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VERSTEHST DU? An everything else but optimistic foresight of Europe's multilinguistic future | Jan Henning Rogge (Berlin). Wir haben gemeinsame Grenzen, vielleicht bald eine gemeinsame Verfassung. Wir haben Richtlinien, wenn es um die Wurst geht oder um den Auslauf, den ein europäisches Huhn braucht. Wir haben gemeinsame Grenzwerte für Lärmschutz, ein blaues Fähnchen auf unseren Nummernschildern und gemeinsame Führerscheine. Europa spricht viele Sprachen und keine gemeinsame. Denn hier ist Europa keine Gemeinschaft. Hier ist Kleinstaaterei. Zwar sehen sich 77% der europäischen Studierenden (ohne die seit Mai 04 hinzugekommenen Staaten) in der Lage, in einer anderen EU-Sprache ein Gespräch zu führen (Quelle: EU), damit stehen sie jedoch recht allein auf weiter Flur. Bei Angestellten sind es nur noch 47%, bei Arbeitern 41%. Warum sollten sie auch eine andere Sprache lernen? Nur für den Urlaub? Europa heißt auch, voneinander zu lernen, sich miteinander zu organisieren. Opel feuert in Deutschland gerade Tausende von Arbeitern. Nicht so in Tschechien. Könnten die Arbeiter miteinander sprechen, könnte man vielleicht gemeinsam etwas ändern. Die Konzerne kümmern sich nicht um (Sprach-)Grenzen, nur die Menschen, die in ihnen leben. Zudem sind die oben aufgeführten Aussagen fragwürdig: Was bedeutet ein Gespräch führen, und wie zuverlässig ist eine Selbsteinschätzung? Ein P.I.S.A. für Sprachkenntnisse der Gesamtbevölkerung gibt es nicht. Auch nicht für Studis. 20 Amtssprachen hat die Union, dazu gehören Sprachen wie Griechisch, Portugiesisch und Schwedisch, die von jeweils drei Prozent der gesamten europäischen Bevölkerung gesprochen werden (Erhebung von 1998). Am weitesten verbreitet ist Englisch mit 47%, 16% davon sind Muttersprachler, gefolgt von Deutsch, 32%, davon 24% Muttersprachler, und Französisch mit 28%, davon 16% Muttersprachler. Englisch ist auch die Sprache, die 89% aller europäischen Schüler lernen, gefolgt von Französisch (32%) und Deutsch (18%). Der Anteil von Nicht-Muttersprachlern, die Spanisch sprechen, liegt bei gerade einmal 4%, Italienisch klappt noch bei 2%. Kein Wunder, daß sich Briten und Iren zurücklehnen, hier findet sich die geringste Anzahl der Menschen mit Fremdsprachenkenntnis überhaupt in Europa, schließlich spricht man schon Englisch. Frankreich und Deutschland schwimmen hier im Mittelfeld, Italien, Spanien und Portugal plazieren sich noch dahinter. Hohen Stellenwert haben Fremdsprachen hingegen in den Niederlanden, Schweden und Dänemark. Drehen wir es einmal um: Was nützt es, den knapp über 40% Deutschen, die Englisch sprechen, wenn sie damit bei über 70% der Italiener nur ein Schulterzucken hervorrufen? Oder den etwas über zehn Prozent der Franzosen, die mit ihren Spanischkenntnissen mit einer +/- 8%-Chance in Portugal oder Italien eine Reaktion erwarten können? Sicherlich ist Englisch die am meisten verbreitete Sprache. Aber es ist weder eine gemeinsame Sprache, noch eine, die wenigstens die Hälfte der Gesamtbevölkerung Europas spricht. Und ist es wünschenswert, eine Hauptsprache zu sprechen? Lassen sich Sprachfeinheiten und Lebensgefühl übersetzen? Vorteile gäbe es jedoch auch, denn die Hände-und-Füße-Konversationen auch nicht ohne akrobatischen Reiz am Kassenhäuschen des Louvre oder am Bahnhof Roma Termini würde der Vergangenheit angehören. Und der Student aus Polen könnte im Zug nach Nirgendwo mit dem neben ihm sitzenden österreichischen Advokaten ein Pläuschchen halten. Es ist problematisch, daß in Irland, Italien und Griechenland in der Schule meist überhaupt nur eine Fremdsprache vermittelt wird. Auch in der Art des Sprachunterrichtes gibt es erhebliche Differenzen: Während in südlichen Ländern moderne Fremdsprachen unterrichtet werden wie Latein, also Vokabeln und Grammatik pauken jedoch kaum sprechen, ist man im Norden bereits wesentlich weiter: Die Sprachen werden im Unterricht benutzt, gesprochen und geschrieben, um den Sprachgebrauch zu erlernen. Letztendlich ist es egal, welche Fremdsprache gesprochen wird, gelernt wird, wichtig ist, daß möglichst alle Menschen in Europa mindestens zwei Sprachen lernen und daß diese nicht nur als Qualifikationen für irgendwelche Jobs begriffen werden. Ebenso wichtig ist es, den Menschen klar zu machen, daß es auch ihr privates Umfeld bereichern kann und den Freizeitwert erhöht. Es bedeutet, Europa nicht nur den Konzernen als Wirtschaftsraum zu überlassen. Für uns Studierende bedeutet es, Wissen nicht nur regional gefärbt sondern international variiert zu erlangen. Es wäre schade, wenn in Europa nur noch Englisch gesprochen würde, denn damit gingen Identität und Kultur verloren. Aber miteinander reden ist die einzige Möglichkeit, ein Europa der Menschen zu schaffen. | Weitere Zahlen gibt es hier! |