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EREKTION FÜR 10 EURO

   | Robert Kneschke. Wer bei der Internet-Suchmaschine Google das Wort „Sex“ eingibt, erhält über 76 Millionen Treffer. Knapp eine Million davon sind Seiten aus Deutschland.
   Wer sind die Macher deutscher Sexseiten, die Pornobilder und Erotikvideos zum Download anbieten? Der Webdesigner Richard Schumann gibt Auskunft. Unter www.pornodesign.de betreibt er Kundenakquise. Zirka zehn bis fünfzehn Layouts und Konzepte für Pornoseiten entstehen pro Monat in seinem Büro, die jedoch nur 50 Prozent seines sechsstelligen Umsatzes ausmachen. „Ich verdiene mein Geld mit Leuten, die ihr Geld mit Leuten verdienen, die sich einen runterholen. Weil ich durchaus Ästhet bin und schöne Frauenkörper mag, fällt es mir leicht, fluffige, tuffige Erotik-Webseiten zu machen.“

Die Idee
   Durch die Auswertung ihrer Seiten wissen Webmaster, welche Art von Sex gefragt ist. Dann werden Designer wie Richard beauftragt, zu diesem Thema, z. B. Analsex, eine Webseite zu erstellen. „Bestimmte Raster ziehen zuverlässig Besucher, also viele Thumbnails, wo sich jeder seinen kleinen Fetisch raussuchen kann, ein kleiner Chat, paar Vorschau-Gallerien zum heiß machen. Dann läuft die Seite.“ Die Seiten müssen gar nicht professionell aussehen, denn je schlechter das Layout, desto mehr Umsatz macht eine Seite. „Der User denkt, das sei die private Seite von Sabine, die hat sie selbst ins Internet gestellt, die kann nicht programmieren, aber es kommt ja nur auf Sabine an, die mir ihre Muschi zeigt,“ erklärt Richard. Außerdem laufen Teens, also Mädchen ab 18, immer. „Die sind für die Internetgeneration interessant, ist ja ein ähnliches Alter, aber auch für 40-Jährige, weil die ihre Midlife-Crisis haben und sich mal vorstellen wollen, ich will nicht meine Olle, sondern die Freundin meiner Tochter, so ,American-Beauty’-mäßig.“

Die Bilder
   Die Bilder, die für die Seiten verwendet werden, werden bei sogenannten Content-Anbietern in Massen gekauft. Richard schwärmt: „Die größten Anbieter wie David Lace, die haben die wunderschönsten Frauen, Hochglanz, vor weißem Hintergrund freigestellt, der Traum eines jeden Designers. Allerdings sehen diese Frauen auch sehr hochgezüchtet aus, mit viel zu großen Brüsten und aufgespritzten Lippen und angeklebten Wimpern.“ Allein in Deutschland gibt es etwa 60 solcher Anbieter. „Ich kaufe da regelmäßig Bildlizenzen für ca. 400 Euro pro Monat ein, von mehreren Anbietern, denn von den hundert Mädchen, die die anbieten, kann ich meist nur drei gebrauchen.“ Mehrere Sexseiten teilen sich den Mitgliederbereich mit identischen Bildern und verwenden ein anderes Layout, um sich optisch abzugrenzen. Die Frauen auf den Startseiten bearbeitet Richard nach. „Ich kann die Haut glätten, Pickel retuschieren und die Farbigkeit anpassen. Brüste vergrößere ich seltener.“

Der Markt
   Der deutsche Online-Erotik-Markt, wozu Richard Versandhändler wie Beate Uhse nicht mitzählt, macht im Jahr ungefähr 2,4 Millionen Euro Gewinn. Einen Großteil des Geldes bekommt die Handvoll Firmen, die eigene Studios hat, in denen sich laufend Mädchen ausziehen und die Hardware wie Server, Dialer etc. bereitstellen. Die Webseiten selbst werden von tausenden Webmastern betreut, die von den Firmen Provisionen dafür bekommen. Die Webmaster ihrerseits bezahlen zehntausenden Webmastern Provision, wenn sie auf ihren Seiten Werbung machen. „Multi-Level-Marketing nennt sich das, es funktioniert ähnlich wie das amazon.de-Partnerprogramm, wo private Webseiten auf Provision CDs für die verkaufen.“

Die Werbung
   Um eine Porno-Seite bekannt zu machen, gibt es mehrere Möglichkeiten. „Es kostet ca. 2 Euro, wenn 1.000 Leute deine Webseite sehen sollen.“ Eine andere Möglichkeit ist das Suchmaschinen-Spamming. Spammer sind Menschen, die durch gezielte Manipulationen die obersten Plätze einer Suchmaschine belegen. Wird auf deren Seite geklickt, leiten sie die Besucher an zahlende Kunden weiter, je nach Suchanfrage. Einige Suchmaschinen reservieren sich die obersten Plätze selbst, weil sie Unterfirmen haben, die ebenfalls Sexseiten betreiben.

Das Geld
   Doch wie kommt das Geld zum Anbieter? Die beiden meistgenutzten Möglichkeiten sind Dialer und Kreditkarten. Bei Dialern wird eine teure 0190-Nummer gewählt, mit der ein Zugriff auf die Sexseite möglich ist. Dazu muß meist ein Programm runtergeladen werden. Weil einige Dialer sich heimlich anwählen, ist das Geschäft damit kaputt gemacht worden. „Die Dialer werden in der Presse seit Januar beschimpft, sogar Virus genannt. Weil halt jetzt jeder Trottel weiß, was ein Dialer ist, fängt man wie in Amerika an mit Abo-Layouts, also ein Pauschalpreis für den Zugriff auf den Mitgliederbreich,“ beschreibt Richard den Trend. „Abonnement-Angebote sind zum Teil wirklich gut. 10 Euro pro Monat, die würdest Du mit einem Dialer in 4 Minuten ausgeben. Da hast Du noch nicht mal ’ne Erektion und hast schon 10 Euro ausgegeben.“ Einige Anbieter wie Telecoin leben direkt davon, die Technik für die Verwaltung der Kreditkarteninformationen bereitzustellen.

Die Justiz
   Wozu für Pornobilder bezahlen, die es im Internet auch kostenlos gibt? Richard stellt klar: „Was im Internet an Porno kostenlos zu finden ist, ist fast immer illegal! Kein Mädchen läßt sich kostenlos fotografieren. Kein Pornodarsteller arbeitet kostenlos. Die Server, Festplatten, der Traffic, das muß ja alles bezahlt werden.“ Auf den Startseiten deutscher Porno-Anbieter werden nur FSK16-Bilder gezeigt, die juristische Grenze im deutschen Internet. Das heißt, keine erigierten Glieder oder Schamlippen. Erst nach einer Altersverifizierung wie der Kreditkarte gibt es FSK18-Bilder zu sehen. In den USA ist FSK18 überall üblich. „Da kannst Du irgendwas.com eingeben und wirst sofort erschlagen von einer großen Muschi. Zack. Das ist natürlich scheiße. Und es wird noch schlimmer kommen.“ Denn ab März 2003 tritt ein neuer Jugendmedienschutz-Staatsvertrag in Kraft, dessen Auflagen auch für Porno-Anbieter gelten. Die sind jedoch so aufwendig, daß schon einige Anbieter Deutschland verlassen haben. Andere drohen das an. „Von Mallorca und Co. Kann natürlich mit FSK 18 geworben werden — wie in den USA.“

Verwandtschaften
   Einige der Leute, die heute mit Erotik-Webseiten Geld verdienen, haben früher in den Nachtstunden Werbung für 0190-Nummern im Fernsehen geschaltet. „Du hast für 50.000 Mark Werbung geschaltet und 500.000 Mark verdient. Praktisch in einer Nacht dein Geld verzehnfacht! Aber heute ruft doch keiner mehr 0190-Nummern an.“ Im Internet gibt es Parallelen und Verzahnungen von drei Bereichen. Die Sex-Seiten, die Handy-Seiten, wo es kostenpflichtig Logos, Klingeltöne und SMS gibt und Pseudo-Hacker-Seiten.

Die Moral
   Richard erklärt seinen Standpunkt: „Ich würde nicht sagen, daß das Porno-Business einen schlechten Ruf hat. Besonders die heutige Generation hat doch eine relativ lockere Einstellung zum Thema Sex. Was ich traurig finde, ist, daß überall in der Werbung nackte Menschen zu sehen sind und Tausende von Mädchen Bulimie bekommen, weil sie denken, daß sie schlanker werden müssen, bloß weil ihnen das irgendwelche Medien einreden. Vielleicht bin ich sogar noch schuld daran, weil ich die Mädchen hübscher mache als sie in Wirklichkeit sind. Aber letztendlich ist es ein Job wie jeder andere auch. Privat bin ich ein richtiger Romantiker.“