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ZEIT ZUM LEBEN

A masterpiece of poetic cinematography from Argentina at 55th Berlinale 2005: “As the hours pass” directed by Inés de Oliveira Cezar.

   | Tino Brömme (Berlin). „Sommer. Ein Gut im westlichen Waldgebiet.
   Den ganzen Tag fiel ein frischer, starker Regen, unaufhörlich vernahm man sein Trommeln auf dem Bretterdach. In dem still gewordenen Haus breitet sich das Dunkel aus, es ist langweilig, an der Decke schlafen die Fliegen.“
   So beginnt Iwan Bunins Novelle „Erste Liebe“, ein Meisterwerk kurzer Prosa, dem es auf nur einer Buchseite durch Naturbeschreibungen, literarische Stilleben, die Darstellung einiger weniger Handlungselemente gelingt, eine eindringliche, vielsagende Atmosphäre und, über sie, ein Gefühl festzuhalten. Das Gefühl, das Inés de Oliveira Cezar aus Buenos Aires in ihrem im Forum der diesjährigen Berlinale gezeigten Film „Como pasan las horas“ festhält, kann gar nicht interpretiert werden, es sei denn durch die Feder eines Dichters, der eine Rekonstruktion dieses intensiven Stimmungsbildes versuchte. Viele Kritiker nannten den Film mit Recht „poetisch“, weil das darin erzählte Drama einer kleinen Familie sich nicht über die spärlichen Dialoge entwickelt, weil er nicht traurig zu sein sucht wie die unentwegt weinende Nicole Kidman in „A Portrait of a Lady“ oder gefühlvoll durch erotische Szenen oder sonstwie explizit seinen eigentlichen Gegenstand erläutert, sondern weil, ganz wie bei Bunin, die Natur und die wenigen Gesten und Geschehnisse zur Syntax der philosophischen Frage „wie die Stunden vergehen“ werden: Die kühle Jahreszeit auf dem Land, im Wald, wo die Frau mit ihrer todkranken Mutter den Nachmittag verbringt, während ihr Mann mit dem gemeinsamen Sohn einen Ausflug zum Meer macht, wo außer zwei Fischern nur Wellen und Sand und Licht den vielleicht schicksalhaften Moment im Leben dieser ganz unbedeutenden Menschen „kommentieren“.
   Nur ein Tag, vom Morgen bis zum Abend, vergeht, und das Ungesagte, das in der Stille Bedeutsame, das wir in der Hektik des Großstadtalltags verlernt haben zu sehen, drängt mit machtvoller Stärke aus unserem Unterbewußtsein herauf uns erinnernd, daß ein, vielleicht der wichtigste Teil unseres unsäglichen Menschseins eben nicht dort zu finden ist, wo der Verstand und das durch die Sprache strukturierte Denken unseren verstümmelten Gefühlsapparat plump übertönt. So wie in der letzten Einstellung von Antonionis „L’eclisse“ (deutscher Titel: „Liebe 1962“) die für immer leerbleibende Stelle, wo der Treffpunkt der beiden Liebenden war, klarer als jedes Wort das schreckliche Gefühl der Leere und Verlassenheit evoziert, gibt uns Inés Cezars filmische Elegie anderthalb Stunden Sein, in denen wir alle Zeit der Welt haben, um zu uns selbst zurückzufinden.



  Inés de Oliveira Cezar

| Iwan Bunin: „Erste Liebe“