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manifest gegen zeitarbeit
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MANIFEST GEGEN ZEITARBEIT

   | Dana Küntzel. Wer kennt sie nicht, die Angebote von „Sofort-Jobs“, „flexibler Arbeit mit freier Zeiteinteilung“ und „viel Urlaub“, die in den Stellenanzeigen aller Zeitungen zu finden sind?
   Es sind die Annoncen von Zeitarbeits-Agenturen, von denen es in Deutschland seit den 80er Jahren immer mehr gibt. Eine bestimmte Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Arbeitsmarktpolitik unserer Regierung waren die Ursache für ihr Aufkommen und ihr Florieren. Die großen und mittleren industriellen Betriebe entließen viele Arbeiter, von denen ein Großteil nachher arbeitslos blieb. Gerne wollten die Firmen jetzt auch noch die „sozialen Kosten“- Überstunden- und Wochenendzuschläge, Versicherungsleistungen, Schwangerschaftsurlaub, Urlaubs- und Weihnachtsgeld ppp., kurz alles, was von den vorigen Generationen von Arbeitern und Angestellten erkämpft und in Tarifverträgen festgeschrieben wurde — „einsparen“. Viele vertraglich Festangestellte waren plötzlich „unrentabel“, und „flexible“ Arbeitskräfte, die man je nach Bedarf abrufen und wieder entlassen konnte, waren gefragt. Die Stunde der Zeitarbeit hatte geschlagen. Und die Agenturen, die Arbeitssuchende an Betriebe „vermieten“, so daß diese die lästigen „sozialen Kosten“ nicht mehr mittragen brauchten, schossen wie Pilze aus dem Boden. Allein in Berlin und Umgebung gibt es davon jetzt schon weit über hundert.
   Der Lohn, den sie auszahlen, ist konkurrenzlos niedrig, er beträgt für ungelernte Arbeiten zwischen 8 und 13 Mark — brutto: denn Sozial- und Rentenversicherung gehen davon noch ab. Der Gesamtstundenlohn für Arbeiten in diesem Preissegment — die anstrengendsten, schmutzigsten und undankbarsten, die es überhaupt gibt — liegt aber bei zirka 30 Mark. Das ist ein Preis pro Arbeitsstunde, der auf den ersten Blick viel erscheint, aber noch weit unter dem liegt, was ein Wirtschaftsunternehmen für ein echtes Arbeitsverhältnis bezahlen müßte. Fragst du einmal bei der Arbeitssuche einen Zeitarbeits-Agenten, wieviel er über meinen 10-Mark-Lohn hinaus von seinem Kunden, deinem neuen Arbeitgeber bekommt, kann es gut passieren, daß er dir zur Antwort gibt: „Das geht Sie überhaupt nichts an!“ und dir den Hörer vor der Nase auflegt.
   Zeitarbeit ist aber nicht nur die Kaltschnäuzigkeit kleiner schmarotzender Unternehmer, die zu nichts anderem fähig sind, als ein popeliges Hinterhofbüro aufzumachen. Zeitarbeit ist nicht nur der Schacher zwischen diesen Parasiten und schmierigen Subunternehmern oder den Personalchefs angesehener Firmen. Und sie bedeutet nicht nur, daß Einzelne die Menschen, die vielleicht keine andere Chance haben, als sich zu jedem Preis zu verkaufen, wie Arbeitsvieh behandeln und bei der geringsten Beschwerde rausschmeißen können.
   Nein, Zeitarbeit ist ein Symptom, ein Anzeichen der Krankheit unserer Gesellschaft: kein Respekt mehr vor den einfachen Arbeitern, vor den Schwachen, besonders den Ausländern, den Frauen und Älteren; kein Gedanke an Mitsprache, an individuelles Interesse und Kritik; keine Anerkennung oder überhaupt die Möglichkeit, „von unten“ konstruktive Vorschläge einzubringen, am Produktivitätszuwachs mit zu profitieren oder sich kollektiv zu organisieren.
   Zeitarbeit ist das Merkmal einer Gesellschaft, in der die lokalen solidarischen kulturellen Bindungen zerstört sind, in der die Ärmsten mit der Propaganda vom „Sozialschmarotzer“ und mit „wer Arbeit sucht, der findet auch welche“ unten gehalten und gegeneinander aufgehetzt werden. Zeitarbeit ist die Abschaffung der arbeitsrechtlichen Sicherheiten, die den Besitzenden über Generationen in schwerem Kampf abgerungen wurden, Sicherheiten, die überhaupt nichts damit zu tun haben, daß es, wie behauptet wird, „keine Arbeit mehr gibt“ oder daß hohe Lohnkosten und feste und sichere Arbeitsverträge wegen der „Globalisierung“ den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ gefährden würden. Die arbeitsrechtlichen Sicherheiten gehören vielmehr zu den wichtigsten gesetzlichen Regeln, die die Fortschrittlichkeit eines Gemeinwesens ausmachen. Denn wenn es immer mehr Zeitarbeit gibt, gibt es immer weniger Arbeitsrechte, gibt es immer weniger organisierten solidarischen Kampf um Arbeit, Lohn und Unterstützung der Bedürftigen, und es gibt also immer weniger Fortschritt.
   Carl von Ossietzky, der für die Interessen der Arbeiter, für die Toleranz und für die Meinungsfreiheit gekämpft hat und dafür ins KZ kam, wußte, wie leicht es ist, diejenigen, die es schwer und die wenig haben, gegeneinander aufzustacheln, sie in der Konkurrenz um Arbeitsplätze mit Haß gegeneinander, gegen Arbeitslose, gegen Minderheiten, Ausländer (damals die Juden) und gegen sogenannte Sozialschmarotzer zu infizieren.
   Zeitarbeit ist die Legalisierung der Ausbeutung, die privates Gewinnstreben an die Stelle der gemeinnützigen Aufgabe des Arbeitsamtes (der Arbeitspolitik) zuläßt, ist die institutionalisierte Entrechtung und Desolidarisierung der arbeitenden Individuen — mit einem Wort: Zeitarbeit ist eine Schande für jedes Land.
   Die Vereinigten Staaten von Amerika werden in den letzten Jahren in den Medien und von vielen Politikern als Vorbild gelobt und zur Nachahmung empfohlen. Die Arbeitslosigkeit abgebaut! Die Staatsschulden verringert! Die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt verbessert! Ein vorbildliches Land! — Doch was steckt dahinter? — Die meisten neuen Jobs nur im Billiglohnbereich: zwei bis drei braucht der Amerikaner, der sich damit über Wasser halten will, und mit der nächsten Rezession ist er wieder arbeitslos. Eine Absenkung der gesetzlichen Mindestlöhne: jetzt können die einheimischen Arbeiter endlich mit den noch „bescheideneren“ Zuwanderern, vor allem den Lateinamerikanern und Asiaten, konkurrieren — um den niedrigsten Lohn! Neue Gesetze für die Sozialhilfe: wer sich weigert, einen Billiglohnjob anzunehmen, kann u. U. nie wieder Sozialhilfe bekommen. Diese von Leuten, die am Existenzminimum leben, erzwungenen Arbeiten sind aber nicht nicht etwa nur Arbeiten im sozialen Bereich, die der Allgemeinheit dienen, sondern es sind Jobs bei stinknormalen Firmen wie McDonald’s oder gar Siemens, die billige Kurzzeitbeschäftigte suchen! Mit einem Wort, es handelt sich um staatliche Lohndrückerei!
   Eine bezeichnende Begleiterscheinung — welch ein Zufall — es gibt in den USA immer mehr Zeitarbeit. Die Zeitarbeitsfirma Manpower Inc. (von der es inzwischen auch Filialen in Deutschland gibt) hat Mitte der 90er Jahre den amerikanischen Automobilkonzern General Motors als größter einheimischer Arbeitgeber abgelöst!
   Wollen wir diese Verhältnisse auch hier in Europa, und in Deutschland?
   Nein! Wir sind für ein Verbot von Zeitarbeit. Wir sind für den Schutz von Mindestlöhnen, die eine Existenz ermöglichen! Wir sind nicht für eine Bestrafung der Schwarzarbeiter, sondern in erster Linie ihrer Arbeitgeber! Auch die großen Betriebe, die die Verantwortung auf Subunternehmer abladen, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Die Gesetze dafür müssen beschlossen werden. Wir sind für ein starkes Streikrecht, das es Unternehmen unmöglich macht, mit Streikbrechern — z. B. Zeitarbeitern wie in den USA — den Arbeitskampf zu unterlaufen. Wir unterstützen alle basisdemokratischen Organisationsformen, die Betriebsräte in den Firmen, die Gewerkschaften und Selbsthilfevereine der Arbeitslosen und gemeinnützige Job-Börsen, wie es sie auch in Berlin reichlich gibt.
   Die Zeitarbeit geht jeden an! Auch Dich Studenten, der bald gut verdienen kann in den Ingenieurs- und Lehrberufen, in den Verwaltungen oder in den heute boomenden Branchen der Mikroelektronik, Informatik und Medienkommunikation. Auch Du wirst das Los der Industriearbeiter, der Bauberufe und vieler Dienstleister teilen, wenn Du nicht offen Stellung beziehst.
   Kämpft gegen die Zeitarbeit — mit Argumenten, mit Eurem Protest und durch Eure Weigerung! Informiert Euch, überzeugt Euch und andere in Diskussionen von dem Schaden, den Zeitarbeit anrichtet! Sprecht auch die Arbeitgeber an, die Zeitarbeit nutzen, klärt sie auf und empfehlt ihnen bessere Alternativen. Sprecht offen die Forderung nach dem Verbot von Zeitarbeit aus. Was kostet es Euch? Wenig mehr als nichts!
   Aber der Kampf gegen die Zeitarbeit ist ein mündiger politischer Akt, ein Handgriff von vielen zum Aufbau einer wirklich fortschrittlichen Gesellschaft, wo Fortschritt ein positiver Begriff ist und allgemeine Teilhabe am erwirtschafteten Reichtum und Mitsprache und Zusammenarbeit in allen gesellschaftlichen Fragen bedeutet.