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ausgabe 08
 
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WELCOME MR. CHANCE

   | Mir träumte, ich lebte als Student in Berlin und alles wär’ mir egal. Die schreienden Schlagzeilen, die kommerzialisierte Armut der Straßenzeitungsverkäufer, die geistige der Promogirls, egal das Schweigen der Lämmer, meiner Kommilitonen, zu Aufrüstung und Krieg heute genau wie zum Kosovokrieg damals. Und ich hörte Marlon Brando: „Sie bilden unsere besten jungen Männer darin aus, Bomben abzuwerfen, aber das Wort ‚Ficken‘ dürfen sie nicht auf ihre Flugzeuge schreiben, denn das ist obszön.“ Ich hörte eine Polizistin zu einem aufgebrachten jungen Türken vor der Disco sagen: „Sie müssen verstehen, bei der gegenwärtigen Sicherheitslage...“ und fühlte mich vor den Mg’s an der amerikanischen Botschaft wieder wie am Grenzübergang im Tränenpalast. Es war mir aber egal. Gleichgültig sah ich politisch aseptische Hörsäle, meine glänzende Karriere, und es regnete, und ich lief mit gesenktem Kopf, und das Wasser lief mir in die kaputten Schuhe, und ich war, wie Vittorini, ergriffen von einem gegenstandslosen Aufruhr. Doch ich schlief und ich trank viel in den hippen Clubs in Mitte und fand „Liebe auf den ersten Klick“ im Internet und sah die immer nackteren Ukrainerinnen auf TVB und die Kriegsberichterstatter auf allen Sendern. Aber ich träumte, und Berlin war Berlin, und sinnlos standen die Wahlplakate, sinnlos lief ich im Regen, ergriffen von gegenstandslosem Aufruhr, in immer dunklere und trostlosere Straßen. Ich suchte etwas — meine Geschichte? — und sah von Ferne eine hell erleuchtete Tür. Doch je mehr ich, ganz Massenmensch, jetzt voll brennender Ungeduld meine Schritte beschleunigte, desto entfernter war das Licht und erschien mir unerreichbar. Da rannte ich, von einer beklemmenden Angst plötzlich gepackt, ich rannte, kopflos, atemlos, stieß gegen Autos, Kopfsteinpflaster, fiel — da wachte ich auf.
   Es ist Montag, sonnig still, der erste Tag des Semesters. Kerzengerade sitze ich im Bett, noch wie betäubt; im Radiowecker die Morgennachrichten.