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ausgabe 06
 
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MARMELADE

   | Süß ist der Semesterneuanfang:
süß die neuen Mädchenaugen,
der nie angekaute Bleistift,
der noch unberührte Block.

Süß ist die Erwartung:
auf den Bänken die verschlafne Sonne.
Neuer Prof — neues Spiel?
Ach, verzeihen Sie,
ist das nicht Raum 310?

Süß der neue Leseplan:
wie ein Wackerstein im Magen...
Vor den Kopf geschlagen!
Auf den Mund gefallen!
Schuppen von den Augen!
Mensch, werd wach!

Das Semester ist so schnell vorbei —
nutz es!
Wirf dich in das erste Wortgefecht,
in den wissenschaftlichen Disput,
in den nächsten Streik (wer weiß?),
auf die Hausarbeit, das Referat, den Test!
Keiner schreibt sie so wie du.



Süß sind Morgenseminare
nach den Parties,
nach der Fête de la Musique,
nach der sternenklaren Nacht...
Welche Freude, dich zu sehen!

Süßer noch als unser Zorn,
wenn es ödet, langweilt, hinkt,
keiner fragt und zweifelt,
keine zankt und widerspricht,
ist nichts.

Nur eins.

Wie Marmelade, zuckersüß,
nein, wie Honig, mehr noch:
wie der erste Kuß:
LET’S WORK

als Einzige, als Einziger,
zwischen all den stinknormalen,
ahnungslosen Herden, Fastfoodlesern
in der Mensa, auf dem Gang,
in der U-, der S-, der Trambahn
aufzublättern und

zu lesen.