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| opinion NACHTRAG ZUM HOLOCAUST-MAHNMAL After the opening of the Memorial for the Jewish victims of World War II in Berlin the controversy goes on. | Ní Gudix. Ich habe alles über dieses Mahnmal gelesen. Was es sein soll und was nicht; wie es Eisenman und wie es Rosh verstanden wissen wollen; was man dort tun darf und soll; wie was zu interpretieren ist; ob man dort auch denken kann oder ob man nur fühlen darf, und vor allem: ob es reicht. Ob dieses Feld voll grauer Klötze das aussagt, was es aussagen soll. Ich konnte mit diesen Interpretationen viel anfangen. Ich fand die Idee des Mahnmals gut. Am 8. Mai, als am Brandenburger Tor der Tag für Demokratie gefeiert wurde, ging ich schon mal die Wilhelmstraße runter und schlich um den Bauzaun herum, der das Mahnmal noch umspannte. Viel sah ich nicht, aber was ich sah, war spannend. Ich nahm mir vor, so bald wie möglich, d.h. so bald das Ding für die Bevölkerung geöffnet war, hindurchzulaufen. Nein, zu den Allerersten habe ich nicht gehört, hatte an Pfingsten keine Zeit. Ich las die Erlebnisberichte in der Berliner Zeitung und den Schrei der Entrüstung ging durch die Presse: was machen die Jugendlichen da?! Sie hopsen von Stele zu Stele! Sie spielen Fangen! Sie rasen kreischend um die Blöcke! Das waren anscheinend Dinge, die kein Mahnmal-Interpret vorher bedacht hatte. An Graffiti hatte man gedacht, daran, daß sich Leute wohl auf die Klötze setzen und eventuell huch! dort picknicken würden. Und nun das! Wie sollte man damit umgehen? Gestern nun war ich drin. Und was soll ich sagen? Es war klasse. Es war kathartisch. Aber auf eine völlig andere Weise, als ich erwartet hatte. Es kommt einem nämlich, wenn man dort zwischen den hoch aufragenden Säulen steht, noch viel mehr in den Sinn als nur beklommene Betroffenheit. Ich hatte gedacht, der Platz zwischen den Stelen sei viel enger und düsterer. Aber es bleibt hell, überall, zumindest tagsüber. Ich lief einmal durch und dann noch einmal. Wenn man in den Stelen steht und, egal wohin man blickt, nur stumme, schwere, graue Säulengänge sieht da wird einem schon mulmig, da denkt man, wenn nicht an Auschwitz, so doch daran, als man als kleiner Steppke in der Schule von Mitschülern durch die Flure gejagt wurde und nur verzweifelt den Ausgang gesucht hatte. Das ist es, was Eisenman gefühlt haben will und was auch funktioniert. Aber dann setzt das Denken ein. Das Denken in diesem, wie kritisiert worden war, nicht Denk-, sondern Fühl-Mal. Mir war vorher schon klar gewesen, daß dieses Stelenfeld nicht nur zum Fühlen war, sondern eben dadurch, daß es keine Denk-Wege vorschreibt, zum progressiven, aktiven Selbst-Ge-Denken anregt. Nur wie: das war mir zuvor nicht ganz klar gewesen, das fand ich erst im Mahnmal selbst heraus. Die Erkenntnis überfiel mich blitzartig, kathartisch, und ich grinste. Jawohl: die Kinder machen es richtig! Laßt die Kinder zwischen den Stelen herumrennen und -hopsen, laßt sie Fangen und Verstecken spielen! Laßt die Omas sowie die Punks, mit oder ohne Hunde, durchziehen! Laßt das Feld zu einem Ort für Rendezvous werden, zu einem Picknickplatz oder einer Sonnenbank. Denn: das Holocaust-Mahnmal ist kein Museum. Es steht da, open-air, vierundzwanzig Stunden begehbar, für jung und alt, arm und reich, schäbig und elitär. Es soll für alle da sein, jederzeit also weg mit dem Konjunktiv: es IST für alle da! Es ist ein öffentlicher Teil der Stadt und es lebt durch die Menschen, die dort verweilen. Das Holocaust-Mahnmal ist auch kein Friedhof. Die Stelen sollen weder Grabsteine sein noch symbolisieren. Sie sollen in ihrer zunehmenden Höhe die Bedrohlichkeit des Nazi-Regimes für den Einzelnen darstellen. Haben wir in diesem Fall den Ernst des Mahnmals nicht gerade dann richtig begriffen, wenn wir uns von den Stelen nicht paralysieren lassen? Ist es nicht ein wesentliches Charaktermerkmal der Deutschen, daß sie äußerst autoritätshörig sind? War nicht das eins der Grundprobleme 1933ff? Sollten nicht gerade wir ein bißchen mehr selbst denken lernen, statt alles nur zu tun, weil es halt so ist bzw. von irgendwelchen selbsternannten Führern verordnet wird? Wir sind fähig zum Selbstdenken und zum Selbsthandeln. Wir sind fähig zur Zivilcourage! Das hab ich am 8.Mai gesehen, als sich Berlin nicht von der NPD-Demo paralysieren ließ, sondern den Herren Reaktionären spontan entgegentrat und somit den Nazis auf die Stiefel spuckte. Symbolisch, aktiv, konkret. Es ist so einfach, und es ist so offensichtlich. Nehmt den Ernst der Stelen nicht zu ernst, dann habt ihr den Ernst der Lage begriffen. Unterdrückt nicht die Impulse des aktiven Geistes die der Beklemmung folgen! Macht es wie die Kinder: tanzt den Stelen auf der Nase herum. Lauft hindurch und denkt grimmig-trotzig-selbstbewußt und voll intelligenter Negation: NIE WIEDER! Wer kommt und uns vorschreiben will, was wir hier zu fühlen und zu denken haben, der hat überhaupt nicht verstanden, wie viel Gedenken mit Eigen-Denken zu tun hat, mit Eigen-Sinn, Eigen-Verantwortung. Gedenken lebt durch die Menschen der Jetztzeit. Ein Denkmal funktioniert erst, wenn es integriert wird und jenseits aller A-Priori-Thesen von den Menschen angenommen wird. Auch auf anderen Denkmälern klettert man herum, setzt sich drauf, schläft drin. Wenn wir das im Holocaust-Mahnmal auch machen, haben wir den Fingerzeig der Geschichte, den nicht mal Eisenman und Rosh gesehen haben, verstanden. Dann haben wir unserer schicksalhaften Autoritätsfixiertheit ein Schnippchen geschlagen. |