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DER SCHRECKEN, DER KNECHT

   | T. Brömme. Heute schlüpft er in die Haut von Mohammed al-Ghoul. Als israelische Soldatenhorden, bis an die Zähne bewaffnet, mordend, brandschatzend, folternd auf seiner Netzhaut erfüllt er ihn mit Qual und Wut. Der dreiundzwanzigjährige Student setzt sich vor die Viedeokamera, sagt, wie es ihm die Scharfmacher der Hamas diktieren, daß er im Namen Gottes für ein unabhängiges Palästina sterben will und verabschiedet sich von seiner Mutter.
   18. Juni 2002, Dienstagabend, Jerusalem; er wechselt den Wirt: einer Frau, Mutter mehrerer Kinder, auf dem Heimweg gefriert das Blut in den Adern, als der Linienbus an der Kreuzung explodiert. Karosseriefetzen, verkohltes Fleisch, Menschen in Panik, Sirenengeheul. Die schnell eintreffenden Reporter filmen aus Leichensäcken hervorlugende Füße und ihr tränenüberströmtes, vom Schrecken verzerrtes Gesicht.
   In Millisekunden hat sich der BBC-Mann seiner bemächtigt, ohne sich anzustecken. So, hier, er drapiert sich vor das qualmende Wrack und repetiert in die Kamera: Siebzehn Tote, darunter etliche Studenten, wird Scharon Vergeltung üben? Daß die Selbstmordattentate schon fast aufgehört hatten — nach je 4 in ’94 und ’95, je 3 in ’96 und ’97, nur einem in ’98, keinem in ’99 vor Camp David, 4 in 2000 — und erst mit dem Zusammenbruch des Friedensprozesses schlagartig wieder zunahmen — 13 in 2001 und 24 seit Anfang 2002 — das stört weder den Journalisten, noch Scharon, noch den Schrecken bei ihrem Geschäft.
   Er überträgt sich über die Fernsehbilder und Titelseiten. Rasend schnell als Topnews, moralisch bebildert und kommentiert, als Information, mundgerecht zubereitet: Für diesmal sind wir dem Blutbad entronnen, doch „die Terroristen“ lauern, ihr „Netzwerk“ bedroht uns jede Stunde... erklärt ihn der Verteidigungsminister den Massen der Zivilisierten Welt. Jetzt kribbelt’s ihnen als Erleichterungsschauer millionenfach die Wirbelsäulen herunter, der Kreis schließt sich, die Faust ballt sich zur „Friedensmission“!
   Und in New York City der Businessman in seinem Kamelhaarmantel im World Trade Center pafft an seiner Havanna, und er sagt: Mir ist es egal, wem der Wüstensand gehört, mein Job ist nur der Kohlenwasserstoff darunter.* Sein hündischer Knecht, der Schrecken, kriecht winselnd heran, daß er ihm noch einen blutigen Happen zuwerfe, schnappt ihn auf und kuscht, den hat er sich redlich verdient.


   (*Roger Waters, 1986)