline, Jürgen W.-K. und Helge, den Hinterhofpoeten. Meine Begleiterin und ich krönen einen anderen Poeten zu unserem persönlichen Favoriten: Paradox Paul hatte sich gleich in den ersten zehn Sekunden unbeliebt gemacht, weil er seinen Vortrag mit den Worten I like capitalism eröffnete. Als einziger nahm er dann aber Bezug auf etwas, das am selben Tag in der Welt passiert war: Die Terroranschläge von London. I saw a chap with horns and a notty tale I found my thrill in a Bucket of swill, he sang, He couldnt stop laughing. I saw a chap with eye-brows Raised in the middle High as heaven his speech Enchanting Blah blah blah blah blow blap blah, he blew He couldnt stop farting They met today at Liverpool Street Station It was ever so exciting Sprachs, zerknüllte seinen Zettel und warf ihn weg. |