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DIE TÄTOWIERTE STADT
Das erste ist die Stelle, vielleicht an einer S-Bahn-Strecke. Sie muß mir gefallen. Und irgendwann ist sie fällig, erzählt BINE. Ich weiß nicht immer, was für ein Bild ich sprühen werde, das hängt vom Ort ab, vom Moment, wieviel Zeit ist. Ob es ein Bahnhof ist, wo ich nur drei Minuten zwischen den Zügen habe oder ein roof top (Dach) abends mit einer guten halben Stunde. Für schnelle Bilder, zum Beispiel von den U-Bahnschienen aus, nehme ich zwei Farben, etwa Schwarz für die Ränder und das gut deckende Silber. Im Winter trifft sich die Gruppe von Freunden in den fahrenden Wohnzimmern des Berliner Nahverkehrs. Wohin auch in diesem Smog ohne viel Kohle? Bis es dunkel wird, malen wir vielleicht unsere tags mit Stiften in den Waggons, schauen uns die Stadt an und machen, was uns sonst noch so alles einfällt. Die Dosen haben wir schon oder sie sind versteckt. Und wenn der Abend gut ist, mach ich dann das piece.
ADRENALIN
Manche sprühen, weil es verboten ist fürs Adrenalin! Oder als Verarschung, als Provokation. ... Wir wollen die Stadt so verändern, wie wir wollen! ... Es geht darum, aufzufallen, es ist auch ein Wettkampf untereinander. Wenn du zum Beispiel ein Bild auf einem Dach gemacht hast, wo schwer hinzukommen ist, wenn man sich sagt: unmöglich! dann bist du der King!
CULT, der im Wedding aufgewachsen ist und, seit er in Amerika war, Amerika, liebt, macht lieber ein gut ausgeführtes und vielgesehenes piece an einem Knotenpunkt der S-Bahn. Letzten Winter, an einem Wochenende am Mendelssohn-Bartholdy-Park, hatten er und ein Freund gerade ihr zweites Bild begonnen. Doch die Ziften hatten sie von oben, von der Brücke her, schon beobachtet. Leider kamen wir nicht mehr rechtzeitig weg. Da setzte es reichlich Stockschläge, Sand im Maul und Tritte.
Daß die Ziften, wie die Zivilstreifen der Kriminalpolizei unter Berliner Sprayern liebevoll heißen, am gefährlichsten sind, ist unumstritten. Sie stehen in der Hierarchie der gegnerischen Truppen ganz oben. Vor ihnen wie vor dem BGS, weil sie gut geschult und gewaltbereit sind, haben alle Respekt. Die scheißen drauf, ob dun Mensch bist, die hauen einfach drauf. ... Normale Schutzpolizisten sind da schon berechenbarer, die können zum Beispiel die Sprüher in einer Gruppe nicht unterscheiden. Der private Wachschutz von Boss, PeDus oder der IHS ist vollkommen harmlos. Die meisten haben keine Ausbildung, sind schlecht bezahlt, unmotiviert und eigentlich nur dazu da, präsent zu sein. Wenn so einer in einem U-Bahntunnel den Helden spielt und auf die Falschen trifft, da kann ihm schon mal ein Stein an den Kopf fliegen. Mit den Bifis (BVG u. S-Bahn) haben wir keine Probleme. Zwar haben sie Funk und wenn sie einen sehen, mußt du los. Aber sonst unternehmen sie nichts. Vorsichtig mußt du immer sein, auch wenn sie acht von zehn wieder laufen lassen.
TRAIN BOMBING
Ich will, daß klar ist, daß es mir nicht um Zerstören geht, sagt Fabian, der etwa 1995 anfing, Graffitis zu machen. Klar gibt es ein paar Hardcoretypen unter den Sprayern, die krimninell sind, die auf alles scheißen, klauen oder zu noch härteren Dingern fähig sind. Das sind aber die wenigsten. Die meisten haben einfach nur Spaß dabei, mit den Freunden unterwegs zu sein. Fabian hatte kürzlich sein zweites Gerichtsverfahren, weil sie ihn bei einem piece am Richard-Wagner-Platz erwischten und auf ein paar Fotos aus der Hausdurchsuchung festnageln konnten. Zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung hat er dafür bekommen, ein verhältnismäßig schweres Strafmaß. Züge sind am schwersten, erklärt er mit ungebrochener Begeisterung, und am angesehendsten. Bei der U-Bahn ist es ja fast unmöglich geworden. An den Durchgängen zu den Gleisen gibt es immer mehr Bewegungsmelder und Kameras, und die besprühten U-Bahnen fahren gar nicht mehr raus, sondern werden gleich zur Reinigung gebracht. S-Bahnen sind da besser, man kommt leichter auf die Kehranlagen, und mit etwas Glück fahren die Wagen ein paar Tage. Man muß höllisch aufpassen, vielleicht wacht einer der Fahrer vorne im Wagen auf, meldet dich heimlich und du wirst beobachtet, ohne daß du es merkst. Dann sind die Chancen zu entkommen schlechter.
Es geht um fame, den Ruf, der meistgesehene und waghalsigste Sprayer zu sein. Die Fotos, die man von einem gebombten Zug gemacht hat, sind richtige Trophäen. Anerkennung zu bekommen, durch Mundpropaganda bekannt zu werden, spielt eine wichtige Rolle. Weißt du, welche Freude das ist, wenn du über drei Ecken von jemandem, den du nicht kennst, auf eins deiner Bilder angesprochen wirst?
BERLIN SPRAY CITY
Das Schreiben des eigenen Namens, des tags, mit Edding oder Spray, die vielgeliebten scratchings an U- und S-Bahn-Scheiben, schnelle großflächige swamps an Zügen, bis hin zu graphisch anspruchsvollen, fassadendeckenden bunten Bildern die Ausdrucksformen von Graffiti sind so unbegrenzt und verschieden wie die Oberflächen, die sie bedecken. Sie sind so verschieden wie die Jugendlichen, die sie machen, und, nebenbei bemerkt, auch so schön. Immer wieder übermalt, abgerissen, zugebaut, verändern Graffitis sich ständig auf der Haut der Stadt.
Wer mit der S 46 oder 47 den Südring abfährt, mit der S 1 nach Wannsee oder mit der Stadtbahn von Ost- nach Westkreuz, sieht einige der faszinierendsten Bildergalerien in Europa. Berlin ist das beste hierher immer wieder! bestätigen alle illegalen und legalen Sprayer.
Für Außenstehende allerdings sind die gigantischen Kürzel RCB, GHS, Coke, BEX, EHB usw., die für Berlins Stadtbild inzwischen so charakteristisch sind, stumme Hyroglyphen. Der Spießer sieht darin nur die sinnlosen Schmierereien auf seinem graugetünchten Einerlei. Und die Berliner Zeitung schafft es, des Volkes Mund in nur eine Titelzeile zu pressen: Vereint gegen Graffiti und Müll für den Bericht über die Nachbarschaftsinitiative eines nordweddinger Rentnerehepaars. Das war im April letzten Jahres, als die Stadt die Initiative startete: Jedes Haus neu gestrichen in 24 Stunden! Unausweichlich war diese Aktion unseres Innensenators wie viele vor und nach ihr dann in Lächerlichkeit gescheitert.
Denn Berlin ist seit der Wende zum Mekka der Graffitiszene geworden, die geöffnete Stadt erschien allen als ein riesiger Spielplatz. Dazu machten das ausgebaute Nahverkehrssystem und die immer noch niedrigen Lebenskosten Berlin zum Anlaufpunkt für Sprayer aus ganz Deutschland und Europa. Es herrscht ein reger Austausch zwischen Sprayern aus Berlin, Warschau, Prag oder Rom. So lernt man, daß in den östlichen Nachbarländern die Möglichkeiten für illegale Graffitis noch größer sind, obwohl die Dosen teurer sind und schwieriger zu klauen als hier. Auch in Italien wird train bombing eher toleriert, vielleicht weil die Reinigungslogistik am Appenin schlechter finanziert ist als hierzulande. Dafür sind die Carabinieri weniger zimperlich und schießen schon mal den Sprayern in die Schulter oder die Beine. In Spray City Berlin baut man eher auf die preußisch-beharrliche Methode: konsequent verfolgen und bestrafen. Graffiti ist ein beliebter Spielball für Politik und Stimmungsmache. Mal hält es für höhere Fahrpreise, mal für den SIcherheitsetat her. Man kann Graffiti kriminalisieren und trotzdem den positiven Arbeitsmarkteffekt in kauf nehmen. Mehstellige Millionenbeträge pro Jahr fließen Putzfrauen und Wachschutz zu, Malerkolonnen schaffen an den Autobahnen, und wurde nicht Anfang der 90er Jahre der Deutschen Handwerkerpreis für ein Graffiti-Entfernungsmittel namens Dekontaminol verliehen, das in Holland abgekupfert war?
GiB AUF!
Auf der dunklen Seite des Mondes, irgendwo unterhalb des Berliner Äquators, in Lankwitz, das aus unerfindlichen Gründen noch zu Berlin zählt, hat im umzäunten Gebäudekomplex der Direktion 4 VB III die GiB ihren Stützpunkt. Die GiB ist eine im August 1995 gegründete Sonderabteilung der Landespolizei, die zusammen mit dem im Bahnverkehr eingesetzten Bundesgrenzschutz als Gemeinsame Ermittlungsgruppe gegen Graffiti in Berlin vorgeht.
Die Luft ist hier anders, wie auch das Licht anders ist und die Richtung der Gedanken. Zu den Verrichtungen zweier Sachbearbeiter, die gleichmütig an ihren Bildschirmen sitzen, Beweisaufnahmen schreiben und Anzeigen und Vorladungen verschicken, plätschert lau der Berliner Rundfunk. Der abgewetzte Raum ist hoffnungslos vollgerümpelt. Hier sind Plastikbeutel mit konfiszierten Spraydosen, da Haufen von Ordnern, daneben ein riesiger Müllsack voller Papier, ein Fernseher, Videorekorder, Kassetten, wer mag ahnen, was sich in den quer zur Tür gestellten Metallschränken alles verbirgt. Auf die Frage, ob ihm seine Arbeit Spaß mache, nickt einer der Beamten verschmitzt und ist zufrieden, daß man wenigstens pünktlich zu seinem Feierabend kommt.
Es sei eine Sysiphusarbeit, erklärt mir Herr Simonsmeier, der stellvertretende Leiter der GiB, in seinem Büro. Seine 31 Mitarbeiter, teils Sachbearbeiter wie im Stockwerk darunter, teils operative Kräfte, wissen wohl, sie haben auf ewig zu tun: Es sind hauptsächlich Jugendliche, die Graffiti machen. Fast alle sind männlich, fast alle deutsch, aus allen sozialen Schichten. Wollte man jeden mitrechnen, der an Wänden, in und an den Zügen seine Schmierereien hinterläßt, sind die unzählbar. Vielleicht sind es 10000 in Berlin? Der harte Kern von Sprayern, die nachts in den Kehranlagen U- und S-Bahnzüge besprühen, dürfte aber aus etwa 200 Personen bestehen. Die meisten sind in Crews von 2 bis 15 Leuten organisiert und sind das ganze Jahr über aktiv. So kommen wir hier auf etwa 1000 Fälle nur im letzten Jahr.
Die operativen GiBs sind rund um die Uhr unterwegs, vor allem in der zweiten Nachthälfte, um zu observieren, auf Meldung der S-Bahn, des privaten Wachschutzes oder der Polizeistreife schnell am Tatort zu sein, die Sprayer möglichst in flagranti zu stellen und bei Gefahr im Verzuge auch sofort ihre Wohnungen zu durchsuchen. Besonders begehrt als Beweismittel sind die blackbooks der Sprayer, in denen sie die Fotos ihrer besten Werke sammeln.
Natürlich hat man von den Erfahrungen aus den USA gelernt und versucht, durch umfassende Dokumentation der Sprayeraktivitäten, durch Fotos, zeitliche und örtliche Zuordnung der Bilder zu bestimmten Crews und Einzelpersonen und rigorose Verfolgung dem Problem Herr zu werden. Die Strafen, die für Graffiti im Fachjargon Sachbeschädigung durch Farbschmierereien verhängt werden, sind variabel: Verwarnung oder Freizeitarbeit bei reuiger Einsicht, Geldstrafen zur Schadensbehebung oder Jugendhaftstrafe. Darauf angesprochen, daß Sprayer von Polizisten bei der Verhaftung bisweilen geprügelt und getreten werden, weicht Herr Simonsmeier ein bißchen aus. Sinngemäß gibt er mir zu verstehen: Das ist ein heißes Pflaster. Unter den Sprayern und gegen den Wachschutz habe die Gewalttätigkeit gerade in diesem Winter zugenommen. Und bevor einer flüchtet oder tätlich wird, muß der Beamte ihn natürlich kampfunfähig machen...
Berlins Reinlichkeit ist in guten Händen. Herr Simonsmeier ist jung, höchstens 30, er wirkt sportlich, motiviert und optimistisch. Und das, obwohl er zugibt: Das Problem ist nicht zu beseitigen.
URBANOPHOBIE
Eins haben die CDU-geführte Regierung und die meisten Sprayer gemeinsam, sie halten Graffiti nicht für Kunst. Dabei trägt diese Subkultur mehr zum Ruf der Stadt als europäische Kulturmetropole beiträgt als Schwenkows Varietés oder die übersubventionierten Opernhäuser. Eine echte News, die in keiner Zeitung zu lesen war, ist der Ausverkauf in Bens Shop lange Zeit einer der Treffpunkte der Berliner Graffitiszene, der diesen Winter abgebrannt ist. Und auch über RCB, dessen Riesenbild am Palast der Republik dem Gebäude die einzige Würdigung nach 1989 erwiesen hat, las ich nie etwas.
Was für Leute sind hervorgegangen aus der ersten gesamtberliner Generation von Sprayern wie OCB oder Ghetto Star GHS, deren Bilder stadtweit zu sehen waren? Einen traf ich bei GraCo, einer jungen Agentur für Kunstprojekte und kommerzielle Auftragskunst in Berlin-Mitte. Erik, Chris und andere ehemalige Sprayer haben GraCo vor fünf Jahren gegründet und arbeiten heute u. a. mit Overdose, jungen Modedesignern, und den Musikern von 12Dingo an zahlreichen gemeinsamen Projekten. Sie, die früher selbst die Stadt mit Graffitis tätowiert haben, gehören heute zur Avantgarde der jungen europäischen Kunst. Sie zählen zwar nicht mehr zur aktiven Graffitiszene, aber dafür zum Innovativsten, was Berlin an Fassadenkunst, Mode, Architektur- und Internetdesign zu bieten hat. In dieser Kunst ist Bewegung, sagt Erik, während er seine dicke Ermittlungsakte vor mich legt. Und sie bringt eine eigene Formsprache, eine auf dem Spiel mit der Typographie von bloßen Buchstaben beruhende Vielfalt hervor, die atemberaubend ist! Die zwölf- oder dreizehnjährigen Kids, die heute illegal sprühen, die sich durch Graffiti mit Farben und Formen beschäftigen, haben ein Verständnis für Kunst, mit dem sie anderen Jugendlichen weit voraus sind.
Und nicht nur das. Niemand sonst befaßt sich so intensiv mit dem Zeichensystem der Stadt und schafft es, es gleichzeitig zu unterlaufen und so effektiv auszunutzen. Jugendliche sind es, die vom mainstream das erwarten, was er ihnen gibt: nichts. Die Möglichkeit, kreativ zu sein, nehmen sie sich einfach, sie schaffen Raum und Ausdrucksmöglichkeiten, die unserer Ordnung fremd sind, und die man nicht begreifen kann, sondern einfach sehen soll. Graffiti heißt ich war hier und ist Protest gegen das stillschweigende eintönige Einverständnis, daß die Stadt, die Öffentlichkeit irgendjemandem gehört. Nicht das verbotene Bemalen von Wänden und Bahnen ist eine Zweckentfremdung des urbanen Raums, sondern die Entmenschlichung der Stadt zu einen Moloch, in dem Verkehr und Geschäfte die zweckfreie Kunst und Geselligkeit vertrieben haben. Graffiti ist ein farbenfroher lebensbejahender Anarchismus, es ist Musik im Lärm der von Werbung zugekleisterten Wände, und es wird Zeit, daß Berlin ihnen ein Kontingent von U- und S-Bahnzügen zur Verfügung stellt, damit jeder sie überall sehen kann.
| von T. B. Wolf
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