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ENTSCHULDIGEN SIE, KENNEN SIE DANTE?

No-one that adores Dante more than me, and Auerbach, and Don Quixote, and Swift and Crusoe, ah, and Ulysses (of Pound)! No way: this summer I’ll stay home, near the lake.

   | Ansgar Lyssy (BERLIN). Seid ihr gelangweilt? Habt Ihr gerade nichts zu tun? Sucht Ihr ein bißchen Abwechslung? Fahrt doch einfach mal zur Hölle! Der Eingang liegt laut Dante mittig im Weg unseres Lebens, aber in einem Wald wahrscheinlich in der Nähe von Florenz. Die Hölle selbst ist in neun konzentrische Kreise geteilt, auf denen sich allerlei Verdammte rumtreiben, also Vorsicht, da ist auch einiges aufmüpfige Gesindel dabei. Nehmt doch einfach Vergil mit, der ist ein kundiger Reiseführer und schickt Euch bis zum Teufel selbst. Auch ist die Hölle gar nicht so groß, wie man immer denkt: sie ist 1700 Meilen breit an der weitesten Stelle und insgesamt 3245,5 Meilen tief, Galileo hat sie ausgemessen. Auf direktem Weg zum Mittelpunkt hätte man eine Strecke von knapp 3664 Meilen vor sich, das ließe sich mit dem Auto in ein paar Tagen schaffen. Und wenn es Euch dort unten gefällt, hängt doch einfach noch ein paar Tage ran und reist noch über das Fegefeuer in den Himmel; aber außer gerade dem siebten Himmel ist es da oben wirklich langweiliger. Eine Komödie ist es ja gerade deswegen, weil alles gut ausgeht.
   Etwas weiter nördlich der Hölle (deren Mittelpunkt ja genau unter Jerusalem liegt) liegt der Snæffelsjøkur auf Island, durch den man hinab in ein verschollenes Dinosaurierland gelangt. Das ist zwar nicht ganz die versprochene Reise zum Mittelpunkt der Erde, aber da ist es eh ungemütlich warm. Immerhin erlebt man auf dem Weg dorthin außer euphorischer Wissenschaftsgläubigkeit auch noch eine Menge völlig unzusammenhängender Abenteuer.
   Ich aber würde da lieber gleich wie Alice ins nächste Kaninchenloch kriechen: da kann man Häschen hinterherlaufen (nicht so wie Du denkst!), interessante Drogen nehmen, delokalisierte Gesichtszüge als Landschaftsgestaltung anschauen und miterleben, wie alles, was man bislang für logisch und rational hielt, auf den Kopf gestellt wird — und die Rückfahrt ist praktisch und kostenlos, man muß nur rechtzeitig wieder aufwachen bevor man geköpft wird. Das Wunderland heißt auf Englisch übrigens auch Land des Staunens, denn wirkliche Wunder gibt es dort gar nicht — eher lernt man dort, daß man eh alles machen kann was man will und es dann auch noch sinnvoll aussieht, trägt man sein Anliegen nur ernst genug vor.
   Aber es gibt ja auch noch andere interessante Orte auf der Erde. Man muß ja gleich nicht bis ans Ende der Nacht fahren; warum fahrt Ihr denn nicht mal zu den Minen des König Salomon? Diese befinden sich im Kukuanaland, das H. R. Haggard wohl mit Simbabwe verwechselt hat, und als Reiseführer bekommt man den Ur-Indiana-Jones überhaupt, nämlich Allan Quatermain. Der beschützt uns vor wilden Eingeborenenzauberinnen und anderen Dschungelklischees und am Ende gibt’s den mittlerweile schon obligatorischen verzauberten Schatz. Literarisch liegt das Kukuanaland genau zwischen dem Takatukaland und dem Herz der Finsternis.
   Apropos Reiseführer: Wohl kaum ein Reiseführer geht (im wahrsten Sinne) so unangenehm unter die Haut wie der hühnenhafte, haarlose Albino Judge Holden, der aus Cormac McCarthys miltonesker Feder stammt und zur Abendröte im Westen reist, um dort jede althergebrachte, schöngeredete amerikanische Mythe über Cowboys, Indianer und the frontier mit einem atemberaubenden Blutstrom hinwegzuspülen. In diesem ganz außerordentlichen apokalyptischen Stück Western-Literatur (!) findet eine Reise statt in das Wesen des Krieges selbst, der seinen Platz im Innersten des Menschen hat und von Zivilisation und Religion nur notdürftig sublimiert werden kann. (Harold Bloom mag das Buch auch.)
   Wer es weniger exotisch mag, der fahre doch mal aufs Meer. Man muß ja nicht gleich zum Robinson werden und auch nicht alle sieben Weltmeere besegeln oder einen weißen Wal suchen — ein Besuch auf der fliegenden Insel von Laputa zeigt uns, daß wir alle doch noch recht normal sind, immerhin im Vergleich zu den Laputanern. Diese sind derart geistesabwesend, daß sie von einem Bediensteten stets mit einem kleinen Säckchen geschlagen werden müssen, um aus Gedanken gerissen zu werden. Dafür sind sie äußerst kunstbeflissen und haben eine Vorliebe für Räume ohne rechte Winkel, eine Vorliebe, die sie mit vielen modernen Architekten teilen, die der arme Gulliver aber ganz verwirrend und unpraktisch findet (times change...). Soviel Weltfremdheit ist ihm doch zuviel, und nachdem er schon in den doch noch recht menschlichen Orten Lilliput und Brobdingnag war, flieht er dann lieber ins Lande der Houyhnhnms, das von grazilen, klugen, weisen und techniklosen Pferden bewohnt wird, um in dieser pastoralen Idylle seinen Frieden und die perfekte Gesellschaft zu finden. So entwirft Swift seine ideale community: Wenn doch die Menschen wie diese Pferde wären!
   Andere segeln da lieber zur Insel des vorigen Tages, die dadurch besticht, daß sie direkt an der Datumsgrenze liegt und von Umberto Eco zum Anlaß genommen wird, uns lange und ereignislos über das barocke Weltwissen zu belehren. Aber aus all diesen Seefahrergeschichten nehmen wir die schöne Erkenntnis mit, daß der eigentliche Entdeckerdrang des Columbus und anderer Entdecker der Wunsch gewesen sei, wie Odysseus bislang ungehörte Geschichten erzählen zu können.
   Apropos Odysseus: Ihm gehört natürlich der Ruhm, die erste und unübertreffbar größte Reise überhaupt unternommen zu haben, und eine der vielen klugen Pointen der Odyssee ist natürlich, daß es keine Reise zu einem noch so tollen Schatz / Land/ Frauenzimmer ist, sondern einfach eine Reise nach Hause. Mal abgesehen davon, daß mit ihm die eigentliche westlich-europäische Literatur überhaupt erfunden wurde, ist Odysseus gewissermaßen auch der erste moderne Mensch: weil er listig-rational ist, statt einfach nur stark zu sein, und weil er sich an den Mast binden läßt, um nicht den sexuell-triebgesteuerten Verlockungen der Sirenen zu erliegen, sondern um deren Gesang als Zuhörer zu genießen. Seine Reise ist die der Prüfungen, die es zu bestehen gibt. Odysseus überwindet seine Gefahren zwar, weil er sich anpaßt; doch es ist nur eine vorgetäuschte, rationale Anpassung: sein überlegener Intellekt überschaut die Situationen, geht aber nicht in ihnen auf. Und auch wenn er von Troja einmal den Großteil des Mittelmeeres durchquert, um schließlich nach Ithaka zu gelangen, so besteht seine eigentliche Reise doch darin, standhaft zu bleiben und alle von außen auferlegten Veränderungen und Zwängen zu durchschauen und ihnen so zu trotzen; sich nicht verlocken und sich also sozusagen nicht bewegen zu lassen.
   Die andere große Odyssee der Weltgeschichte ist dagegen eine auf den Kopf gestellte: Don Quijote reist nicht, um irgendwo anzukommen, sondern weil er nicht stillstehen kann. Seine Reise zusammen mit Sancho Pansa ist auch eine Odyssee in ein immer komplexer werdendes Spiel des Weltverlustes hinein, das sich immer wieder potenziert und auf Erfüllung drängt. Aber anders als Odysseus wachsen Sancho und Don Quijote gemeinsam, durchs gegenseitige Aufeinandereinreden und einander Zuhören entwickeln sie neue Ichs. Beide sind gewissermaßen immer bewegt. In bester Dialektik entwerfen sich beide als unabhängig in ihre gegenseitige Abhängigkeit hinein. Der Leser lernt dabei, daß es keiner Magie bedarf, um die Welt als magisch wahrzunehmen und keiner wirklichen Glorie, um glorreich zu leben und zu enden. Man kann den Quijote sowohl als ein heiteres wie auch als ein tragisches Buch lesen, und man muß sich seinen eigenen Quijote lesen, ihn sich so sehr individuell aneignen wie kein anderes Buch sonst. Und wirklich ohne zu übertreiben: mit dem Don begibt man sich, gerade weil er selbst stets in Bewegung ist, immer auch auf eine Reise in das Selbst des Lesers. Der wird zu immer wieder neuen Positionierungen zu den Figuren gezwungen und in eine unabschließbare Bewegung der Bewertungen eingebunden, die es wieder und wieder zu durchbrechen und zu reflektieren gilt. Von allen anderen Autoren hat nur Shakespeare gleiches vermocht.
   Aber es gibt auch eine Menge andere Reisen ins Innere des Menschen. Man kann mit Richard Bunyan auf Pilgerfahrt zur Erlösung gehen, sich mit Wilhelm Meister auf den Weg zur eigenen Künstlerpersönlichkeit machen, mit Jack Kerouac einfach nur unterweges sein und sich in der (Sinn-)Freiheit zu verlieren oder mit Thomas Pynchon im Labyrinth der eigenen Paranoia untergehen. Schließlich muß man ja nicht gleich nach Venedig gehen, nur um dort zu sterben.
   Man kann ja auch einfach mal daheim bleiben und im eigenen Haus auf Erkundungstour gehen. Besonders wenn man gerade im House of Leaves wohnt, das innen größer ist als außen und zwar so groß, daß der Quatermain-Klon Holloway und der unglückliche Hausbesitzer Navidson darin glatt verloren gehen, sie werden schlichtweg verdrängt vom eigenen Haus. Denn, wie man in diesem geschickt inszenierten postmodernen Verwirrspiel lernt, ist das Haus ein Text, der Text ein Kontext, der Kontext das Bewußtsein, aber das Haus ist auch zugleich ein Labyrinth und das Labyrinth ist das Unbewußte selbst — so ungefähr zumindest, und am Ende hüpfen selbst die Worte aus den Zeilen und purzeln munter über die Seiten. Ein Post-Buch von Mark Danielewski, das sich liest wie ein Bastard von Stephen King und Jacques Derrida und der uns eindringlich-gruselig zeigt, wie es einem auch zu Hause un-heimlich sein kann.

Viel Spaß beim Lesen diesen Sommer.