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ausgabe 01
 
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BRIEF AN DIE SOWJETISCHE JUGEND

   | Was wünsche ich der Jugend meiner Heimat, die sich der Wissenschaft geweiht hat?

   Vor allem — Folgerichtigkeit. Über diese höchst wichtige Voraussetzung einer fruchtbaren wissenschaftlichen Arbeit vermag ich niemals ohne innere Bewegung zu sprechen. Seid konsequent, konsequent und nochmals konsequent! Von allem Anfang an erzieht Euch bei Eurer Arbeit zu strenger Folgerichtigkeit bei der Anhäufung des Wissens. Eignet Euch zuerst die Anfangsgründe der Wissenschaft an, ehe Ihr versucht, ihre Gipfel zu erklimmen. Schreitet niemals zum Folgenden, wenn Ihr das Vorhergehende noch nicht beherrscht. Versucht niemals, Lücken in Euren Kenntnissen zu verbergen, und sei es auch durch die kühnsten Mutmaßungen und Hypothesen. Wie sehr sich Euer Auge auch am Schillern dieser Seifenblase ergötzen mag - sie wird unweigerlich zerplatzen und nichts als Verwirrung bei Euch zurücklassen.

   Erzieht Euch zur Selbstbeherrschung und zur Geduld. Gewöhnt Euch an die Kleinarbeit in der Wissenschaft. Untersucht, vergleicht die Tatsachen und sammelt sie. Wie vollkommen der Flügel eines Vogels auch sein mag, der Vogel könnte niemals zum Fluge emporsteigen, ohne sich auf die Luft zu stützen. Die Luft des Wissenschaftlers — das sind die Tatsachen. Ohne Tatsachen sind Eure „Theorien“ vergebliches Bemühen. Aber wenn Ihr studiert, experimentiert und beobachtet, bleibt nie an der Oberfläche der Tatsachen. Werdet nicht zu Archivaren von Tatsachen. Strebt danach, in das Geheimnis ihrer Entstehung einzudringen. Sucht hartnäckig nach den Gesetzen, denen sie unterworfen sind.

   Das zweite ist Bescheidenheit. Glaubt niemals, daß Ihr schon alles wißt. Und wie hoch man Euch auch einschätzt, habt stets den Mut, Euch selbst zu sagen: ich bin unwissend. Laßt Euch nicht vom Stolz beherrschen. Aus Stolz werdet Ihr dort starrköpfig sein, wo man zustimmen muß, aus Stolz werdet ihr nützlichen Ratschlag und freundschaftliche Hilfe ablehnen und das Maß der Objektivität verlieren. In dem von mir geleiteten Kollektiv macht die Atmosphäre alles. Wir alle dienen einer gemeinsamen Sache, und jeder bringt sie nach seinen Kräften und Möglichkeiten vorwärts. Bei uns läßt sich oft nicht feststellen, was das "Meine" und was das „Deine“ ist; aber gerade daraus erwächst der gemeinsamen Sache nur Gewinn.

   Das dritte ist Leidenschaft. Denkt daran, daß die Wissenschaft vom Menschen sein ganzes Leben fordert. Und hättet Ihr zwei Leben - sie genügten Euch nicht. Große Anstrengung und hohe Leidenschaft verlangt die Wissenschaft vom Menschen. Seid leidenschaftlich in Eurer Arbeit und bei Euren Forschungen.
Unsere Heimat eröffnet den Wissenschaftlern weite Perspektiven, und man muß ihr geben, was ihr gebührt — d.h. die Wissenschaft voll und ganz in das Leben unseres Landes einführen, freigebig bis zum Äußersten.

   Was ist über die Stellung des jungen Wissenschaftlers bei uns zu sagen? Hier ist ohnehin alles klar. Dem jungen Wissenschaftler wird viel gegeben, aber es wird auch viel von ihm verlangt. Und für die Jugend wie für uns ist es eine Sache der Ehre, das große Vertrauen zu rechtfertigen, das unsere Heimat der Wissenschaft entgegenbringt.

I. Pawlow

   Diesen Brief schrieb Akademiemitglied I. P. Pawlow kurz vor seinem Tode im Februar des Jahres 1936. Er gilt mit Recht als das Vermächtnis des großen Gelehrten und großen Patrioten. Der Brief wendet sich an die sowjetischen Jugend am Vorabend des X. Kongresses des Komsomol.



Entnommen aus:
Ch. S. Koschtojanz: Die Arbeiten I. P. Pawlows auf dem Gebiet der Verdauungsphysiologie — Eine populärwissenschaftliche Erzählung. Übersetzung von Karl Wilhelm Horn. Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1952, S.9