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HOCHSCHULFINANZIERUNG IN DER KLASSENGESELLSCHAFT

   Gleiche Volkserziehung? Was bildet man sich unter diesen Worten ein? Glaubt man, daß in der heutigen Gesellschaft (und man hat nur mit der zu tun) die Erziehung für alle Klassen gleich sein kann? Oder verlangt man, daß auch die höheren Klassen zwangsweise auf das Modikum Erziehung — der Volksschule — reduziert werden sollen, das allein mit den ökonomischen Verhältnissen nicht nur der Lohnarbeiter, sondern auch der Bauern verträglich ist? (...) Wenn in einigen Staaten (...) auch „höhere“ Unterrichtsanstalten „unentgeltlich“ sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten.
Karl Marx, 1875: Kritik am Gothaer Programm


   | Peter Skandies. Marx’ Kritik am Gothaer Programm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der damals gerade neugegründeten Vorläuferorganisation der SPD, wirft ein grelles Licht auf die gegenwärtige Debatte um Studiengebühren. Zugespitzt lautet die Frage: Wer bezahlt das Hochschulstudium und wer profitiert davon? Natürlich ist Bildung nicht das einzige öffentliche Gut in der kapitalistischen Klassengesellschaft, welches von allen finanziert wird und dann von bestimmten privilegierten Gruppen überproportional genutzt wird; aber es ist eine Ressource, deren Verfügbarkeit entscheidend für das persönliche Fortkommen ist.
   Unbestritten ist, daß ein Hochschulstudium sich in vielerlei Hinsicht lohnt. Akademiker und Akademikerinnen sind seltener arbeitslos, verdienen mehr Geld und können es sich leisten, ihre Kinder wieder studieren zu lassen. In den siebziger Jahren haben westdeutsche Gesellschaftswissenschaftler wie Peter Brückner dies treffend als „Elitenzirkulation“ beschrieben und analysiert: die Klassengesellschaft reproduziert sich selbst. Die Antwort der Sozialdemokratie war die Forderung nach Chancengleichheit. Unter diesem Motto wollten „progressive“ Bildungspolitiker möglichst vielen und vor allen Dingen den sogenannten „bildungsfernen Schichten“ den Zugang zu Universitäten ermöglichen.
    Doch während die Hörsäle sich füllten, blieb die soziale Zusammensetzung der Studierenden in den letzten Jahrzehnten nahezu unverändert. Die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) in Hannover kommt in einer Studie zu dem Schluß: „Im Wettbewerb um höhere Ausbildung besitzen nach wie vor Kinder aus Elternhäusern Vorteile, in denen ein hohes kulturelles, soziales und ökonomisches Potenzial gebündelt ist.“ Einfacher ausgedrückt: an Deutschlands Universitäten sind Menschen aus Arbeiterfamilien unterrepräsentiert; die meisten stammen aus Angestellten- und Beamtenfamilien. So liegt bei den Eltern von Studienanfängern der Akademikeranteil fünfmal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Und diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren in West- wie in Ostdeutschland noch verstärkt; von 1993 bis 1999 ist der Anteil der akademisch gebildeten Eltern von Studierenden um neun Prozent gestiegen.
    Trotz der immer wieder propagierten sozialen Öffnung der Hochschulen gilt nach wie vor das alte Schema der privilegierten familiären Herkunft, an den traditionellen Selektionsmustern der Gesellschaft hat sich wenig geändert. Scheinbar konsequent stellen deshalb jetzt nicht nur konservative Bildungspolitiker die ausschließlich öffentliche und weitgehend gebührenfreie Finanzierung des Hochschulstudiums in Frage: Warum sollen jene, die später ohnehin vom teuren Bildungssystem profitieren werden, dies auch noch umsonst tun dürfen? Einige Befürworter von Studiengebühren argumentieren, daß eine Beteiligung der Studierenden und ihrer überwiegend akademisch gebildeten Eltern an der Studienfinanzierung ein notwendiger und längst fälliger Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit sei. Solche Argumentationsmuster können kaum überraschen. In dem Maße, in dem sich die kapitalistischen Industrienationen vom sozialdemokratischen Projekt des die Klassengesellschaft allmählich überwindenden Wohlfahrtsstaats verabschieden, wird die Finanzierung öffentlicher Aufgaben in Frage gestellt. In Großbritannien, wo die ehemals sozialdemokratische Arbeiterpartei sich zur konservativen Mitte gewendet hat und unter dem Schlagwort des „Dritten Weges“ die von Thatcher begonnene Politik der neoliberalen Privatisierung fortsetzt, ist die Einführung von Studiengebühren der Öffentlichkeit tatsächlich als sozial gerechte Maßnahme präsentiert worden.
   Weil sich der Klassencharakter der britischen Gesellschaft deutlich in der Zusammensetzung der Studierenden wiederspiegele, und wir — so das indirekte Eingeständnis von „New Labour“ — daran nichts ändern wollen, könne den an den Hochschulen unterrepräsentierten Schichten die Beteiligung an der Finanzierung der „höheren Bildung“ nicht mehr länger zugemutet werden. Die Einführung sozial gestaffelter Studiengebühren bei gleichzeitiger Umwandlung der staatlichen Unterstützung für Studierende in Kredite werde dagegen die Lasten der Hochschulfinanzierung gerechter verteilen.    Tatsächlich haben diese Maßnahmen den Zugang zu Bildung stärker privilegiert. Die ersten Erfahrungen bestätigen, was Kritiker auch in Deutschland immer wieder vorgebracht haben. Der teilweise Abschied vom öffentlich finanzierten Hochschulstudium hat die Bildungschancen der Kinder der weniger Verdienenden keinesfalls verbessert, und dies obwohl ein Drittel aller Studierenden wegen des geringen Einkommens ihrer Eltern keine Gebühren zu bezahlen braucht.
   Nach Einführung der Studiengebühren in England, Wales und Nordirland von umgerechnet etwa 3400 Mark pro Studienjahr ist die Zahl der Studienanfänger um 2 Prozent zurückgegangen, nachdem die Zahl der Studierenden im letzten Jahr ohne Studiengebühren um 13,7 Prozent gestiegen war. Mehr als 32.000 junge Menschen, so schätzen Experten, verpassen wegen der Studiengebühren ihre Chance auf eine akademische Ausbildung. Es dürfte kaum überraschen, daß der Anteil von Studierenden aus den sogenannten „unteren Klassen“ besonders stark zurückgegangen ist.
   Mittlerweile formiert sich der regionale Widerstand gegen diese Politik. Die Regionalregierung in Schottland, an der die inzwischen links von Blairs New Labour stehenden Liberaldemokraten in einer Koalition mit der Labour-Party beteiligt sind, hat sich dafür entschieden, die Studiengebühren zu streichen und zu einem öffentlichen steuerfinanzierten Hochschulstudium zurückzukehren; auch in Wales verfolgt die lokale Selbstverwaltung eine Rückkehr zur öffentlichen Finanzierung.
   Welche Konsequenzen hat die Feststellung des Ungleichheitsverhältnisses in der Finanzierung und Nutzung des öffentlichen Bildungssystems, wie sie in dem o. a. Marx-Zitat zum Ausdruck kommt? Ist die Forderung nach Studiengebühren tatsächlich eine sozial verträgliche Lösung? Die Erfahrungen in Großbritannien deuten auf das Gegenteil hin. Das gebührenfinanzierte Hochschulstudium hat nicht nur die soziale Exklusivität akademischer Bildung erhöht, sondern auch die Finanzierungslücke der Universitäten vergrößert. Der Rückzug des kapitalistischen Staates aus der Finanzierung der Universitäten hat also keines der grundlegenden Probleme lösen können.
   Schließlich ließe sich ja auch fragen: „Wie können Kosten und Nutzen der staatlichen Bildungseinrichtungen wirkungsvoll vergesellschaftet werden?“ Genauer: Welche politischen Maßnahmen sind erforderlich, um den Hochschulzugang sozial weniger selektiv zu gestalten? Und: Wie kann ein gerechteres Steuersystem geschaffen werden, das auch Spitzenverdiener (ob Akademiker oder nicht) zu einer adäquaten Finanzierung öffentlicher Aufgaben heranzieht?
   Der Blick über den Kanal bestätigt, daß in den kapitalistischen Industrienationen der Grad relativer Chancengleichheit im Zugang zu Bildung, Arbeit und Einkommen vom Umfang öffentlicher, und das heißt steuerfinanzierter Investitionen in Bildung und Beschäftigung abhängt. Oder anders ausgedrückt: Tatsächlich profitieren ärmere Familien weniger stark von der steuerfinanzierten Subvention der Hochschulen als reichere Familien, und insofern findet in der Tat eine Umverteilung von unten nach oben statt. Nur allen Erfahrungen nach stünden die weniger privilegierten Haushalte ohne diese öffentlichen Subventionen noch schlechter da. Wenn bürgerliche Bildungspolitiker den Rückzug aus der staatlichen Hochschulfinanzierung fordern und damit indirekt den Klassencharakter der deutschen Gesellschaft offen zugeben, zeigt sich, wie weit sich unsere Gesellschaft vom einstigen Konsens des Sozialstaates verabschiedet hat. Nur diejenigen unter den Linken, die wie Marx vor 130 Jahren an die revolutionäre Überwindung der Klassengesellschaft glauben, können eine solche Verschärfung der Klassengegensätze begrüßen.