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WAS IST ... NEWROZ?

   | Newroz hat viele Facetten.
Es ist...
- das Neujahrsfest der iranischen Völker,
- der kurdische Nationalfeiertag,
- ein Tag für Massaker an der kurdischen Bevölkerung in der Türkei,
- ein Tag der Krawalle auf deutschen Straßen,
- ein „türkischer Staatsfeiertag“.

   Als Neujahrsfest der iranischen Völker wird Newroz, „der neue Tag“, bei allen iranischen Völkern — bei Persern, Tadschiken, Afghanen, Belutschen und Kurden — als Beginn des Frühlings, als Beginn des neuen Jahres gefeiert, wenn die wieder Tage länger werden als die Nächte am 21. März. Newroz symbolisiert den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, den Sieg des Guten über das Böse. Nach langem harten Winter schmelzen Eis und Schnee in der Wärme der Frühlingssonne, neues Leben strömt in Halme und Zweige, das Leben entfaltete wieder seine volle Kraft; Tiere und Menschen sind bereit für einen Neubeginn.
Newroz ist ein Fest der Freude. Zur Feier von Newroz werden oft spezielle Gerichte auf den Tisch gebracht und das Haus mit Weidenkätzchen, blühenden Quittenzweigen oder Narzissen, Tulpen und Hyazinthen geschmückt. Man trägt neue Kleider, und mancherorts zerbricht man altes Geschirr — das soll Glück bringen. In einigen Gegenden wird das Fest mehrere Tage lang gefeiert. In dieser Zeit besucht man Verwandte, versucht Mißstimmigkeiten aus dem vergangenen Jahr ins Reine zu bringen und sich wieder zu versöhnen, und es gibt Geschenke für die Jüngeren. In manchen Landesteilen geht die städtische Bevölkerung am letzten Tag der Newroz-Feierlichkeiten mit der ganzen Familie aufs Land und verbringt den ganzen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in freier Natur.

   Newroz ist der kurdische Nationalfeiertag. Er entspringt der kurdisch-medeischen Legende, und die großen Feuer, die zu seinem Anlaß angezündet werden, symbolisieren den Sturz und die Ermordung des sagenhaften Tyrannen Dahak, die durch Entzündung vieler Feuer auf den Gipfeln der Berge dem Volk kundgetan wurden. Seit diesem Tag ist Newroz der Tag der Befreiung und der Freiheit und die Feuer des Newroz-Festes stehen noch immer, bis heute, die ungestillte Sehnsucht des kurdischen Volkes nach Frieden und Freiheit, nach einem menschenwürdigen Leben.

   1923 verbot der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk zusammen mit der islamischen Feier des Jahreswechsels auch das kurdische Neujahrsfest. Nach dem blutigen Militärputsch von 1980 aber, als Tausende von Menschen in den türkischen Gefängnissen auf unvorstellbare Weise gefoltert und ermordet wurden, verbrannte sich — zum Zeichen des Widerstandes — Mazlum Dogan im Gefängnis von Diyarbakir als lebende Newroz-Fackel. Die großen Gefängnisaufstände jener Zeit hatten große Auswirkung auf die Wiederbelebung der Newroz-Traditionen im Zuge der Entstehung einer kurdischen Nationalbewegung. Die Feierlichkeiten wurden zunehmend zu Protestkundgebungen gegen das türkische Militärregime, erst recht, als Mitte der Achziger Jahre die PKK den bewaffneten Kampf aufnahm und sich — verursacht durch den willkürlichen Staatsterror gegen die kurdische Zivilbevölkerung — immer mehr Menschen mit ihr solidarisierten.

   Die Newroz-Massaker 1992 — in diesem Jahr erreichte die Konfrontation einen Höhepunkt: Die neue Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Demirel, die mit Demokratisierungsversprechen an die Macht gekommen war und von der „Anerkennung der kurdischen Realität“ sprach, hatte erstmals Newroz-Festlichkeiten erlaubt. Die PKK rief für diesen Tag zum „Volksaufstand“ auf. Schon im Vorfeld der Feiern ließ die Regierung mehrere kurdische Städte von Panzern umstellen. — Zwei Tage später las man in deutschen Zeitungen folgende Kurzmeldung: „Blutbad am Newroz-Tag in Kurdistan. Zehntausende hatten sich am Samstag in verschiedenen Städten Kurdistans versammelt, um zum Neujahrsfest gegen die KurdenPolitik der türkischen Regierung zu protestieren. Ohne Vorwarnung schossen Armee und Polizei in Cizre dann in die Menge. Mindestens fünfzig Tote und mehrere hundert Verletzte in Cizre, Sirnak, Nusaybin und Van [darunter auch Kinder] sind die bittere Bilanz des Wochenendes. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand.“

   Newroz-Krawalle auf deutschen Straßen — Anläßlich der Massaker in Türkisch-Kurdistan 1992 wurde der Vorwurf an die deutsche Bundesregierung als wichtige Waffenlieferantin an die Türkei immer lauter. Filmaufnahmen des Fernsehsenders Sat 1 hatten eindeutig erwiesen, daß von Deutschland geliefertes Rüstungsmaterial, insbesondere Schützenpanzer aus Beständen der früheren DDR, bei den Einsätzen gegen die Kurden im Südosten der Türkei benutzt worden waren. Außenminister Genscher mußte einen vorläufigen Stopp weiterer Rüstungslieferungen verhängen. Eigentlich aber wollte und will man von der Komplizenschaft der deutschen Regierung nichts hören: Seit dem Verbot der PKK und zahlreicher kurdischer Organisation 1993 und 94 gehen auch in Deutschland Polizei und Behörden auf Geheiß des Innenministeriums rigoros gegen Demonstrationen und Veranstaltungen zu Newroz vor.

   Ein „türkischer Staatsfeiertag“ — Nachdem die strikte Verbotspolitik jahrelang nichts gefruchtet hatte, versucht die türkische Regierung, Newroz zu vereinnahmen. In den Medien wird den Türken erklärt, was sie bis jetzt über ihre eigene Geschichte nicht wußten, daß Newroz nämlich ein uraltes „türkisches Fest“ sei. An den Schulen wird den Schülerinnen und Schülern die neue Version des Newroz-Festes eingehämmert und offizielle Newroz-Zeremonien werden abgehalten. Der Polizeichef von Izmir verkündete 1996: „Wir als Polizisten werden den Bürgern helfen, Newroz zu feiern. Wir werden Bonbons verteilen. Wir werden Bürgern, die keine Autoreifen zum Anstecken finden, Reifen zur Verfügung stellen.“ Freilich hindert dies die türkische Regierung — welche Koalition auch gerade „an der Macht“ ist — nicht daran, alljährlich vor dem Newroz-Fest Sondereinheiten des Militärs und der Polizei in Stärke von weit über 100.000 Mann in den Südosten der Türkei zu verlegen.

   Heute ist Newroz
   Frohes Fest, mein Mädchen
   Gib mir ein Küßchen!
   Frohes Fest!
(aus einem Newroz-Lied)

   | eingesandt von Kazim Karadag