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| PIER PAOLO PASOLINI DIE WÜSTE IST IN UNS
von Mariana Beelke
| In diesem Jahr jährt sich zum fünfundzwanzigsten Mal der Todestag des großen italienischen Dichters Pier Paolo Pasolini (1922-1975) und gleichzeitig der hunderste Todestag des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche.
Der Titel Die Wüste ist in uns stammt aus einem Gedicht von Nietzsche, geschrieben in einer Verzweiflung, seine Liebe nicht ausleben zu können. In einer ähnlichen Situation befand sich fünfzig Jahre danach der italienische Dichter Pasolini.
Am 2. November 1975 wurde sehr früh am Morgen an einem schönen strahlenden Sonntag am Strand von Ostia bei Rom der Körper eines Menschen gefunden. Dieser schrecklich verstümmelte Körper war der Körper des Dichters Pier Paolo Pasolini. Es war kein Selbstmord, sondern eindeutig Mord. In der Öffentlichkeit wurde sein Tod zum Skandal, genau so wie sein Leben. Ein Skandal war es erstens, wie ein bekannter Schriftsteller, ein Vertreter der Kultur sein Leben verliert. Zweitens wegen des Ortes, wo die Tat geschehen war: ein in den Augen der mittelständischen Bourgeoisie verrufener Ort, am Rande der Stadt, wo es nur Baracken, Müll und Exkremente dieser Gesellschaft gab.
Und drittens war es ein Skandal für die Würde des Menschen, weil der Kadaver gefunden wurde, besudelt von Blut, Urin, Sperma, Schweiß und Sand.
Non ero solo, morivo dabbandono ...
Uno si volse ... Sento ancora il tuono
della pistola, il tanfo della fogna.
La latrina fu un tempio, aperto ai vostri
sguardi: che non erano sguardi di perdono.
Ich war nicht allein, ich starb aufgegeben ...
Einer drehte sich um ... Ich höre noch den Knall
der Pistole, der Modergeruch der Kloake.
Der Abort war ein Tempel, geöffnet für eure
Blicke: es waren keine Blicke der Vergebung.
aus: BESTEMMIA, Deserto (Übersetzung: M.B.)
Wenn einer ermordet wird, sucht die Gesellschaft (Justiz, Polizei und die Öffentlichkeit) nicht ausschließlich die Täter und deren Schuld, sondern auch die Schuld des Opfers.
Der Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini war in der Gesellschaft zu Lebzeiten verfemt, weil er homosexuell war und sich am Strand von Ostia bei Rom von Zeit zu Zeit Strichjungs gesucht hatte, um sich sexuell zu befriedigen, dort, zwischen Müll und Abfällen dieser vornehmen Gesellschaft, während die anständigen Bürger zu Hause vor dem Fernseher saßen oder Freunde zum Drink eingeladen hatten oder eben mit der angetrauten Ehefrau im Bett lagen.
Nulla è piú terribile
della diversità ...
Nichts ist schrecklicher
als anders zu sein ...
aus: BESTEMMIA
(Übersetzung: M.B.)
Pasolini kämpfte sein Leben lang gegen diese Andersartigkeit, die ihn in unserer gleich-machenden Welt in eine tödliche Isolation trieb, die er gar nicht wollte.
La morte non è
nel non poter comunicare
ma nel non poter piú essere compresi
Der Tod liegt nicht
im Sich-nicht-mitteilen-können,
sondern im Nicht-mehr-verstanden-werden-können.
(...)
Il Neo-Capitalismo ha vinto, sono
sul marciapiede
come poeta, ah [singhiozzo]
e come cittadino [altro singhiozzo].
Der Neo-Kapitalismus hat gesiegt, ich bin
auf dem Gehsteig
als Dichter, ach [ein Schluchzen]
und als Bürger [noch ein Schluchzen].
aus: BESTEMMIA, Poesia in forma die rose
(Übersetzung: M.B.)
Er konnte die ihm anhaftende Andersartigkeit, die ihm immer alle in Zeitungsartikeln usw. bescheinigten, bei aller Anstrengung nicht mehr abstreifen. Aber was bedeutet in unserer heutigen Welt eigentlich Andersartigkeit? Es bedeutet zunächst einmal, die Hauptstraße des Lebens, der alle Zeitgenossen sei es aus Bequemlichkeit oder gar aus Mangel an Intelligenz mit Vorliebe folgen, zu verlassen, eine Straße, die mit Fleiß und mit viel Anpassung das Leben einfacher macht und dem Einzelnen eine Chance zur Karriere und Selbstdarstellung gibt. Dann aber auch, in eine Seitenstraße abzubiegen, die der etablierten Ordnung in unserer Gesellschaft widerspricht. Und Pier Paolo Pasolini fühlte sich in dieser Seitenstraße zu Hause, weil er von hier aus die etablierte Gesellschaft angreifen konnte. Er hoffte insgeheim, daß andere Intellektuelle seiner Zeit sich anschließen würden, um die mächtigen Unterdrücker der Menschheit durch Geist zu unterdrücken. Einige wenige in dieser Welt gab es, die in ihrer Andersartigkeit einen ähnlichen Kampf geführt haben: Bertolt Brecht (DDR), Allen Ginsberg (USA), Roberto Roversi und Gianni Scalia (Italien), Yilmaz Günei und Nazim Hikmet (Türkei) und andere, die der neokapitalistischen Bourgeoisie keinen Waffenstillstand angeboten haben.
Die Anklage der Homosexualität ist eine heuchlerische Methode gewesen, um die sogenannte Sauberkeit und Anständigkeit der bürgerlichen Welt zu bewahren und um einen jungen Intellektuellen als unmoralischen Dämon ein für allemal zu verdammen. Das Perverse an dieser Geschichte ist, daß unsere großartige abendländische Kultur seit der Renaissance voller andersartiger Persönlichkeiten ist, die alle gefeiert werden: Leonardo, Michelangelo, Raffael, Tizian, Rimbaud, Baudelaire, Oscar Wilde, Villon, Proust, Kafka, Dostojewski usw.
Der junge Pasolini engagierte sich nach dem Krieg im Friaul an den Kämpfen der Tageslöhner als überzeugter Kommunist.
Dann kam der lange Aufenthalt im Friaul während des Krieges. Wir wurden dorthin evakuiert, wegen der Bombenangriffe auf Bologna (mein Bruder starb in den Carnischen Alpen bei Kämpfen an der Seite der Partisanen). Das Friaul ist also mein zweites Bildungsmilieu gewesen, auch wenn es etwas künstlich war, weil ich es als eine Art idealen Ort für die Dichtung und für meine ästhetisierenden Träumereien, die mystisch waren, auserwählt hatte. Es war jedoch sehr wichtig für mich, und im besonderen, weil ich dort auf recht ungewöhnliche Weise zum Marxisten
wurde.
Wie ich Ihnen ja schon erwähnt habe, machte ich die objektive Entdeckung der friaulanischen Bauern durch die äußerst subjektive Verwendung ihres Dialekts. Unmittelbar nach Kriegsende befanden sich die Tageslöhner im Friaul in einem heftigen Kampf gegen die Großgrundbesitzer. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich körperlich völlig unvorbereitet, weil mein Antifaschismus rein kulturell und ästhetisch war und nicht politisch. Zum ersten Mal sah ich mich einem Klassenkampf gegenüber und ich zögerte nicht: sofort schloß ich mich den Tageslöhnern an. Sie trugen am Hals rote Tücher, und seit diesem Moment habe ich mich zum Kommunismus bekannt, so aus dem Gefühl heraus. Dann habe ich Marx und einige marxistische Denker gelesen. Aus diesem Grund hat das Friaul eine große Bedeutung für mich. Am längsten gearbeitet habe ich freilich in Rom: ich bin 1950 nach Rom gekommen und lebe seitdem hier.
aus: Pasolini su Pasolini Conversazione con John Halliday; Parma 1992
(Übersetzung: M.B.)
Als 1967/68 die Studentenrevolten in Europa begannen zuerst in Deutschland, dann in Frankreich und Italien gegen die alte reaktionären Universitätsstrukturen, dann aber auch politisch gegen den von den USA geführten Krieg gegen Vietnam, hatte Pasolini zunächst eine positive Meinung, daß endlich etwas geschehe gegen die alteingesessene reaktionäre Bourgeoisie in Europa, dann aber erkannte er, daß die revoltierenden Studenten nur Mittel zum Zweck einer sogenannten progressiven Bourgeoisie geworden waren, die in ihren Zielen nichts Besseres versprach als das gewesene Reaktionäre. Und Pasolini versuchte seiner Vernunft alles geschichtlich zu erklären...
... bis zu meiner Generation hatte die Jugend vor sich die Bourgeosie als ein Objekt, als eine getrennte Welt ( getrennt von ihnen, da ich natürlich über die ausgeschlossenen Jugendlichen spreche: ausgeschlossen durch ein Trauma: und nehmen wir als typisches Trauma jenes des neunzehnjährigen Lenin, der seinen Bruder gesehen hat, wie er von den Kräften der Ordnung aufgehängt wurde). Wir konnten auf die Borugeosie so objektiv schauen, von draußen (auch wenn wir schrecklich in sie integriert waren,in der Schule, Kirche, ängstliche Unruhe): die Art, auf die Bourgeoisie objektiv zu schauen, wurde uns angeboten, nach einem typischen Schema, von einem Blick, der aufgelegt wurde auf sie, der von etwas kam, das nicht bürgerlich war: Arbeiter oder Bauern (was man später Dritte Welt genannt hat). Aus dem Grunde haben wir, junge Intellektuelle, vor zwanzig oder dreißig Jahren (und aus den Privilegien der Klasse: Studenten) konnten wir eine antibürgerliche Haltung haben, auch außerhalb der Bourgeoisie: durch die Betrachtung, die uns die anderen Klassen (Revolutionäre oder Rebellen) angeboten haben.
aus: BESTEMMIA, Wichtige Bemerkung zum Gedicht Il PCI ai giovani!
(Übersetzung: M.B.)
Diese Bemerkungen wurden seinem Gedicht in Prosa (Poesie in prosa) mit dem Titel Die Kommunistische Partei in die Hand der Jugendlichen! nachträglich hinzugefügt. Dieses Gedicht rief einen der vielen öffentlichen Skandale hervor, da in einer Zeit der kleinbürgerlichen Euphorie für die Revolten der Jugendlichen Pasolini sich gegen den Trend der Zeit wendete und er keinen von ihnen in Ruhe ließ, wie er immer war, besessen von einer Idee des wahren Lebens gegen eine formale Festlegung der sogenannten Wahrheit.
Die öffentliche Reaktion konzentriert sich auf eine besondere Stelle in diesem Gedicht, die alle aufschreien läßt:
Quando ieri a Valle Giulia avete fatto a botte
coi poliziotti,
io simpatizzavo coi poliziotti!
Perché i poliziotti sono figli di poveri.
Vengono da periferie, contadine o urbane che siano.
Als ihr euch gestern auf der Valle Giulia geschlagen habt
mit den Polizisten,
sympathisierte ich mit den Polizisten!
Weil die Polizisten Söhne der Armen sind.
Sie kommen aus der Provinz, bäuerlich oder städtisch, was immer.
aus: BESTEMMIA, Il PCI ai giovani!
(Übersetzung: M.B.)
Alle Intellektuellen von Links und Rechts konnten in ihren Angriffen keine Kritik an der Sache vollziehen, sondern warfen ihm vor, daß seine Dichtung keine Dichtung und daß seine Kunst häßlich sei. Und sie warfen ihm eine falsche Liebe zum Volk vor und einen homosexuellen Trieb für die Vergötterung der Armen und eine reaktionäre psychische Pathologie.
In seinen Analysen hat Pier Paolo Pasolini sehr gut verstanden, daß die Jugendlichen der 60er und 70er Jahre in Europa gar keine wirkliche Revolution anstrebten, sondern nur einen Wechsel in der Macht, verschnörkelt mit einem
Flair von Progressivität. Wir sehen heute, daß Pasolini recht hatte, wenn wir in Deutschland z.B. die "Grünen" und die Jusos betrachten und mit welchem Geschick sie sich an die Macht gebracht haben. Wir erkennen auch an den heutigen Universitäten immer nur eine Neustrukturierung, ohne wirklich etwas zu verändern. Der Kampf des Kleinbürgertums und das sind wir alle zielt immer darauf, möglichst nicht aus der Klasse ausgestoßen zu werden und in ihr das Reaktionäre so modernistisch wie möglich zu installieren.
Aber Pier Paolo Pasolini wurde durch seine vielseitigen Interessen und Engagements aus seiner Klasse ausgestoßen: ein andersartiger Bürger, der nicht dazu gehören wollte.
Toltomi il mio posto nella borghesia, mi fu tolto
il mio posto nel mondo. Dove sta, mi chiedo,
uno che non ha un posto nel mondo?
(...)
il mondo borghese che vuole essere tutta la storia, stronzo!
Indem man mir meinen Platz in der Bourgeoisie genommen hat, hat man mir
meinen Platz in der Welt weggenommen. Wo steht, frage ich
mich,
einer, der keinen Platz in der Welt hat?
(...)
die bürgerliche Welt, die die gesamte Geschichte sein will, ein Kothaufen!
aus: BESTEMMIA, Coccodrillo
(Übersetzung: M.B.)
Was ist aus der studentischen Jugend nach diesen dreißig Jahren geworden? Schlummert in ihnen noch ein Fünkchen von dem Feuer, daß die vorangegangenen Generationen auf die Barrikaden trieb oder schlafen sie vor dem Monitor mit Internet-Eingaben ihren ewigen Schlaf der Gerechten? Haben sie noch nicht bemerkt, daß das, was man heute internationale Kommunikation nennt, der entscheidende Schritt in die Isolation der (freien) Individuen ist?
Wollen wir uns von den Mächtigen dieser Welt immer tiefer in den Sumpf der technologischen Modernität führen lassen und in immer leistungsfähigere neurotische Krankheiten?
| Marina Beelke ist seit Jahrzehnten als Forscherin mit Pier Paolo Pasolini befaßt. Sie hat an der Technischen Universität Berlin die Professur für Italienische Sprache und Literatur inne.
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