| ausgaben |
| ausgabe 07 |
| |
| rubriken |
| essay |
| |
 |
|
|
LUX ET VERITAS
| Die amerikanische Rechte hat im vergangenen Jahrzehnt einen großen, andauernden Sieg errungen. Das ist der Sieg der bibelfesten, ordnungsliebenden, fordistischen, antikommunistischen Rechten. Dieser Sieg bestand darin, mittels einer Kampagne die Linke an den Universitäten und mit ihnen jede Form von Minderheitenpolitik, kritischer Lehre und politischer Opposition nachhaltig zu diskreditieren. Diese Kampagne gegen political correctness auf dem Campus ist ein Musterbeispiel dafür, wie Meinung gemacht wird, daß die öffentliche Meinung ein Konstrukt ist, aber kein theoretisches oder diskursives, sondern handgemacht und personifizierbar. Die folgende Darstellung will Anstoß dazu geben, ähnliche Strukturen, Institutionen, Netzwerke, Formen der Öffentlichkeitsarbeit und der Hochschulreform, ihre Entwicklung und ihre Urheber in Deutschland aufmerksamer zu beobachten.
1
Die Anfänge des heute immensen Öffentlichkeitsapparates der amerikanischen Rechten liegen in der Ära des New Deal, den 50er Jahren. Die Gründung von Jugendorganisationen wie der Young Americans for Freedom (YAF) und Zeitungen wie der National Review in den 50er und 60er Jahren, der Bildung von institutionellen Netzwerken zur Rekrutierung und Schulung von ideologischem Fachpersonal wie dem National Journalism Center (NJC) oder dem Leadership Institute (LI) in den 70ern waren die erste Basis. Man stellte Kader für Kampagnenarbeit, PACs, Lobbygruppen und schließlich die bestimmende Fraktion der Republikanischen Partei. Mit der Wahl Ronald Reagans 1980 zum Präsidenten war es dann so weit, direkt über die Regierung auf die nationale Politik Einfluß zu nehmen. In der Kulturpolitk mit dem Schwerpunkt auf dem Erziehungswesen wurde die Rechte in zwei Strömungen aktiv, die den in den Siebzigern vorangebrachten fortschrittlichen Entwicklungen in den Geisteswissenschaften (und Künsten) entgegenarbeiteten: einer gemäßigten, formuliert durch Neokonservative, traditionelle Liberale und die Ideologen am American Enterprise Institute (AEI); und in einer radikalen, in der Heritage Foundation vor allem von konservativen Christen vertretenen Strömung. In der Heritage Foundation wurde die Leitlinie des Kampfes gegen das vorgeblich von liberalen Schöngeistern beherrschte Hochschulwesen aufgebracht mit der Klage, daß sie die Lehrqualität und die akademischen Standards ruinieren würden.
2
Mitte der 80er Jahre hob eine Gruppe Konservativer zusammen mit dem Präsidenten der Free Congress Foundation (FCF), Paul Weyrich, ein Projekt namens cultural conservativism aus der Taufe, welche die auf die Wirtschaft fixierten Befürchtungen der Konservativen auf die kulturelle Sphäre lenkte, wo es galt, gegen die aktivistischen, um Werte, Lebensstile und andere nicht ökonomische Belange aufgebaute Bewegungen die Initiative zu ergreifen. Im Kern sollte die Bewahrung der westlichen Zivilisation als positives Ideologem gegen den zersetzenden Einfluß von relativistischen Theorien und von links politisierter Bildung in Anschlag gebracht werden jedoch nicht nur ideologisch, sondern in Form einer konkreten Aktion.
Diese Aktion, die schließlich 1990 in einer breiten Medienkampagne münden sollte, bereitete sich im gesamten konservativen Spektrum vor, auch bei der Alten Rechten, wie eine Äußerung von T. Kenneth Cribb, dem Präsident des Intercollegiate Studies Institute (ISI) von 1989 belegt: Nach 36 Jahren erfolgreicher Arbeit des ISI durch ihre Journale, Seminare, Bücher und Stipendien ... sollten wir unserer Strategie eine neue wichtige Komponente hinzufügen: Die konservative Bewegung ist jetzt reif, eine Gegenoffensive durchzustehen auf der letzten linken Bastion, dem College-Campus. ... Wir sind jetzt stark genug, einen zeitgemäßen Konservativismus auf dem Campus zu etablieren und die Linke auf ihrem eigenen Terrain herauszufordern. Wir wollen dies tun, indem wir die Basisarbeit und die Campusnetzwerke des ISI entscheidend ausweiten.
3
Das auf allen Ebenen kooperierende Netzwerk konservativer Organisationen umfaßt verschiedene publizistische Institute, Think Tanks, Ausbildungszentren, Stiftungen, Rechtsbeihilfe-Agenturen und Graswurzel-Verbände.
Einige Beispiele:
Das Institute for Educational Affairs (IEA) ist eine wichtige Dachorganisation verschiedener im Hochschulwesen aktiver rechter Verbände, gegründet, um bestimmte vielversprechende Doktoranden oder Studienanfänger mit großzügigen Geldmitteln zu unterstützen und um ihre Karrieren zu befördern. Die IEA ist eine private Körperschaft, die von den bekanntermaßen konservativ-rechten Stiftungen Coors, Mobil, Smith-Richardson, Earhart, Scaife und Olin mit Geldern ausgestattet wird und politisch kompatible Projekte im Hochschulsektor finanziell, mit Personenkontakten und logistisch unterstützt. Im September 1990 schloß sich das IEA mit dem Madison Center zum Madison Center for Educational Affairs (MCEA) zusammen, welches somit hinter 70 konservativen, auf 66 Hochschulcampi herausgegebenen Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von über 600.000 Exemplaren steht, darunter die berühmt-berüchtigte Dartmouth Review, die beispielsweise 1990 ein Zitat aus Hitlers Mein Kampf in ihrem Zeitungskopf veröffentlichte. Außer direkter Finanzierung der Zeitungen (fast 200.000 Dollar allein 1991, neben reichlich Einnahmen aus kommerzieller Werbung) stellt das MCEA redaktionelle und technische Hilfe zur Verfügung, unterhält eine gebührenfreie Ratgeber-Hotline, veröffentlicht Newslink, einen monatlichen Newsletter und gibt kostenlos Publikationen konservativer politischer Organisationen heraus.
Neben dem bekannten Hoover Institute (gegründet 1919), dem American Enterprise Institute (1943) und der Heritage Foundation (1973) wurden Dutzende Think Tanks nationalen Rangs seit den mittleren achtziger Jahren geschaffen und um mehr als fünfzig weitere, die in den verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten operieren, vermehrt. In den ursprünglich als Planungs- und Beratungs-Instituten konzipierten Think Tanks beschäftigen sich Experten mit verschiedensten Projekten, hauptsächlich jedoch mit Problemen der Freien Marktwirtschaft und Privatisierung, deren Ergebnisse nach dem Modell der Heritage Foundation aggressiv an die Regierungen der einzelnen Bundesstaaten vermarktet werden; sie bieten Trainingskurse für politische und wirtschaftliche Führungskräfte an und verwalten Informationen über potentielle Kandidaten für Stellungen in der Regierung oder der Jurisprudenz.
Schulungszentren, wie das bereits genannte LI oder NJC, bilden Fachleute heran, um sie in verschiedenen Institutionen zu politischen Zwecken einzusetzen. Das NJC verhilft Benjamin Hart zufolge jedes Jahr Dutzenden von ... Absolventen in wichtige Positionen der Nachrichtenmedien im ganzen Land. Das LI beispielsweise bildete zwischen 1987 und 1991 ganze 3950 Personen aus, ihre Einnahmen von über 1,1 Millionen Dollar (1990) und die breite sie unterstützende Basis ähneln denen der Heritage Foundation. Entscheidend an den Schulungszentren ist, daß sie als private Schulen anerkannt und z. T. von Steuern befreit sind, obwohl sie politische Ausbildung betreiben. Ihre Strategie besteht darin, durch Diskreditierung das staatliche Professionalisierungsmonopol zu brechen und gleichzeitig die eigene Bedeutung als Lehranstalten zu vergrößern.
Die National Association of Scholars (NAS) ist eine sogenannte Graswurzel-Organisation, d. h. ein Interessenverband konservativer Hochschullehrer, der als Informationspool dient, indem er z. B. die Quartalszeitschrift Academic Questions herausgibt oder mit Tagungen und Kongressen an die Öffentlichkeit tritt. Dem Chronicle of Higher Education zufolge hatte die NAS 1991 landesübergreifend 1400 Mitglieder, 1993 waren es bereits 2000. Das hauptsächlich von konservativen Stiftungen gestellte jährliche Budget des Verbandes beläuft sich auf rund eine halbe Million Dollar. Das von der NAS in Princeton eingerichtete Forschungszentrum hält ihre Mitglieder dazu an, Seminarpläne und -projekte, Fakultätsrundschreiben und dergleichen einzusenden. Überdies betreibt die NAS so etwas wie einen Stellen-Vermittlungs-Service und bildet politische Kollegen-Gruppen innerhalb der verschiedenen akademischen Fachverbände.
Einige der legal centers, Rechtsbeihilfe-Agenturen, die in den 80er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, befassen sich in ihrer rechtlich beratenden und Verfahren vor Gericht ausfechtenden Tätigkeit bevorzugt mit Hochschulfällen. Das Center for Individual Rights (CIR) z. B. behandelt schwerpunktmäßig Fälle, in die Direktoren, Universitätsverwaltungen oder einflußreiche akademische Senatsmitglieder verwickelt sind und die konservativen Fachbereichsperspektiven oder konservativen Studentenorganisationen und ihrem Tun ablehnend gegenüberstehen, und scheut dabei keine der juristisch und psychologisch zur Verfügung stehenden Methoden. Das Ziel der konservativen legal centers ist es zum einen, Präzedenzfälle zu schaffen, zum anderen soll per Gericht mehr und mehr die staatliche Regulierung an den Hochschulen verringert werden.
4
Die Anti-PC-Kampagne wurde schrittweise auf allen in Frage kommenden organisatorisch-öffentlichen Ebenen wirksam: auf dem Campus, durch Institute, Parteien und Verbände, in der akademischen und hochschulbezogenen Fachöffentlichkeit und schließlich in den Massenmedien.
Man begann damit, in den eigenen Fachorganen eine Strategie zu entwickeln: high ground activism. R. R. Richardsons Vorschlag für die Smith-Richardson-Stiftung in seinem Report on the Universities (1984) war, ein permanentes Netzwerk zu schaffen, die Linke zu schwächen, den ,high ground an sich zu reißen, die Stimmung in der Studentenschaft zu verändern und vielleicht etwas Einfluß auf die nationalen Entscheidungsstrukturen zu gewinnen. Es ging gegen das Renommee der akademischen Diskussion in den Geistes- und Sozialwissenschaften und gegen die Legitimation, die progressive (feministische, antirassistische, multikulturalistische, religiös, philosophisch und sexuell tolerante) Lehrangebote in den humanities auf die durch affirmative action geregelten Einstellungs- und Immatrikulationsquoten zugunsten von Minderheiten und Frauen ausstrahlten.
Im zweiten Schritt traten die Rechten in die Hochschulöffentlichkeit. Die Reports National Endowment of the Humanities (NEH), das den Kongreß in der Bildungspolitik mit Informationen und Empfehlungen versorgt, begann 1984 den Schaden zu liberaler Lehrinhalte und unamerikanischer Curricula zu beklagen. Die Diskussion darüber, ob man Minderheitenautoren repräsentativ in die Lehrpläne aufnehmen sollte, war skandalös und provozierte u. a. den Slogan Hey Hey, Ho Ho! Western Culture has to go!, den die Stanford-Studenten auf ihren Demonstrationen 1989 brüllten. Die Argumentation des NEH daß die Studentenzahlen bei niederer Studienqualität sinke, u. ä. war banal aber wirksam. Sie schadete dem Ruf nicht weniger geisteswissenschaftlicher Fakultäten, die sowohl von den Budgets für Bildung aus Washington als auch von privaten Sponsoren abhängig sind. Die in der Modern Language Association (MLA) engagierte Professorin Phyllis Franklin faßte es so zusammen: Schlimmer als der Verlust von Fördergeldern für irgendein einzelnes Projekt ist der Verlust des Vertrauens der Stiftungsgemeinschaft in ein bestimmtes Feld und dessen akademische Integrität, und sie kritisierte, daß einige Akademiker das öffentliche Interesse an der Hochschule schon benutzt haben als Waffe gegen die, deren Ideen sie ablehnen: schlechte Publicity außerhalb der Hochschulen anstelle von vorsichtiger Debatte in ihnen.
In den Jahren zwischen 1985 und 1991 mehrten sich die Fälle von Akademikern und Publizisten aus allen Gegenden des Landes, die mit Klagen und Polemiken gegen liberale Geisteswissenschaftler, ihre Ansichten und Methoden an die Öffentlichkeit traten. Mit Wagenladungen von Bestsellern ... über die angebliche Schreckensherrschaft an den Universitäten (Chomsky), der Gründung des NAS und weiteren NEH-Reports, tritt die Kampagne gegen political correctness an den Hochschulen in eine neue Phase. Diese Bücher mit Titeln wie Killing the Spirit, Illiberal Education oder The War against the Intellect wurden durch landesweite kostenlose Versendungen und unzählige Buchbesprechungen in der Presse promotet, ihre Autoren mit Geld und Fersehinterviews.
Die Strategie wird klarer, wenn die Äußerung des populären rechten Intellektuellen Dinesh DSouza liest und hinterher für PC die Anti-PC-Kampagne einsetzt: Die Organisation ist beeindruckend gewachsen, was mir weniger den Triumph des Konservativismus anzeigt als die Tatsache, daß der radikale Trust von PC eine Menge Leute in der Mitte befremdet hat. Es gibt sehr wenige ausgesprochen Konservative an den amerikanischen Hochschulen. Es sind Liberale verschiedenster Couleur, die den Mainstream ausmachen. ... Und was passiert ist, ist, daß PC einen Keil zwischen die klassischen Liberalen und Liberalen des alten Schlages und eine neue Art von Aktivisten mit einem anderen Liberalismusverständnis getrieben hat. ... Es ist also eine sonderbare Mischung. Und deswegen bekommt eine Gruppe wie die NAS viele Mitglieder, die gut auch außerhalb des Reagan-Bush-Camps stehen können. Das erklärt viel über ihren Erfolg. Eine dreiste Verdrehung der Wahrheit, wenn man bedenkt, daß an die 40 Prozent der amerikanischen Professoren nach eigener Einschätzung konservativ eingestellt sind gegenüber nur ca. 5 Prozent, die sich als links bezeichnen würden.
Der Höhepunkt der Kampagne begann im Herbst 1990 mit einem unschuldigen Artikel in der New York Times. Seitdem läßt das Thema die Amerikaner nicht mehr los. Keine Woche vergeht ohne Workshop, Seminar oder Fernsehrunde, in denen linke Bürgerrechtler und rechte Kulturphilosophen übereinander herfallen. Das Ausmaß der Hysterie ist wirklich augenfällig ... Zornige Reden wurden geschwungen, und die Presse ob Sport- oder Nachrichtenredaktion, ob Groschen- oder seriöses Journal veröffentlichte wie auf Befehl eine Flut von Artikeln; eine sechsmonatige Untersuchung der Los Angeles Times verzeichnete mehr als eine Meldung pro Tag. Sogar George Bush selbst, nicht gerade bekannt als Hochschulintellektueller oder Hardliner für das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, schaltete sich ein und verteidigte bei einer Rede an der Universität von Michigan die Campusfreiheit gegen politisch korrekte Zensoren. Diese Zitate aus deutschen und amerikanischen Quellen der Zeit kennzeichnen den Übergang der Kampagne in die Massenmedien. Auf 100 Artikel, die die Vorherrschaft der Linksfaschisten [in den Universitäten] bejammern, kommt vielleicht einer, der zaghaft darauf hinweist, daß die Machtübernahme so vollständig nun auch wieder nicht sei, und nicht ein einziger, der die Wahrheit mitteilt; um das zu erkennen genügt schon ein Blick auf das politische Spektrum der veröffentlichten Artikel, bemerkte einer der kritischen Beobachter. Unter den zwischen 1991 und 1994 zu political correctness erschienenen Artikeln waren über 250 Angriffe, davon viele von Liberalen, und nur eine Handvoll von Versuchen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Außerdem kamen in allen zu PC, Multikulturalismus etc. publizierten Artikeln und op-ed pieces nur sehr wenige Studenten zu Wort. Heutzutage ein Student der liberal arts mit fortschrittlicher politischer Haltung zu sein heißt, zugleich im Zentrum einer wütenden nationalen Debatte und völlig an den Rand gedrängt zu sein und dabei zuzusehen, wie andere, die weit vom Campus entfernt sind, dich beschreiben und dich für ihre eigenen politischen Zwecke benutzen.
Das Ziel war, so Chomsky 1993, die weitgehende Vereinnahmung des ideologischen Systems durch die Rechte. Die Denkfabriken der Rechten werden weiter ausgebaut, und es läuft eine Kampagne, um die ideologisch relevanten Bereiche der Hochschulen und Universitäten in den Griff zu bekommen. Schon jetzt gibt es jede Menge Professuren für Marktwirtschaft und freies Unternehmertum, materiell großzügig unterstützte Studentenzeitschriften, die extrem rechts angesiedelt sind, sowie jede Menge weiterer Tricks, um Denk- und Diskussionsansätze auf dem ohnehin sehr begrenzten Spektrum so weit wie möglich nach rechts zu verschieben. Und tatsächlich ist es gar nicht von Interesse, daß die ganze Bevölkerung rechts sei. Es genügt, daß diejenigen 20 Prozent der Bevölkerung, die das Privileg der höheren Bildung genießen und daraus in die Multiplikatoren- und Entscheiderfunktionen übergehen, daß diese die richtige politische, oder besser gesagt: unpolitische Haltung haben.
siehe u. a.
Ellen Messer-Davidov: Manufacturing the Attack on Liberalized Higher Education. in: Social Text 36, 1993, p.40-80
Noam Chomsky: Year 501 The Conquest Continues. South End Press, Boston 1993
| von T. B. Wolf
|
|