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ZUM THEMA KULTURELLE FEINHEITEN
| Isidor Grim. Daß die Deutschen sich nicht nur von Würstel und Krauti ernähren oder daß Amerikanerinnen früher küssen als Engländerinnen, ist für die meisten von uns Passanten im global entgrenzten Dorf keine Neuigkeit mehr. Wie trotzdem zarte Gefühle durch Unwissen von den Feinheiten der verschiedenen Kulturkreise verletzt werden können, beweist ein Fall, der sich Ende letzten Jahres bei der Sprechstunde des TUSMA-Vorstandes ereignet hat.
Die TUSMA-Vorstände haben in ihrer Sprechstunde die Aufgabe, für die spezielleren Probleme Lösungen zu finden, die den Studenten bei ihrer Arbeit, in Amtsdingen und im Verkehr mit der TUSMA entstehen. Natürlich sind auch Vorstände nur Studenten wenn sie auch schon immer in der Geschichte des Vereins bunt zusammengewürfelter Haufen unterschiedlicher Nationalitäten waren und nicht dazu ausgebildet, um all die abweichenden Sensibilitäten von Birma bis Bayern, von Utah bis Ulan Bator und von Rom bis nach Jerusalem zu kennen oder zu verstehen.
Es war also zunächst nichts Ungewöhnliches, daß der Chinesin, die zu Semesterbeginn ihre neue Studienbescheinigung noch nicht hatte, die Ausnahmegenehmigung zur Arbeitsvermittlung vom Vorstand verweigert wurde. Etwas später war derjenige, der in der Sprechstunde ihren Fall entschieden hatte, ziemlich überrascht, sie bei einem Gang durch den Warteraum wiederzufinden. Sie stand in einer Ecke des Zimmers von Freundinnen umringt und schluchzte und weinte zum Herzerbarmen. Besorgt näherte er sich, um zu fragen, was denn passiert sei und ob er helfen könne. Die anderen jungen Chinesinnen, die tröstend bei ihr standen, hielten ihn zurück und erklärten ihm das Motiv ihrer Betrübnis. Es ist ja bekannt, daß im Land des Lächelns ein Lächeln nicht unbedingt Heiterkeit ausdrückt und daß sein Gesicht zu verlieren in Zong Guó eine weitaus ernstere Verletzung des persönlichen Ehrgefühls ist als hierzulande. Der Grund für die Tränen dieser Studentin war jedoch wirklich schwer zu erraten: Sie fühlte sich beschämt, weil sie mit ihrem Anliegen zurückgewiesen worden war. Nicht die praktische Sorge um ihre Arbeit bekümmerte sie oder die Enttäuschung über die mißlungene Vorsprache. Sondern ihr Selbstwertgefühl war so tief getroffen worden, daß sie weinen mußte. Und auch der betreffende Vorstand fühlte sich plötzlich an seine Grenzen gestoßen und bedauerte, nicht wenigstens diplomatischer gewesen zu sein.
Es ist so. Wir wissen nichts voneinander.
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