| ausgaben |
| ausgabe 04 |
| |
| rubriken |
| seite 5 |
| |
 |
|
|
|
|
STREIK
| B. Traven. Señor Doux kriegte zuerst einen Schreck. Dann sagte er: Morales, kommen Sie zur Kasse. Da ist Ihr Lohn, und Sie können gehen, Sie sind entlassen. Morales drehte sich um, zog seine weiße Jacke aus, und sofort zogen die übrigen Kellner gleichfalls ihre Jacken aus und kamen zur Kasse.
...
Wissen Sie, daß die Kellner hier streiken und daß Sie hier den Streikbrecher machen?
Streikbrecher? Das bin ich nicht. Die streiken nicht, die haben nur aufgehört, weil sie mit dem Lohn nicht zufrieden sind. Ich bin mit fünf Pesos zufrieden. Was soll ich auch machen. Ich bin ganz herunter, habe nichts zu essen und keinen ganzen Fetzen.
Dann gehen Sie lieber betteln, riet ich.
Betteln? Nein, das ist unanständig.
Streikbrechen ist anständiger?
Was will ich denn machen, wenn man Hunger hat?
Dann stehlen Sie, wenn Ihnen Betteln zu unanständig ist, aber Streikbrechen ist ein dreckiges Geschäft.
Sie haben gut Reden, platzte er los. Sie arbeiten hier schön in der Konditorei, haben zu essen, haben ein Dach und kriegen Ihr Geld.
Das ist richtig, erwiderte ich. Und ich will Ihnen nun etwas sagen. Ich kann Ihnen hier so auf einen Ruck nicht klarmachen, wie durch jeden Streik, ob er gewonnen oder verloren wird, das Hungerleben der arbeitslosen Arbeiter um einen Grad seltener wird. Wenn die Leute hier die achtstündige Arbeitszeit durchsetzen, muß der Alte zwei, vielleicht gar drei arbeitslose Kellner mehr einstellen. Das ist nur gerade das Nächste und Klarste. Darüber hinaus kommen noch andre Umstände zugunsten der Arbeiter in Betracht, die viel weiter reichen als gerade bis zu dem kleinen Vorteil, den man vor der Nase sieht. Bis jetzt haben die Streikposten sich um euch noch nicht viel gekümmert. Sie wissen, daß ihr Fremde seid. Aber das geht nur ein oder zwei Tage so weiter. Morgen abend oder übermorgen seid ihr erstochen oder erschossen, damit Sie es wissen. Hier fackelt man nicht lang mit Kroppzeug, wie ihr seid. Wir können hier nur anständige Leute gebrauchen.
Die tun uns nichts, sagter der Mann. Wir gehen nicht raus.
Keine Angst, lieber Freund. Die kommen rein und machen das hier drin ab, unter voller Kaffeehausbeleuchtung. Nebenbei bemerkt, das einzige richtige Mittel, wie man mit Streikbrechern umgehen muß. Einen Mexikaner oder einen Spanier kriegen sie hier nicht als Streikbrecher, die wissen, was es bedeutet.
Er war ein wenig bleich geworden. Nun fragte er: Gibt es denn hier keine Polizei?
Natürlich, so gut wie bei euch zuhause, sagte ich. Aber die Polizei mischt sich hier nicht in Streitigkeiten zwischen Arbeiter und Unternehmer ein so wie bei euch da drüben. Die ist hier neutral. Einen Mann, der einem Streikbrecher die Wahrheit gesagt hat, den kriegen sie nicht. Sie suchen ihn auch gar nicht. Es hat euch ja niemand geheißen, in die Gefahrenzone zu gehen. Wenn ihr trotzdem geht, habt ihr auch die Verantwortung zu tragen. Als vernünftiger Mensch stellen Sie sich doch auch nicht bei einem Gewitter direkt unter einen einzelnen hohen Baum. Oder vielleicht doch? Ihre Schuld, wenn der Blitz Sie erschlägt. Da kann die Polizei gar nichts tun. Die Polizei ist hier nicht für die Kapitalisten da, sondern für die Kapitalisten und für die Arbeiter. Die Betonung liegt auf dem Und. Sie steht weder dem Kapitalisten bei noch dem Arbeiter, wenn die beiden einen Handel auszufechten haben. Der Streikbrecher hat in diesem Handel gar nichts verloren.
Der gute Mann wußte nicht, worum es ging, vielleicht wollte er es nicht einmal wissen. Er sagte: Ich denke das ist ein freies Land? Wo ist denn da die Freiheit, wenn man nicht arbeiten darf, wo man will?
Sowenig Sie da stehen können, wo ein andrer steht, ebensowenig können Sie an dem Platze arbeiten, wo ein andrer arbeitet. Denn die Leute haben ihren Platz nicht verlassen, sie haben die Arbeit nur unterbrochen, und sie kehren zurück, sobald der Alte wieder Vernunft annimmt.
Ich finde so leicht nicht wieder Arbeit, sagte er nun. Ich bleibe hier und lasse mich auf der Straße nicht sehen.
...
Am Abend, es war vielleicht halb neun, da stand der Deutsche an der einen Tür und wippte mit der Serviette. Er schien recht stolz zu sein, daß er es zum Kellner gebracht hatte. Unter normalen Umständen hätter er vielleicht Geschirrwäscher werden können. Die Streikposten kümmerten sich gar nicht um ihn. Sie schielten nur gelegentlich zu ihm rüber.
Da kam ein junger Bursche vorbei mit einem Stück Holz in der Hand. Der Streikbrecher ging ein wenig zurück, aber der Bursche ging die eine Stufe hoch und hieb ihm zwei gesunde Hiebe über den Schädel. Dann warf er das Holz weg und ging ruhig seiner Wege.
Der Ungar kam heraus, und einer der Streikposten nahm ihn gleich in Empfang. Sie brachten ihn zum Bureau des Syndikats, gaben ihm ein Nachtquartier und versprachen ihm, man wolle versuchen, ihm eine Stelle in einer Blechschmiede zu verschaffen.
Señor Doux hatte ihn auch noch um seinen Streikbrecherlohn betrogen, ihm nur fünfzig Centavos gegeben und vierzig für ein zerbrochenes Glas berechnet.
Der Deutsche machte andre Erfahrungen, wie mir später erzählt wurde. Am folgenden Morgen wurde er dem Polizeioffizier vorgeführt. Anstatt daß man ihn gelobt hätte für seine treue Streikbrecherarbeit, fragt ihn der Offizier: Was haben Sie denn hier ausgefressen? Gestohlen?
Nein. Ich habe in der La Aurora als Kellner gearbeitet und eins über den Kopf gekriegt., sagte der Mann.
In der Aurora wird doch gestreikt. Wußten Sie das nicht?
Freilich. Sonst hätte ich doch nicht da als Kellner arbeiten können, ich bin doch Tischler.
Ja, lieber Freund, Sie sind hier nicht in Deutschland. Streikbrecher sind hier nicht beliebt. Wenn hier im Wasserwerk oder im Elektrizitätswerk gestreikt wird, dann gibt es keine Technische Nothilfe wie in Deutschland oder in Amerika, sondern dann gibt es eben kein Wasser und keine Elektrizität, bis die Streikenden sagen: So, nun gibt es wieder was. Hier ist die Regierung neutral in solchen Streitigkeiten. Also, Ihre Tätigkeit ist hier erschöpft. Laufen Sie mir nicht davon. Ich kriege Sie, und dann lasse ich Sie daheim verknacken. Sie stehen jetzt unter meiner Autorität; ich habe gebürgt für Sie, andernfalls müßten Sie hier im Gefängnis warten, bis ein Schiff da ist. Und das Gefängnis hier ist kein Spaß, sondern eine ernste Sache.
Damit war die Frage der Streikbrecher in der La Aurora entschieden.
| aus: Die Baumwollpflücker
|
|