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ICH LIEBE DIE DINGE OHNE JEDEN WERT

The infantile dreamy poor spiritual narcistic poetic materialistic masochistic vendible art of Marco Zezza. An interview by Paola Guadagnino. Translation: Tino Brömme



> Welche sind deine ersten künstlerischen Erfahrungen, an welchen Vorbildern hast du dich orientiert?

> ZEZZA: Als ich klein war, zog meine Familie von Neapel nach Florenz. Bis dahin kannte ich nur mein modernes Viertel in Neapel und war von dem antiken Florenz buchstäblich überwältigt. Mit acht gefiel mir sehr die mittelalterliche Malerei, ich mochte Giotto und seine Geschichte, weil es ihm gelang, sich aus dem Zustand des Hirten zu befreien und Künstler zu werden. Später liebte ich van Gogh, Beato Angelico, Pollock und den russischen Konstruktivismus. Durch die Kunst schien es mir möglich, dem Spirituellen in dem materialistischen Nichts, in dem ich aufwuchs, ein Dasein zu geben. Kürzlich habe ich einige von Malewitschs monochromen Bildern gesehen, sie sind unglaublich! Wenn auch durch die Jahre geschwächt, strahlen sie eine beeindruckende Vitalität aus, eine Leuchtkraft, die ans Wunder grenzt. <

> Die für deine Installationen ausgewählten Gegenstände sind oft nutzlos, alt und seltsam, teils lassen sie früheren Adel, teils gegenwärtige Vernachlässigung erkennen. Was findest du an dieser Ambivalenz?

> ZEZZA: Ich liebe die Dinge ohne jeden Wert. Ich kann nichts dafür, es ist instinktiv, schon immer hatte Abfall für mich eine gewisse Ausstrahlung. Außerdem ist für jeden, der in einer Stadt wie Neapel aufwächst, die Konfrontation mit dem Verfall unvermeidlich, er braucht eine Strategie, um mit der Stadt leben zu können. Für mich war es eine Art magischer Verkehrung, eine meiner Zärtlichkeit gemäße Art, das Obszöne und Verkommene zu verarbeiten und ihm zu widerstehen. <

> Weshalb offenbaren deine Arbeiten eine solche Nachsicht und Komplizenschaft mit allem, was sie an Mißtrauen, Abfall und Verdammnis vorfinden?

> ZEZZA: Ich habe sehr oft Träume, in denen das Arme in Wirklichkeit reich ist, das Häßliche glänzt vor Perfektion. Ich glaube, in diesen Träumen manifestiert sich eine Wahrheit, ein mystisches Prinzip der sich durchdringenden Gegensätze. Es fällt mir sehr schwer, das verstandesmäßig zu erfassen, aber ich weiß, daß es existiert. Ich kann auch die häßlichen und leidvollen Aspekte der Welt nicht ignorieren, und wie den Müll, verinnerliche ich sie und versuche sie zu begreifen, ohne mir dabei allzu weh zu tun. Mit Hilfe der Kunst versuche ich sie zu lieben. Es ist ein Akt des äußersten Mitgefühls, stets an der Grenze des Krankhaften. Versteh das nicht falsch, ich hasse Masochismus und versuche ihn völlig zu vernichten, aber wenn ich mir auf dem Weg weh tue, spielt das keine Rolle, solange es irgendwo hinführt. <

> Man spricht nun schon seit Jahren über das gesellschaftliche Engagement der Kunst, man redet so viel davon, daß es fast eine Mode geworden ist.

> ZEZZA: Ich mag diese Tendenz. Mir gefällt die zeitgenössische Kunst der letzten Jahre. Es ist darin viel mehr Poesie als noch vor 10 oder 15 Jahren. Sie nähert sich immer mehr meiner Haltung an, es ist mir lieber, daß Frieden in Mode ist, als Leute zu enthaupten. Dabei ist es egal, wie oberflächlich eine Problematik gelebt wird, jeder gibt, was und wie er es geben kann. Im übrigen bin ich oft mir selbst der Nächste (auch wenn es wie ein Wortspiel klingt), ich fühle mich nicht von den anderen getrennt. Meine letzten Arbeiten sind sehr autobiografisch und tagebuchhaft, und ich möchte sehr gern diesen Zyklus beenden. Ich glaube nicht, daß es viel ändern würde, mich mit der Gesellschaft zu beschäftigen, ob ich in mir selbst grabe oder in den andern, immer spreche ich von der condition humaine. Durch dieses Verhalten wird auch mein Narzißmus etwas Nützliches, Fließendes. Ich versuche mir immer vorzustellen, daß in mir wie in jedem Menschen die Menscheit in ihrer Gesamtheit enthalten ist, ich fühle mich wie die letzte Scheiße und der glänzendste Ritter, ich empfinde wie der gefolterte Iraker und der heilige Dalai Lama. <

> Ich finde, was du machst, ist heroisch, denn deine Suche nach der Schönheit geht oft auf extreme, intellektuelle, moralische und physische Erfahrungen aus. Welches Ziel setzt du dir in deiner künstlerischen Karriere?

> ZEZZA: Heroisch? Wohl eher donchichottesk, mit etwas mehr Leichtigkeit. In meinen nächsten Arbeiten möchte ich noch mehr auf die Beziehung zur Geschichte, zur Zeit konzentrieren. Ich finde es beeindruckend in der Literatur, daß die Grundsätze des Menschen immer dieselben sind, für mein kommendes Projekt „City Pus“ (über die Stadt und die Entfremdung der Moderne) lese ich Dostojewskij. Ich würde gern auch eine Arbeit den Verdammten Poeten widmen, der Bohème des ausgehenden 19. Jahrhunderts und dem revolutionären Instinkt der Jugend aller Zeiten, der Suche nach der Freiheit und dem Wissen als der ewigen Triebkraft des Menschen.
   Vielleicht geben sich die Künstler einfach den Staffelstab weiter und erfüllen seit Urzeiten ihre Funktion als Schamanen und Therapeuten. Ein anderes großes Ziel ist, mehr Arbeiten zu verkaufen. Denn wenn jemand bezahlt, weil ein aufrichtiges Werk existiert, welche Motivation ihn auch immer bewegt, geschieht ein kleines Wunder, eine glückliche Vereinigung von Materie und Geist. <<

EXHIBITION — MOSTRA    MARCO ZEZZA    INAUGURAZIONE 8 FEB. ORE 19    PERIODO 8 FEB.-26 MAR. 2005    ORARI 16-20 MART/SAB    VIA TRIBUNALI, 293 NAPOLI    T/F +39 081 295882    WWW.T293.IT

| la versione originale dell’intervista